Tempo 100 für das Klima
Etscheits Alltagssress
Klimaschutz soll ja mittlerweile recht populär sein. Doch auf den Straßen ist davon nichts zu spüren. Da wird gerast wie eh und je. Und das Killerthema Tempolimit scheuen selbst die Grünen in der Regel wie der Teufel das Weihwasser. Dabei könnte mit einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung von heute auf morgen massenweise Energie und Kohlendioxid gespart werden. Denn der Luftwiderstand eines Autos wächst im Quadrat zur Geschwindigkeit – exponentielles Wachstum. Und exponentielles Wachstum ist schlecht. Egal ob Bevölkerungswachstum, ungezügeltes Wirtschaftswachstum oder die Kettenreaktion in einer Atombombe.
Bleibt nur die Selbsthilfe. Ich fahre mit meinem schwachstmöglich motorisierten Golf Diesel (Baujahr 1998) schon seit Jahren konsequent Tempo 100 auf der Autobahn und 80 auf der Landstraße. Das ist nicht nur klimaschonend, sondern auch richtig erholsam. Wenn man so vor sich hin zuckelt, kann man wunderbar Musik hören, die Landschaft genießen oder sich Gedanken machen – etwa über neue Kolumnen für Klimaretter.info.
Doch für die meisten Mit-Autofahrer scheint eine solche Verhaltensweise schlicht asozial zu sein. Viel schlimmer als schwul sein oder – katholisch. Dass die Fahrer hinter mir, wie ich gelegentlich im Rückspiegel beobachte, ob meiner entspannten Fahrweise genervt mit dem Kopf schütteln, ist noch das wenigste. Andere hupen und blinken mich an, zeigen mir den Vogel, oder überholen scharf, um dann direkt vor mir wieder einzuscheren. Langsamfahrer, so die Botschaft, gehören ausgemerzt.
Besonders unduldsam sind Chauffeure von Reisebussen, die es nicht ertragen können, wenn man gleich schnell oder nur geringfügig schneller fährt als sie. Das führt dazu, dass man sich gegenseitig dauernd überholen muss, was viele Busfahrer offenbar als Provokation empfinden. Dabei will ich sie nicht ausbremsen, sondern nur konstant meine 100 Stundenkilometer fahren. Richtig gefährlich wird es, wenn ein riesiger Lkw, der sich natürlich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung für Laster hält, so nah auffährt, dass ich nur noch den monströsen Kühlergrill sehe. Die Reaktion des Fahrers entgeht mir dann, glücklicherweise.
Auch beim Überholen eines Wohnwagens halte ich die mir selbst auferlegte Richtgeschwindigkeit ein. Soll ich auf die Tube drücken und unnötig Sprit verbrauchen, nur weil aus der Ferne ein Touareg oder Porsche mit Affenzahn heranrauscht? Der muss sich dann eben etwas gedulden. Ich gestehe, dass ich eine etwas unlautere Freude empfinde, wenn ich sehe, wie der Fahrer des Panzers hinter mir fast explodiert, weil er vielleicht etwas scharf abbremsen muss. Manchmal wünschte ich mir deshalb einen Aufkleber mit dem Text "Tempo 100 – dem Klima zuliebe", den ich mir ans Heck kleben könnte. Aber leider sind diese Aufkleber völlig aus der Mode gekommen. Andererseits: Wenn ich es selbst mal eilig habe und mir ausnahmsweise Tempo 120 gestatte...?
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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