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Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Etscheits Alltagsstress

etscheidDer strahlende Beginn eines Sommertages, Frühstück im gepflegten Garten, fröhliche Kindergesichter, zärtliche Muttis, fürsorgliche Väter. Und dann ein frischer, weißer Strahl Milch in eine Schüssel mit goldgelben Cornflakes! Morgenstunde – Sonnenschein. Fehlt eigentlich nur noch, dass der Bärenmarke-Bär herbeitorkelt. Aber Spaß beiseite. Nach solch einem unbeschwerten Hochglanzmorgen, wie ihn die Werbung suggeriert, sehne ich mich. Denn für einen Menschen, der sich um Natur und Klima sorgt, ist ein Morgen niemals unbeschwert.

Es geht schon los mit der Zeitung. Wenn ich auf dem Titelbild einen ölverschmierten Pelikan sehe und der Aufmacher von Klimakanzlerin Merkels Winkelzügen kündet, ist der Tag eigentlich schon gelaufen. Dann die Morgentoilette im fensterlosen Bad, umnachtet vom unbedingten Willen zur allseitigen Ressourcenschonung. Das Licht über dem Spiegel knipse ich erst ein, wenn ich mich rasiere, zum Pinkeln reicht Tageslicht vom Flur. Beim Seifeschlagen mit dem Rasierpinsel achte ich darauf, das warme Wasser nur in ganz dünnem Strahl laufen zu lassen, was mehrfaches Nachjustieren erfordert. Dann braucht man allerdings länger, um sich den Schaum von den Händen zu waschen. Macht das die Ökobilanz wieder zunichte?

Interessant ist die Sache mit der Mischbatterie: Wenn der Hebel in der Mitte steht, was er aus Gründen der Symmetrie meistens tut, läuft lauwarmes Wasser aus dem Hahn. Um kaltes zu zapfen, muss man ganz nach rechts schwenken, was eine klitzekleine Anstrengung bedeutet. Wahrscheinlich ein perfider Einfall der mit der Öl-Industrie verbandelten Armaturenhersteller, die den Nutzer auf listige Weise dazu zwingen, sich die Hände eigentlich nie mehr mit kaltem Wasser zu waschen. Und warum ist eigentlich das warme Wasser immer gefühlte 120 Grad heiß? Geht’s nicht auch etwas kälter? Ich muss mal mit dem Hausmeister sprechen.

Duschen ist auch nicht ganz einfach für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen. Gebadet wird schon lange nicht mehr, weil ein Vollbad eine Energie- und Frischwasserschleuder ersten Ranges ist. Ich habe mir angewöhnt, nur maximal zwei Minuten unter der Dusche zu stehen, wobei beim Einseifen natürlich der Wasserstopp betätigt wird. Im Winter kann das etwas ungemütlich sein, aber irgendein Opfer muss man ja bringen.

Früher habe ich unter der Dusche oft Duschgel benutzt. Auch das ist wohl wieder so ein Trick, um den Verbrauch anzukurbeln. Denn ein klassisches Stück Seife ist bestimmt viel ökonomischer, auch wenn ich die genaue Ökobilanz nicht kenne. Denn manchmal erlebt man ja seine Überraschungen. So soll mein Ökowaschmittel zumindest klimamäßig völliger Mist sein, weil man, um die Wäsche sauber zu kriegen, immer mit höherer Temperatur arbeitet, als es mit konventionellen Waschmitteln nötig wäre. Also doch wieder Persil?

Beim Eincremen denke ich daran, wie viel Erdöl wohl in einer Nivea-Dose steckt. Oder Palmöl oder was sonst alles Umwelt und Klima killt. Dann Zähneputzen. Dummerweise habe ich mich vom Zahnarzt zu einer elektrischen Zahnbürste überreden lassen. Per Hand ging es natürlich auch, aber jetzt hängt das Ding an der Wand und will zumindest solange benutzt werden, bis es kaputt ist. Aber der Stecker kommt nur zum Aufladen rein! Und die leckeren Kellogs-Frosties? In denen steckt bestimmt jede Menge Genmais. Außerdem sind die, wie Foodwatch herausgefunden hat, eine echte Zuckerbombe. Wenn die Bio-Flakes nur nicht so fad schmecken würden...

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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