Der Sommer-Albtraum
Etscheits Alltagsstress

Deutschland deliriert wieder einmal im Fußballfieber und ein Bekenntnis zur Nation, sei es mittels schwarz-rot-goldenem Auto-Ständer oder irrer Irokesen-Perücke, scheint da Bürgerpflicht. Doch Umwelt- und Klimaschützer haben kein Vaterland. Weder die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko noch die Erderwärmung machen bekanntermaßen an Landesgrenzen halt. Und das grün-patriotische Gerede von Deutschland als Umweltmusterländle hat mich schon immer genervt. Ich brauche nur in den Müllcontainer auf den Hof zu schauen und mich fragen, ob außer mir noch jemand seinen Müll trennt.
Insgeheim hoffe ich, dass Deutschland nicht Weltmeister wird, sondern schon nächsten Samstag beim Spiel gegen Argentinien aus dem Wettbewerb fliegt. Dann wäre endlich Schluss mit dem ganzen Schrott, den die Fanartikel-Firmen millionenfach unters Volk bringt und der nach einmaligem Gebrauch erst in der Grabbelkiste und dann unweigerlich im Müll landet. Dann wäre Schluss mit besagten Auto-Wimpeln und Perücken, grenzdebilen Schlapphüten a la Oktoberfest, Schweißbändern, Autoaußenspiegelpräservativen und Fußballshirts. Alles in schwarz-rot-gold, einer Farbkombination, die ich noch nie für sehr gelungen hielt. Und natürlich wäre endlich Schluss mit den hupenden Autokorsos enthusiasmierter Fans und den unsäglichen Nerv-Tröten, vulgo Vuvuzelas, die einem nach jedem gewonnenen Spiel unserer „Jungs“ den Schlaf rauben.
Auch der von der WM-Euphorie beflügelte Heimkino-Hype würde wohl nach einem vergeigten Viertelfinale abrupt in sich zusammenbrechen. Der Boom des Geschäfts mit Flachbildschirmen treibt den Stromverbrauch in den Gaststätten und Wohnzimmern dieser Republik zurzeit in ungeahnte Höhen. Unter zwei Metern Bildschirmdiagonale tuts ja heute niemand mehr.
Außerdem will ich nicht, dass sich die Merkel an König Fußball saniert. Ich sehe Frau Klimakanzlerin schon auflaufen beim Endspiel in ihrem knallroten, aus Beton gegossenen Einheitskostüm, zusammen mit Adlatus Westerwelle - und fürs Überleben der Chaos-Koalition dringend nötige Sympathiepunkte sammeln. Nein, diesen Auftritt gönne ich einer Politikerin nicht, die mittlerweile zu den größten Bremserinnen der Weltklimapolitik gehört, jeden umweltpolitischen Rollback als nachhaltig tarnt und der Atom-Industrie den roten Teppich ausrollt. Das wäre für mich kein Sommermärchen, sondern ein Sommeralbtraum.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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