Von Pforzheim bis Ulan Bator
Etscheits Alltagsstress

Sesshaftigkeit galt lange als kulturelle Errungenschaft, als epochaler Fortschritt im Vergleich zu jenen Tagen, als die Menschen noch nomadisierend umherzogen, um sich en passant mit Beeren, Pilzen, Kräutern und Wildbret zu versorgen. Dann erfand ein gewisser Herr Daimler den Verbrennungsmotor und die Welt wurde kleiner und kleiner. Heute ist sie auf die Dimensionen eines "global village" geschrumpft und Sesshaftigkeit beinahe zur Untugend geworden. Wer etwas auf sich hält in Zeiten unbegrenzter Mobilität, muss mindestens an zwei Orten gleichzeitig "zu Hause" sein, um nicht als Neandertaler zu gelten.
Im Abspann von Zeitschriftenartikeln oder auf Buchumschlägen prahlen zeitgeistige Autoren gerne mit ihrer ubiquitären Daseinsform. "Lebt und arbeitet in Londonparisnewyork" heißt es dann. Oder: "Pendelt zwischen Berlin und der Provence". Welche Plätze im Sinne des Neo-Nomadentums die effektvollsten Kombinationen abgeben, unterliegt gewissen Modeströmungen. Als die Mauer fiel, war das "spannende" Berlin jener Ort, an dem man unbedingt einen Koffer haben musste. Dann kam die Dotcom-Euphorie und niemand, der nicht als hoffnungsloser Spießer gelten wollte, um London, New York, San Francisco oder "LA" herum.
Seit es Billigflieger gibt, kann man auch wieder gut mit innereuropäischen Zielen wie Barcelona, Pisa oder Dublin punkten. Ganz besonders gut macht es sich allerdings, die chinesische Megacity Shanghai in die Liste der Zweit- und Drittwohnsitze aufzunehmen. Denn wer wollte angesichts der exorbitanten Wachstumsraten im Reich der Mitte bestreiten, dass hier und nur hier die Musik der Zukunft spielt. Von russischen Städten ist abzuraten: "lebt in Hamburg und Wladiwostok" kommt schon vom Klang her nicht besonders.
Der neuste Trend unter globalen Flachwurzlern ist ein temporärer Aufenthaltsort in der deutschen Provinz. Schließlich sollte das Dasein als Weltbürger mit einem Bekenntnis zur "Region" einhergehen. "Lebt und arbeitet in Berlin, Ulan Bator und dem Hunsrück (Heimat!)". Klingt gut, nicht? Es soll sogar schon wieder Menschen geben, die sich von der ganzen Klima killenden Vielfliegerei verabschiedet haben und auf die Frage, wo sie denn ihr müdes Haupt zu betten pflegen, mit einem schlichten "Pforzheim" antworten.
Der diese Zeilen geschrieben hat, lebt und arbeitet in München und nur dort.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
Zurück zur Kolummnen-Übersicht
Die Schlagzeilen um 02 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge
Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13






