An der Flasche
Etscheits Alltagsstress

Klar, bei Hitzewellen wie dieser tut jeder Tropfen gut. Dass jeder Mensch am Tag drei Liter Flüssigkeit zu sich nehmen sollte ist aber ein Mantra der Wellnessgesellschaft. Wer diese Weisheit in die Welt gesetzt hat, ist wohl nicht mehr zu ermitteln.
Ernährungsexperten können es nicht gewesen sein, denn die halten die Drei-Liter-Regeln für ausgemachten Unsinn. Ärzte raten nämlich immer dann zu trinken, wenn man Durst hat. Der Körper - von alten Menschen mit vermindertem Durstgefühl einmal abgesehen - wisse schon, wann und wie viel Flüssigkeit er brauche. Dass Gerüstbauer im Hochsommer mehr trinken müssen als Realschüler im Winter, ist eine Binsenweisheit.
Wahrscheinlich war es die Plastik- und Getränkeindustrie, die das Märchen vom Turbo-Trinken in die Welt gesetzt hat. Mit durchschlagendem Erfolg. Kein Teenager, der nicht seine Einwegplastikwasserflasche im Rucksack oder der Cargohose ständig mit sich herumschleppt, kein Geschäftsmann ohne den halben Liter Vittel im Rollkoffer, kein Hausfrau ohne Flüssigkeitsration auf Shoppingtour in der Großstadtwüste. Für Überlebens-Profis hält die Industrie sogar spezielle Rucksäcke („CamelBak“) mit integriertem Wasserreservoir bereit, das man freihändig über einen Schlauch anzapfen kann. Etwas bizarr, im Sinne des Umweltschutzes aber immer noch besser als die unsäglichen Einwegflaschen.
Millionen Deutsche hängen mittlerweile an der Buddel und regredieren zu Flaschenkindern. Manche der durchsichtigen Plastikgebinde verfügen über spezielle Stutzen, die man mit den Zähnen aufziehen kann, um dann den Inhalt herauszunuckeln. Fehlt eigentlich nur noch der Milchstoß, mit dem Kälber den Euter der Mutter zur Milchabgabe animieren.
Einziges Problem der infantilen Vieltrinker: Wo werde ich die überschüssige Liquidität wieder los? Öffentliche Toiletten sind angesichts der Ebbe in den kommunalen Kassen zur Seltenheit geworden. Und Wirte sehen es nicht gerne, wenn man nur zum Biseln vorbeikommt. Da wird dann wohl manch leere Flasche zur diskreten Entsorgung genutzt. Eine Art des Recyclings.
Immerhin.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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