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Esst mehr Pferdefleisch!

Etscheits Alltagsstress

Schon mal vom Hornberger Schießen gehört? Also, Hornberg ist ein Städtchen in Baden-Württemberg. Im Jahre 1564 meldete der Herzog Christoph von Württemberg dort seinen Besuch an. Die braven Bürger setzten alles daran, dem hohen Gast einen ehrenvollen Empfang zu bereiten, inklusive einer Begrüßungskanonade. Um den rechten Moment für die Böllerschüsse abzupassen, hielten Wächter auf dem Schlossturm Ausschau nach des Herzogs Eskorte.

Endlich ertönte das Signal, das Freudenschießen begann. Doch die Staubwolke, die die Wächter ausgemacht hatten, entpuppte sich als ein Hirte, der mit seiner Rinderherde mächtig Staub aufwirbelte. Als der hohe Herr dann wirklich erschien, blieb den Bürgern, die schon alles Pulver verschossen hatten, nur noch übrig, aus kräftigen Kehlen ein donnerndes Piff-Paff erschallen zu lassen. Der Herzog soll darob sehr erzürnt gewesen sein, ließ sich aber besänftigen und feierte mit den Bürger ein frohes Fest.

Von der Geschichte in die Gegenwart, genauer gesagt zum aktuellen Lebensmittelbetrug. Ob BSE, Ehec oder Pferdefleisch in der Fertig-Lasangne – bislang sind all diese "Skandale" ausgegangen wie oben beschriebene Veranstaltung. Zuerst viel Lärm, Empörung, ZDF-Extras, Sonderseiten in den Zeitungen, besorgte Politiker, die Sofortmaßnahmen verkünden und schonungslose Bestrafung der Verursacher versprechen. Kurzzeitig bricht der Absatz der betroffenen Produkte ein. Doch bald schon hat sich die Volksseele wieder beruhigt, der Absatz zieht wieder an, die Vorschläge der Politiker versanden. Und alles bleibt, wie es war.

Mangelnde Kontrollen sind nicht das Problem 

Denn das Problem sind nicht die viel beschworenen "schwarzen Schafe" oder mangelnde Kontrollen, wie sie jetzt wieder von der feschen CSU-Verbrauchertäuschungsministerin Ilse Aigner gegeißelt werden. Das Problem ist der deutsche Konsument und seine Billig-billig-Mentalität. Wer nicht bereit ist, für Lebensmittel einen angemessenen Preis zu zahlen, bekommt eben Scheiße vorgesetzt. Das ist kein Skandal, sondern Betriebswirtschaft, erstes Semester.

Mit ist völlig unverständlich, wie jemand bei Lidl, sagen wir, nur 1,99 Euro für ein fleischhaltiges Fertiggericht ausgibt und meint, er bekomme dafür Premium-Qualität oder zumindest das, was außen in schönen, foodgestylten Hochglanzbildern auf der Packung prangt. So doof kann eigentlich niemand sein. Deswegen bereitet es mir mehr als nur klammheimliche Freude, wenn sich jetzt Leute davor ekeln, etwas gegessen zu haben, was sie eigentlich nicht essen wollten. Pferdefleisch nämlich.

Wobei zu fragen ist, was eigentlich so schlimm ist an Pferdefleisch. Auf dem Münchner Viktualienmarkt gibt es seit 1889 die Pferdemetzgerei Wörle. Der Laden erfreut sich laut Firmenhomepage einer "ständig wachsenden Kundschaft", die das "zusatzmittelfreie und fettarme" Pferdefleisch schätzt. Da gibt es Rheinischen Sauerbraten, der traditionell aus Pferdefleisch zubereitet wird, luftgetrockneten Pferdeschinken und "heißbegehrte Weißwürste aus Fohlenfleisch". Delikatessen für Kenner, aber sicher nix fürs pferdebegeisterte Töchterchen.

Die Klimabilanz spricht für das Pferd

Ich selbst hab Filet vom Weide-Gaul bislang noch nicht probiert. Es heißt, Pferdefleisch schmecke würzig – wie ein Mittelding aus Rindfleisch und Wildbret. Schlecht jedenfalls überhaupt nicht. Und in der mit viel künstlichen Aroma versetzten Billig-Lasagne und anderen bequemen Zubereitungen der Lebensmittelindustrie dürfte man das ohnehin nicht rausschmecken. Sonst hätten es die unfreiwilligen Konsumenten ja gleich wieder ausgespuckt und zum Händler zurückgetragen. Haben sie aber nicht.

Noch eines spricht fürs Pferd: die Klimabilanz. Pferdefleisch dürfte deutlich weniger klimaschädlich sein als Rind. Denn Pferde fressen zwar auch Gras und anderes Raufutter, sind aber keine Wiederkäuer und pupsen deshalb weniger Methan aus als ihre gehörnten Kollegen. Vielleicht könnte der ergrünte Fastfooder MacDonald’s ja einmal mehr mit gutem Beispiel vorangehen und einen klimafreundlichen Black-Beauty-Burger kreieren. Mit Ex-Springreiter Paul Schockemöhle als Werbeträger. Schockemöhle kennt sich gut aus, nicht nur mit Pferden, die er in seinem Nobelgestüt zuweilen etwas unsanft behandeln soll, sondern auch als Agrarunternehmer mit Legebatterien. Außerdem hat er schon mal Steuern hinterzogen. Wenn das keine Expertise ist!

Massentierhaltung bei Pferden gibt es übrigens nicht. Meist landen erlahmte Reitpferde beim Metzger, sofern sie nicht mit Medikamenten gedopt wurden. In Ländern wie Frankreich, Italien und Belgien ist Pferdefleisch ganz normal. Manchmal kann auch Esel in der aus dem Südeuropa-Urlaub mitgebrachten Salami stecken. Hats schon jemand gestört? Es spräche also wenig dagegen, Pferdefleisch in den Kanon deutscher Gerichte aufzunehmen. Vielleicht mundet das Galopper-Schnitzel diesmal mehr Leuten als Straußenfleisch, das nach dem BSE-Skandal kurzzeitig in Mode kam. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Gutes (!) Pferdefleisch wie das von Wörle in München kostet etwa gleich viel wie Rind. Wieder nix mit billig-billig!

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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