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Von Seifenspendern und Puderzuckermühlen

Etscheits Alltagsstress

Heute morgen ging wieder mal mein Seifenstück zur Neige. Ich hab mir überlegt, was ich mit dem glitschigen Rest anstellen soll. Wegschmeißen? Mein Vater hat die Reste immer in einem Keramiktöpfchen gesammelt und beim Rasieren zum Einschäumen benutzt. Eine frappierend einfache Form von Abfallvermeidung. Wenn auch, zugegebenermaßen, etwas unappetitlich. Heute nehmen die Leute Rasierschaum aus der praktischen Spraydose und Seife aus dem Flüssigseifenspender. Ein richtiges Seifenstück sieht man immer seltener auf dem Waschbeckenrand liegen. Dafür gibt es mittlerweile schon mit Infrarotlicht arbeitende Seifenspender, die man gar nicht mehr berühren braucht, damit sie – hoffentlich – das oft schrecklich penetrant riechende Händewaschkonzentrat ausspucken.

Der Trend geht immer mehr zum Garnichtsmehrtunmüssen. Das fängt beim vollautomatischen Seifenspender an und hört beim robotermäßigen Cyber-Rasenmäher im Dauerbetrieb noch lange nicht auf. Was, noch ein Seifenstück in die Hand nehmen? Welche Mühe! Und, igitt, wie unhygienisch! Oder Rasierschaum schlagen? Da bekommt man ja einen Tennisarm! Oder stundenlang hinter dem Rasenmäher herlaufen und nachher noch die Grasschnipsel aufsammeln? Wo käme man hin? Oder einen Feudel nass machen, um den übergeschwappten Kaffee aufzuwischen? Dafür gibt es doch die praktische Haushaltsrolle!

Mit nimmermüder Innovationskraft versucht die Industrie, den Leuten auch noch das letzte Quäntchen körperlicher Arbeit abzunehmen. Dabei kommt ihr zugute, dass der Mensch im Normalbetrieb ein echtes Faultier ist. Programmiert auf möglichst geringen Verbrauch von Energie. Die musste er nämlich, seinerzeit, aufsparen für die Jagd. Wenn plötzlich ein Reh daherkam oder ein Mammut, musste mensch aus dem Stand losspurten können. Wie ein Hund, der gerade noch friedlich zu schlafen scheint, und im nächsten Augenblick mit lautem Gebell zur Tür rennt, weil gerade der Postbote geklingelt hat.


Laub aufsammeln war gestern. (Foto: ŠJů)

Evolutionsmäßig hat sich diese, durchaus sinnvolle, Sparschaltung natürlich nur auf die Körperkraft bezogen. Die Evolution konnte leider nicht ahnen, dass der Mensch irgendwann auf die Idee kommen würde, zuerst Tiere oder andere Menschen, zur Not auch Menschensklaven, mit körperlichen Verrichtungen zu betrauen. Und schließlich "Energiesklaven", deren milliardenfache Existenz längst mächtig zum Klimaproblem beiträgt.

Ein "Energiesklave" entspricht laut Wikipedia einem Menschen, der eine Leistung von 300 Watt erbringt und acht Stunden pro Tag arbeitet. Das wiederum entspricht etwa einem Verbrauch von 90 Litern Erdöl pro Jahr. Der Physiker und Zukunftsforscher Hans-Peter Dürr hat 2003 errechnet, dass sich jeder US-Amerikaner 110, jeder Europäer etwa 60 Energiesklaven hält. Seither dürften noch einige dazugekommen sein. Dürr empfahl damals eine strikte "Geburtenkontrolle" für Energiesklaven. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden. 

Jeden Tag kommen neue Apparaturen auf den Markt, mit denen uns die Konsumgüterindustrie auch von einfachsten manuellen Verrichtungen zu befreien verspricht. Und die uns neue Energiesklaven bescheren. Das sind manchmal ganz unscheinbare Dinge wie, sagen wir, die Puderzuckermühle von Südzucker. Puderzucker gab es bis dato in kleinen Pappschächtelchen. Diese hatten den kleinen Nachteil, dass der staubfein gemahlene Zucker manchmal verklumpte. Dann musste man einen Löffel nehmen und die Brocken von Hand zerkleinern, damit sie wieder zu Puder wurden. Oder man musste sie durch ein Sieb streichen. Eine schweißtreibende Angelegenheit.


Hier wird die Tür noch von Hand geöffnet. (Foto: Hanno Böck)

Jetzt, säuseln die Marketingleute von Südzucker, könne man "im Handumdrehen und kinderleicht" jederzeit "hauchzarten Zucker frisch mahlen". Und so geht’s: "Einfach die Einwegmühle auf den Kopf kippen und am unteren Ende drehen: Schon verteilt sich eine feine Schicht lockeren Puderzuckers so gleichmäßig wie beim Konditor." Und der Abwasch sei "schnell erledigt, denn das Sieb und weitere Gerätschaften können im Küchenschrank bleiben. So macht Verfeinern und Dekorieren richtig Spaß!"

Natürlich lässt sich die Mühle nicht wiederbefüllen, sonst wäre es ja keine Einwegmühle. Sie landet also im Müll und mit ihr die viele schöne Energie, die in Pappe und Plastik steckt. Nicht nachhaltig, aber bequem! Mit dem Einwegseifenspender verhält es sich ähnlich. Auch der wandert nach Gebrauch in den Müll. Aber er hat uns schrecklich anstrengende Handarbeit erspart, etwa die Seifenschale zu reinigen.

Hoch soll sie leben, unsere Industrie! Und es kommt noch besser: Immer weniger Handarbeit schafft Raum für immer mehr großartige kognitive Leistungen. Und immer mehr schöne, neue Produkte wie die Puderzuckermühle, mit denen man wieder lästige Handarbeit einsparen und abermals neue Produkte ersinnen kann. Vielleicht eine berührungslos arbeitende, über dem zu bestäubenden Gebäck drohnenartig schwebende Puderzuckermühle, die dann ganz von selbst in die Mülltonne fliegt. Das hält total nachhaltig die Wirtschaft am Laufen. Genial, nicht wahr?

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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