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Blackout statt Burnout!

 Etscheits Alltagsstress

Kurz nach sieben – ich lag noch im Bett, war aber schon wach – flackerte die Lampe auf dem Nachttisch. Dann, zack, war es dunkel. Die Birne kaputt? Jetzt schon? Ich hatte doch erst vor einem Jahr alle alten Glühbirnen gegen supersparsame Energiesparlampen ausgetauscht. Die sollen doch fast ewig halten, angeblich. Auch auf dem Gang und im Bad rührte sich nichts, als ich die Schalter betätigte. Selbst in den Nachbarhäusern – alles zappenduster. Und auf der Straße begannen sich die Autos zu stauen und fingen an zu hupen, weil die Ampel an der Kreuzung ausgefallen war. Also Stromausfall. BLACKOUT!

Natürlich kommt mir gleich die Energiewende in den Sinn. Haben die Energiekonzerne nicht immer davor gewarnt, dass irgendwann die Lichter ausgehen, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet sind? Dass wir in Dunkelheit und Kälte dahinvegetieren müssen wie die Höhlenmenschen in der Steinzeit? Dass es die Erneuerbaren nie und nimmer schaffen, unser nach Energie lechzendes Industrie- und Wohlstandsland sicher mit Strom zu versorgen, dem Saft der Säfte? Ich malte mir schon aus, wie sich in sämtlichen TV-Quasselrunden Politiker und "Experten" wieder das Maul zerreißen würden.

Merkel macht "Betroffenen" Mut

Vielleicht war es aber auch ein vom Wetterdienst nicht angekündigtes Unwetter, das irgendwo weit im Norden so viele Masten umgeworfen hat, dass auch im Süden nichts mehr ankommt. In den USA hatte "Sandy" bekanntlich ganz Manhattan in frostiger Dunkelheit versinken lassen und Obama die Wiederwahl gesichert. Würde jetzt die Merkel mit heruntergezogenen Mundwinkeln durch die spannungslose Republik eilen und "Betroffenen" wie mir Mut zusprechen? Und im Fernsehen verkünden, dass jetzt nichts mehr so sei wie vorher und die Atomkraftwerke wieder hochgefahren würden?

Keine Panik, sagte ich mir. Die Merkel ist noch weit weg, in Berlin. Und schließlich dämmerte es schon und schön warm war es auch noch. Die Wohnung würde man, vorsichtig tastend, im Halbdunkel aufräumen können. Abspülen und Duschen ginge auch, dank des hoffentlich prall gefüllten Warmwasserspeichers im Keller. Nur auf den Morgenkaffe würde ich verzichten müssen, weil ohne Strom natürlich weder Herd noch Kaffeemaschine oder Wasserkocher funktionieren. Statt ungetoasteten Toasts käme kaltes Bircher-Müsli auf den Tisch. Zum Umrühren braucht man keinen Strom.

Seit Anbruch der Steinzeit war mittlerweile eine Viertelstunde vergangen. Zum Glück hatte ich das Handy am Abend zuvor aufgeladen. Es diente mir jetzt als Uhr, weil der Timer an meiner Stereoanlage ausgefallen war. Mobil Telefonieren ging natürlich nicht. Mausetot auch das drahtlose Festnetztelefon. Früher funktionierten die grauen Apparate der Bundespost ganz ohne Strom. Tolle Technik war das damals.

Blackout - und das Chaos bricht aus

Unterdessen brach in der Stadt das Chaos aus. So stand es jedenfalls am anderen Tag in der Zeitung. S- und U-Bahnen blieben teils auf offener Strecke stehen, das Licht in den unterirdischen Bahnhöfen erlosch, Ampeln fielen aus, Fahrstühle blieben stecken. Der Hauptbahnhof wurde teilweise gesperrt – wegen orientierungsloser Menschenmassen. Feuerwehr und Polizisten rückten aus, um Menschen aus Aufzügen zu befreien oder – per Hand – den Verkehr zu regeln.

Nach 20 Minuten BLACKOUT fing ich an darüber nachzudenken, wie ich den stromlosen Tag verbringen würde. An Arbeiten war nicht zu denken, denn ohne Laptop, Drucker und Telefon ist jede journalistische Tätigkeit undenkbar. Außerplanmäßiger Großputz? Dafür bräuchte ich den Staubsauger. Also lesen! Wenn es endlich hell würde, könnte man sich mit einem guten Buch die Zeit vertreiben, jedenfalls bis zur Abenddämmerung. "Radetzkymarsch" von Joseph Roth habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Die morbide Familiensaga aus der Zeit des untergehenden österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates wäre eine passende Lektüre.

Dazu sollte man sich freilich warm anziehen. Schließlich würde ohne Heizung bald die Wohnung auskühlen. Und ein Feuerchen auf dem Parkett würde der Hausbesitzer nicht gerne sehen. Also statt T-Shirt dicke Socken, Pullover und Wollmütze aus der Schublade gekramt. Sieht zwar nicht besonders cool aus, sichert aber einstweilen das Überleben. Wenn der Stromausfall noch Tage, Wochen oder gar Monate anhielte, würde man sich überlegen, zur Schwiegermutter aufs Land zu ziehen. Die hat noch einen Herd, der mit Holz oder Kohle geheizt werden kann. Und einen großen Garten, wo man Kartoffeln und andere Nahrungsmittel anbauen könnte. Ohne Strom bräche ja die gesamte Logistik zusammen. Was, wenn es nie mehr Strom geben würde?

Blackout gegen Burnout!

Während ich mir apokalyptische Szenarien ausmalte, hatte ich gar nicht bemerkt, dass auf einmal das Licht wieder funktionierte. Und die Uhr an der Stereoanlage! Auch durch die Fenster der Nachbarn brach ein warmer, elektrischer Schimmer. Im wieder funktionstüchtigen Radio hieß es, dass es wegen irgendeiner "Stromspitze" eine Umspannzentrale zerrissen habe. Doch der Schaden sei behoben, das Leben werde sich peu à peu normalisieren.

Eigentlich war es ganz schön, mal auf sich zurückgeworfen zu sein und zu beobachten, wie die Turbogesellschaft zur Ruhe kommt. Ein paar kleine Blackouts pro Woche könnten vielleicht manchen Burnout verhindern. Ach ja, die Energiewende soll nicht schuld gewesen sein. Einen Moment hatte ich den ketzerischen Gedanken, dass der Stromausfall von den Energiekonzernen inszeniert wurde, um die Erneuerbaren endgültig in Misskredit zu bringen. Aber das besorgen ja gerade Politiker und sogenannte Verbraucherschützer.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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