Immer nur Kässpatzen!
Manche Geowissenschaftler sprechen heute vom Anthropozän, vom Zeitalter des Menschen. Sie tun das, um darzulegen, dass die menschlichen Eingriffe in natürliche Abläufe mittlerweile so dominant sind, dass man eine erdgeschichtliche Epoche danach benennen sollte.
Aber eigentlich müsste es "Zeitalter der Tiere" heißen. Denn auf dem Erdball leben mehr als dreimal so viele (Nutz)-Tiere wie Menschen. Und es werden immer mehr, weil immer mehr Menschen Milch, Jogurt und saftige Steaks genießen wollen und sich das auch leisten können.
Die ökologischen Folgen dieser tierischen Invasion sind enorm. Riesige Agrarflächen werden zum Anbau von Kraftfutter wie Soja und Mais genutzt. Dafür werden die letzten Regenwälder abgeholzt. Außerdem sind Rinder schlimmere Klimakiller als mancher SUV. Beim Wiederkäuen rülpsen und pupsen sie, was das Zeug hält. Dabei entweicht vor allem Methan, ein viel stärkeres Klimagas als Kohlendioxid. Die Treibhausgasemissionen der Nutztiere sollen schon höher sein als die des gesamten globalen Verkehrs. 18 Prozent gehen auf das Konto der Tierzucht. Tendenz steigend.
Da ist es natürlich sehr erfreulich, dass sich eine steigende Zahl von Menschen zu Vegetariern bekehren lassen. Heute gehört es in "besseren" Kreisen fast schon zum guten Ton, sich zumindest als Teilzeit-Vegetarier zu outen. Der ungebremste Fleischkonsum ist längst kein Ausweis von Wohlstand und Bildung mehr, sondern Signum des Prekariats. Sogar der gute, alte Sonntagsbraten kommt wieder zu Ehren. Weniger, dafür besser, lautet das Motto. Die Kirche ruft dazu auf, den fleischlosen Freitag wiederzubeleben. Und manche Kommunen wie das belgische Gent oder das norddeutsche Bremen propagieren einen konfessionsübergreifenden Veggie-Day pro Woche.
Das Gasthaus als erschütternde Begegnung mit der Wirklichkeit des globalen Fleischwahnsinns
Zu Hause lässt sich eine dezente Form des Vegetarismus auch ganz gut und ohne erhebliche Einbußen an Lebensqualität verwirklichen. Allein die italienische Pastaküche bietet so viele Variationen, dass man locker ein Dutzend Veggie-Days damit bestreiten könnte, ohne der fleischreduzierten Kost überdrüssig zu werden. Wer nur Spaghetti Bolognese kennt, ist selbst schuld. Und was man, ganz ohne Fleisch, aus einem Stück Kürbis machen kann, habe ich ja schon in meinem letzten Alltagsstress beschrieben.
In den Kantinen der Republik, unterwegs oder im Urlaub findet sich der zur drastischen Reduktion seines Fleischkonsums entschlossene Verbraucher dann freilich in der Wirklichkeit des globalen Fleischwahnsinns wieder. Denn die Veggie-Welle ist in den meisten Gasthäusern und Einrichtungen der Massenspeisung, egal ob in der Stadt oder auf dem flachen Land, noch nicht wirklich angekommen. Während die normale Tageskarte oft ein Dutzend Fleischgerichte umfasst – vom "Strammen Max" über das nicht auszurottende Jägerschnitzel bis zum T-Bone-Steak – müssen Vegetarier oft mit zwei oder drei Positionen vorliebnehmen.
Fabrikmäßig vorgekochte Fetzen, zu einer breitartigen, vor Fett triefenden Masse verklumpt
Das einfallslose Pendant zum Jägerschnitzel sind hier die vor allem in Süddeutschland beliebten "Kässpatzen" (hochdeutsch: Käsespätzle). Dabei handelt es sich um meist fabrikmäßig vorgekochte Fetzen eines vor allem aus Mehl und Eiern bestehenden Teigs, die mit viel billigem, geraspeltem Käse zu einer einheitlichen, breiartigen, vor Fett triefenden Masse verklumpt sind. Als Krönung gibt’s obenauf noch ranzelnde Röstzwiebeln aus dem Plastikpackerl. Ein kulinarischer GAU, der allenfalls von einem matschigen, ungewürzten Gemüse- oder einem in künstlicher Vanillesoße ertränkten Apfelstrudel getoppt wird. Auch die aus dem ökologischen Altertum stammenden Grünkernbratlinge – sie schmecken genauso, wie sie klingen – sind noch nicht ausgestorben.
Unlängst sandte die grüne Kommunalpolitikerin Sabine Krieger, im Münchner Stadtrat für Fragen des Umweltschutzes zuständig, einen Hilferuf an die Öffentlichkeit. Die "unbefriedigende Weiterentwicklung des vegetarischen Essens in den Kantinen der Stadt" nahm sie zum Anlass, den verantwortlichen Köchen und Pächtern "vegetarische Kochschulungen" anzubieten. Zwar sei die von den Grünen initiierte "Veggiewoche" im vergangenen Jahr ein großer Erfolg gewesen. Mittlerweile sei jedoch der von der kommunalen Baubehörde daraufhin eingeführte Veggietag mangels Nachfrage wieder abgeschafft worden.
Den Grund dafür sieht Krieger in der mangelnden Erfahrung vieler Köche mit vegetarischen Gerichten. Ihr Angebot sei "häufig nicht sehr attraktiv". Ob Kriegers gut gemeinter Antrag dem Vegetarismus in der Münchner Stadtverwaltung zum Durchbruch verhelfen wird, darf bezweifelt werden. Die Münchner werden sich durch vage Drohungen mit einer Klimakatastrophe einstweilen nicht von ihrem im Range eines oberbayerischen Kulturgutes stehenden Schweinsbraten, die Franken nicht von ihren Bratwürsten abbringen lassen. Da müsste schon Uli Hoeneß, FC-Bayern-Präsident und Nürnberger Großmetzgereibesitzer, zum Veganer konvertieren. Das ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Kantersieg des OSC Lille gegen die Bayern.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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