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Geliebter Feind

Etscheits Alltagsstress

Das Ladenlokal in einem schönen, alten Haus, das vor ein paar Jahren luxussaniert wurde, hat zwei große Fenster, durch die man sehen kann, was die Leute drinnen so treiben. Und umgekehrt können die drinnen sehen, was draußen passiert. Das soll Transparenz signalisieren und ganz viel Lust auf Kommunikation.

In vielen solcher Ladenlokale, die wohl irgendwann einmal normale, kleine Läden waren, sind längst Werbeleute eingezogen oder Architekten. Sie tragen klobige Nerdbrillen und Wollmützen zu kurzärmeligen T-Shirts, wohlgemerkt drinnen bei der kreativen Arbeit am schicken Apple-PC. Sie essen mittags Sushi, schlürfen Smoothies und Latte macchiato. Oder eine andere von Hundert Kaffeesorten, die der Kaffeeautomat ausspuckt und die irgendwie alle gleich schmecken.

Die Leute aus meiner Hass-Agentur kommen morgens in einem schwarzen Phaeton angerauscht. Der Phaeton ist die Luxusmarke von VW. Er sieht so spießig aus wie ein Passat, schluckt aber wohl dreimal so viel Sprit. Keine Ahnung, warum man sich solch ein Neureichenauto kauft. Ich weiß nur, dass viele Chinesen auf Phaetons stehen sollen. Darum ist die "Gläserne Manufaktur" in Dresden, wo die Karossen zusammengeschraubt werden, jetzt endlich ausgelastet.

Nerdbrillen und Neureichenautos

Mittags brausen sie oft mit ihrem Phaeton davon, um bald wiederzukommen mit Sushi-Boxen und Pizza-Kartons für den Snack zwischendurch. Dann sitzen sie wieder vor dem PC und sinnen darüber nach, wie sie den Leuten Sachen andrehen können, die niemand will. Um nicht auszutrocknen, trinken sie dauernd St. Leonhards aus der schicken Glasflasche. Das Mineralwasser gibt's in jedem Bio-Supermarkt und ist, natürlich, total in. Oder schon wieder out? Keine Ahnung…

Die Abfüllfirma aus Rosenheim wirbt damit, dass es sich um "lebendiges" Wasser handelt. Es gibt eine "Sonnenquelle", eine "Mondquelle", eine "Lichtquelle" und sogar eine Mondschein-Abfüllung. Mit Öko hat das alles wenig zu tun wie. Aber immer noch besser, als wenn man Wasser aus dem französischen Zentralmassiv nach München karrt, das bei der Blindverkostung wahrscheinlich auch nicht anders schmeckt als Wasser aus Rosenheim.

Als die Werbeleute am Wochenende nicht in ihrem Büro saßen, habe ich mich durch die Scheibe alles mal etwas genauer umgeschaut. Natürlich haben die eine schicke Espressomaschine aus blitzendem Chrom. Und noch eine, mit der man, ganz klassisch, Kaffee brühen kann. Denn es gibt ja Leute, die mögen keinen Kaffee aus der Espressomaschine, sondern lieber Brühkaffee. Und jeder soll schließlich das bekommen, was er will. Das ist demokratisch und auch ganz im Sinne der Verbraucherautonomie.

Easy, kreativ und endcool

Neben den Kaffeemaschinen haben sie ein Fitnessgerät an die Wand montiert, mit dem sie in ihren Arbeitspausen Übungen machen können, um sich fit zu halten fürs Geld verdienen. Außerdem haben sie einen Gymnastikball und ein komisches Gestell, mit dem man die Bauchmuskeln trainieren kann. Man sieht gleich, Arbeit und Freizeit gehen hier ganz selbstverständlich ineinander über. Auch das entspricht dem Zeitgeist, der die Leute scharenweise ins Cafe nebenan treibt, wo sie Laptop oder Tablet aus dem Rucksack kramen, um ganz easy und kreativ zu "arbeiten".

Sie finden es auch total normal, wenn sie andere Gäste mit ihrem beruflichen Scheiß belästigen, die nur ein Stück Kuchen essen und an die Wand starren wollen. Aber ich will nicht ungerecht sein. Schließlich sind auch "Kaffeehausliteraten" wie Peter Altenberg oder Joseph Roth in aller Öffentlichkeit ihrem Broterwerb als Schriftsteller oder Journalisten nachgegangen. Manche haben sogar die meiste Zeit ihres Lebens im Kaffeehaus verbracht. Aber da kamen immerhin kluge Artikel oder schöne Bücher raus und keine doofen Werbesprüche.

Ach ja, den Barbecue-Grill habe ich noch vergessen. So einen haben sie auch, ein Riesenteil in Edelstahl. Im Sommer haben sie ihn mal raus auf die Straße gerollt und in aller Öffentlichkeit gegrillt. Dazu haben sie Dosenbier getrunken. Dosen sind wieder im Kommen, heißt es, und sehen endcool aus. Vielleicht stelle ich mich das nächste Mal dazu und plaudere ein wenig mit ihnen, weil man ja seine Feindbilder regelmäßig überprüfen soll. Dann schwärmen sie wahrscheinlich von Nachhaltigkeit und erzählen mir, dass sie ihre Apples mit Ökostrom betreiben und immer im Ökorestaurant essen, wenn sie nicht gerade Lust auf Sushi haben. Darauf trinken wir dann eine Bionade. Oder ist die schon wieder out? Keine Ahnung…

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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