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Danke, lieber Fritz Vahrenholt!

Etscheits Alltagsstress

etscheid

Mit Menschen über so komplexe Dinge wie den Klimawandel zu diskutieren, ist eine mühsame Angelegenheit. Vor allem, wenn man bei dieser hundsgemeinen Kälte auf dem Münchner Viktualienmarkt seine Wochenendeinkäufe erledigen will, wo die Hälfte der Stände wegen Kälte geschlossen hat und die übrig gebliebenen "Standlfrauen" aussehen, als hätten sie sich gerade zu einer mehrwöchigen Polarexpedition gerüstet. Funtensee-Temperaturen im ganzen Land. In Osteuropa sind wieder Dutzende Menschen erfroren, auf dem Londoner Flughafen fiel wegen Schneetreibens die Hälfte aller Flüge aus, und selbst in Nordafrika wurden, erstmals seit Menschengedenken, weiße Flocken gesichtet. Während sich die Münchner Zeitungen mit Überlebenstipps für potentielle Kälteopfer überbieten, berichtet Bild in riesigen Lettern über die "CO2-Lüge".

"Glaubst Du eigentlich noch an den Klimawandel?", fragte mich jüngst ein Bekannter, den ich am Käsestand traf, wo ich gerade im Begriff war, ein Stück höhlengereiften Emmentaler zu erstehen. Schon die Frage regt mich auf. Als wenn der Klimawandel eine Glaubensfrage wäre. "Glaubst Du, dass die Erde eine Kugel ist?", gebe ich in solchen Fällen gerne zurück, um meinem Gesprächspartner die Sinnlosigkeit seiner Frage zu signalisieren. Für mich ist der Klimawandel, also der von uns Menschen verursachte zusätzliche Treibhauseffekt, eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache, über die man im Grundsatz nicht mehr diskutieren kann. Anders verhält es sich mit konkreten Klimaprognosen. Da gibt es, weil viele Fragen noch nicht abschließend geklärt sind, große Bandbreiten. Aber soll man warten, bis alle Details lückenlos bewiesen sind und es womöglich zu spät ist, um noch gegenzusteuern?

Leider ist es beim Thema Klima wie beim Fußball. Alle meinen, etwas davon zu verstehen und mitreden zu können. Sie lassen sich jeden Abend von Claudia Kleinert den Wetterbericht erklären, schwadronieren über "Starkregen" und "Omega-Hochs", kennen aber leider nicht einmal den Unterschied zwischen Wetter und Klima. Und wenn es im Winter, was ja nicht allzu ungewöhnlich ist, ein paar kalte Tage gibt, werfen sie bereitwillig alles über den Haufen, was sie bisher vom Klimawandel verstanden zu haben glaubten.

Bei gefühlten minus zwanzig Grad Außentemperatur am Käsestand fehlt mir zugegebenermaßen die Muße, ins Detail zu gehen und lang und breit zu erklären, dass der Klimawandel ja keine lineare Entwicklung sein müsse, dass dieser geophysikalische Prozess durchaus zu einer regionalen Abkühlung führen könne. Und dass, wie ja auch bei klimaretter.info zu lesen war, Wissenschaftler erst jüngst herausgefunden haben, dass die abnehmende Eisbedeckung der Arktis über verschiedene Rückkopplungseffekte die Wahrscheinlichkeit sehr kalter Winter in Mitteleuropa erhöht hat.

Ich kann schon verstehen, dass meinem umweltmäßig weniger engagierten und versierten Gegenüber solcherart Reflexionen gerade ein wenig irreal erscheinen, wenn wir beide hektisch von einem kalten Fuß auf den anderen treten und die halberfrorenen Hände mit dem eigenen Atem warm zu blasen versuchen. Aber mit einem Satz sind die komplizierten Zusammenhänge der Klimaforschung nun einmal nicht zu erklären.

Und jetzt auch noch Fritz Vahrenholt. Klima-Sarrazin hat ihn die taz treffenderweise getauft. Mir graust regelrecht davor, dass der vom durchaus ernst zu nehmenden SPD-Umweltpolitiker zum Lobbyisten der fossilen Energiewirtschaft gewendete Chemie-Professor jetzt wochenlang durch sämtliche Talkshows tingelt, um seine rohen bis halbgaren Thesen von der "kalten Sonne" unters Volk zu bringen. Weil Maischberger, Jauch, Will, Plasberg und die anderen unablässig Wortmüll absondernden und absondern lassenden TV-Flachpfeifen froh sind, neben Arnulf Baring, Gertrud Höhler oder Hans-Ulrich Jörges mal ein relativ unverbrauchtes Gesicht präsentieren zu können.

Leider findet sich ja immer wieder ein Verlag, der die Ergüsse von extremistischen Schwachmaten jeglicher Couleur, deren vermeintliche Enthüllungen und Tabubrüche, zwischen zwei Buchdeckel presst, wodurch sie, im Vergleich zum Fernsehen und zu Online-Medien, deutlich an Überzeugungskraft gewinnen. Um seriöse Information, um Aufklärung geht es hier nicht. Hauptsache, die Thesen sind steil genug, um zwischen arabischem Frühling, Wulffs Gratisreisen und Finanzkrise noch wahrgenommen zu werden. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Durchaus möglich, dass Vahrenholts pseudo-wissenschaftlicher Schmarren von der "Klima-Lüge" zum Bestseller wird, zumal der Autor gerade von seinem bisherigen Arbeitgeber RWE gefeuert wurde und viel Zeit hat, um auf eine verkaufsfördernde Lesereise zu gehen. Zusammen mit dem offenbar ebenfalls beschäftigungslosen Großjournalisten Stefan Aust, der schon als Spiegel-Chef kräftig gegen erneuerbare Energien wettern ließ. Und der Zeitpunkt der Präsentation mitten im "Jahrhundertwinter" war, vom Marketingstandpunkt aus betrachtet, auch nicht schlecht gewählt.

Ich fürchte, dass nicht wenige Menschen die Thesen des Trios begierig aufsaugen werden. Weil sie so ein schönes Gefühl machen. Weil die gütige Sonne dafür sorgt, dass sich die Erde in den nächsten Jahrzehnten abkühlt, dürfen wir wieder Treibhausgase rauspusten nach Herzenslust. Und die Porsche Cayenne-Fahrer brauchen sich nicht mehr beschimpfen zu lassen, wenn sie ihre spritdurstigen Panzer anwerfen, sondern dürfen sich als Retter der Menschheit (vor der nächsten Eiszeit) fühlen. Und die Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt!

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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