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Wunschlos unglücklich

Etscheits Alltagsstress

Jetzt in der Vorweihnachtszeit häufen sich wieder die Anrufe wohlmeinender Verwandter. "Was wünschst Du Dir?", wollen sie wissen und stürzen mich damit in beträchtliche Verlegenheit. "Gar nichts, ich habe doch alles", antworte ich immer. "Aber irgend etwas wirst Du doch brauchen können!", lautet die fast schon empörte Replik. Sie können nicht verstehen, dass ich WIRKLICH nichts will. Ich bin sozusagen wunschlos unglücklich. Denn die Wünsche, die ich habe, sind unerfüllbar: Dass die Menschen endlich aufhören, den Planeten zu zerstören. Dass sie das Klima schützen, keine Autobahnen mehr bauen, weniger Unsinn kaufen und damit aufhören, die letzten Berggorillas umzubringen.

Früher, als Kind, hatte ich noch echte Wünsche. Wünsche, die das Christkind, respektive die Eltern, mit etwas gutem Willen durchaus erfüllen konnten. Einmal wollte ich unbedingt einen kleinen Plastik-Roboter haben. Der hatte eine Batterie und marschierte im steifen Paradeschritt los, wenn man auf den Knopf zum Einschalten drückte. Dabei rollte er blinkend mit seine Augen. Er konnte sogar die Brust aufklappen und gab krächzende Laute von sich. Ich wollte das nutzlose Etwas unbedingt haben und war restlos glücklich, als es auf dem Gabentisch stand. Nach ein paar Wochen war der Spaß vorbei. Ich weiß nicht, ob es seinen elektronischen Geist aufgab oder ich einfach das Interesse verlor. Seinen Zweck als Liebesbeweis hatte es jedenfalls erfüllt.

Emaillierte Broschen und handrollierte Taschentücher

Meinen Eltern ging es damals schon so ähnlich wie mir heute. Sie hatten eigentlich alles. Ich gab mir trotzdem große Mühe, ihnen eine Freude zu machen. Meiner Mutter schenkte ich gerne von Hand emaillierte Broschen oder Anhänger aus den Therapiestunden mit einer Psychologin. Sie trug die klobigen Schmuckstücke sehr tapfer, um mich nicht zu enttäuschen. Für meinen Vater erstand ich im Kaufhaus baumwollene Taschentücher, handrolliert, und nicht billig für die beschränkten finanziellen Verhältnisse eines Kindes. Er legte sie auf den Stapel mit den hundert anderen. Heute sind Taschentücher als Geschenk aus der Mode gekommen, weil alle im kollektiven Hygienewahn auf Papiertaschentücher schwören. Eine 100er-Packung Tempos? Kein sehr originelles Geschenk, selbst wenn man, ökologisch korrekt, zu Recyclingware greift.

Ich habe eine sehr liebe Kusine, die sich partout nicht abwimmeln lässt. Sie besteht darauf, mir etwas zu schenken, zu Weihnachten und zum Geburtstag. Glücklicherweise nicht auch noch zum Namenstag, Nikolaustag, Valentinstag, Barbaratag und den anderen "Festen", die sich besonders gut dafür eignen, den Absatz der Konsumgüterindustrie zu steigern. Mein inständiges Bitten, unter Verweis auf meine beengten Raumverhältnisse in einer sündteuren Münchner Zweizimmer-Wohnung doch dieses Mal auf eine Gabe zu verzichten, bringt ebenso wenig wie der Hinweis auf die Absurditäten der Konsumgesellschaft und deren ökologische Folgen. Also zerbreche ich mir den Kopf. Ein Buch vielleicht… Aber will ich wirklich noch eines? Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer antwortete jüngst auf die Frage, ob er sich die aktuellen, in Buchform vorliegenden Bekenntnisse des Freiherrn zu Guttenberg zu Gemüte führen werde, dass er zu Hause einen riesigen Stapel ungelesener Bücher habe und auf eine weitere Neuanschaffung vorerst verzichte. Mir geht es ähnlich, obwohl ich zugegebenermaßen mehr Zeit habe als ein Ministerpräsident.

Trüffelhobel, Parmesanreiben oder doch lieber ein Buch? 

Oder eine CD? Auch keine tolle Idee. Ich habe geschätzte 350 Tonträger in meinem Regal stehen und höre, wenn es hoch kommt, zwanzig regelmäßig. Die restlichen zeugen bestenfalls von meinem, ich hoffe, guten Musikgeschmack. Ein paar nützliche Utensilien für die Küche vielleicht? Doch wohin damit? Schon jetzt quellen die Schubladen in den Küchenschränken über mit Trüffelhobeln, Zestenreißern, Parmesanreiben und bizarr geformten Designersalatbestecken. Dabei habe ich den Spargeltopf gerade erst ausgemistet.

Bliebe noch Wein. Harald Martenstein schrieb jüngst, spürbar genervt, im ZEIT-Magazin, dass ihm immer Rotwein geschenkt werde, obwohl er davon Sodbrennen bekomme. Ich mag Rotwein und vertrage ihn auch. Doch leider verstehen die meisten Leute nichts von Wein. Und dann stellt sich die Frage, was man mit der Plörre macht. Glühwein? Eine schöne Saucenreduktion? Auf die Frage, wozu man schlechten Wein verwenden könne, antwortete mir mal die Sommelière eines berühmten Münchner Restaurants trocken: "Nichts!" Also lieber keinen Wein wünschen.

Manchmal frage ich mich, was es überhaupt für einen Sinn macht, wenn man sich Dinge wünscht, die man sich jederzeit selbst kaufen könnte. Und zwar viel einfacher als die Kusine, die auf dem Land wohnt und erst in die nächst größere Stadt fahren muss, um das Geschenk aufzutreiben. Und dann muss sie es ja, wenn ich keine Zeit habe, es selbst abzuholen, per Post nach München schicken. Alle sehr umständlich und auch nicht unproblematisch, was den zusätzlichen Energieverbrauch anbelangt. Aber, wie gesagt, mit Ökoargumenten ist ihr nicht beizukommen.

Vor ein paar Monaten, zu einem ziemlich runden Geburtstag, kam mir die, wie ich meinte, vielversprechende Idee, es doch mal mit einer ganz innovativen Methode zu versuchen. Also bat ich meine Gäste offiziell darum, von persönlichen Geschenken an den Jubilar abzusehen und statt dessen eine Spende auf das Konto einer Umweltorganisation zu überweisen. Der Erfolg war gleich null, weil die Leute zwar pflichtschuldig spendeten, mir aber doch wieder etwas mitbrachten: CDs, Bücher, Rotwein. Mit der Entsorgung des Letzteren bin ich noch beschäftigt. Und "zwischen den Jahren" habe ich mir vorgenommen, ganz viel zu lesen. Denn der nächste Geburtstag und das nächste Weihnachtsfest, die kommen bestimmt.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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