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Interesse am Zweifel!

Ott Macht Politik

hermann

Es gibt Neues von den sogenannten "Klimaskeptikern", die ja eigentlich "Klimawandelleugner" heißen sollten oder noch besser "Leugner des von Menschen verursachten Klimawandels". Doch lassen wir es erstmal bei dem Begriff "Klimaskeptiker" - der ist zwar etwas beschönigend (denn gesunde Skepsis ist grundsätzlich eine gute Sache) aber er ist kürzer und jeder weiß wer gemeint ist.

 Der erneut relativ kalte Winter in Europa und Amerika hat diesen "Klimaskeptikern" Anfang des Jahres neuen Schwung beschert. Deutsche Nachrichtenmagazine riefen schon das Ende der Bedrohung durch den Klimawandel aus und vergessen dabei, dass das Jahr 2010 global gesehen zusammen mit dem Jahr 2005 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war. Das Wetter nicht Klima ist und dass kältere Winter durchaus mit den Vorhersagemodellen der Klimawissenschaftler im Einklang sind geht in der schrillen Debatte völlig unter.

Die Rekordhitze in Südamerika, die Überflutungen in Pakistan und in Australien werden als Wetterkapriolen abgetan, während der Schneemann in Castrop-Rauxel der Vergewisserung dient, dass es mit dem Klimawandel nicht so weit her sein kann. Frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Doch warum ist das eigentlich so? Warum werden nicht auch in anderen Bereichen die Mehrheitsmeinungen der Wissenschaftler in dieser Art und Weise hinterfragt? Die Antwort darauf ist (mindestens!) zweifach.

Erstens verlangt uns natürlich keine andere wissenschaftliche Prognose so viel ab. Durch keine andere Vorhersage sind wir so grundsätzlich betroffen in der Art und Weise wie wir leben, wie wir wohnen, uns ernähren oder in den Urlaub fahren. Will man den Klimawandel ernsthaft bekämpfen, so steht uns ein gewaltiger Umbau unserer Gesellschaft bevor. Das macht den Menschen Angst. Und das ist nur allzu verständlich - noch nie gab es eine derartige Herausforderung für die Menschheit. Ermutigend ist dass die meisten Menschen dennoch sagen: "Da ist ein Problem - packen wir's an!"

Deshalb gerät, neben dem Verweis auf die Kosten der Klimapolitik, neuerdings die Klimawissenschaft selbst wieder ins Visier der Anti-Klimalobbyisten - und das ist der zweite, noch wichtigere Grund für die Debatte um die Klimawissenschaft. Der Personenkreis der Klimaskeptiker war und ist ziemlich überschaubar - es sind nicht mehr als ein paar Handvoll Leute, die meisten im Pensionsalter. Allerdings sind sie heute besser organisiert und sichtbarer als früher. Vor allem haben sie mehr Geld. Das kennen wir bisher vor allem aus den USA, wo Klimaskeptiker massiv von bestimmten Interessengruppen finanziell und logistisch unterstützt werden.

Früher tat sich vor allem Exxon (Esso) bei der Unterstützung von Anti-Klimapolitik hervor. Die machen das immer noch, doch ist dieses Unternehmen in den letzten Jahre übertroffen worden durch die "Koch-Gruppe", ein Konglomerat von Firmen in den Geschäftsfeldern Öl, Gas, Kohle und Zement, die laut Greenpeace zu den Hauptfinanzierern von "Klimawandelskeptikern" und den dazugehörigen Instituten gehören. Im letzten Jahr gab es sogar Berichte darüber, dass die Tochtergesellschaften deutscher Firmen (Eon, Bayer, BASF) in den USA Mittel für PolitikerInnen bereitstellen die den Klimaskeptikern nahestehen.

Dass deutsche Firmen in Deutschland direkt Klimaskeptiker unterstützen ist bisher noch nicht bekannt geworden. Dass sie deren Argumentationsmuster übernehmen schon. Doch die Dreistigkeit mit der sie das tun ist neu. Paradebeispiel war dafür in den letzten Monaten Fritz Vahrenholt, nach vielen Stationen in der Energieindustrie jetzt bei RWE. Der veröffentlichte im Dezember 2010 einen Artikel in der Welt in dem er den kalten Winter den Erwärmungsprognosen gegenüberstellte, den Klimaforschern empfahl "Demut zu üben" und auch sonst haargenau die Argumentationsketten der Klimaskeptiker übernahm. Die wissenschaftliche Erwiderung auf den hanebüchenen Unsinn von Vahrenholt findet man bei Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut.

Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Vorgängen kann jedoch nicht von der Wissenschaft geleistet werden sondern muss von den jeweiligen Akteuren aufgegriffen werden. Deshalb ist es zum Beispiel wichtig Laut zu geben wenn Strohmänner (bzw. -frauen) der Klimaskeptiker neuerdings sogar im Bundestag zu finden sind (siehe http://gruenlink.de/et). 

Und deshalb organisiert die grüne Fraktion im Bundestag am Freitag den 10. Juni ein Fachgespräch zum "Interesse am Zweifel" - wer hinter den Klimaskeptikern in Deutschland und Europa steht . Hier soll es nicht um die kruden Thesen der "Leugner des menschengemachten Klimawandels" gehen, sondern darum wer sich ihrer bedient. Wie sagte doch immer der Informant Deep Throat im Film über den Watergate-Skandal: "Follow the money"!

Hermann E. Ott ist Bundestagsabgeordneter der Bündnisgrünen, ihr klimapolitischer Sprecher und nunmehr Mitglieder der Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlastand, Lebensqualität. Zuvor war er Wissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

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