Werbung

Preise .info-Award 2010 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009 Umwelt-Medienpreis 2008
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Warum Al Gore nicht ins Iglu ziehen muss

Ott Macht Politik

hermann.jpgAn der Ostküste der USA ist in den letzten Wochen die größte Schneelast sein Jahrzehnten niedergegangen. Auch wir in Europa haben einen so strengen Winter wie schon seit langem nicht mehr.

Da verwundert es kaum daß die Schreihälse, die regelmäßig bei jedem Minusgrad die globale Erwärmung in Frage stellen, nun überall zu vernehmen sind. Die peinlichen Fehler im letzten IPCC-Bericht (Intergovernmental Panel on Climate Change) sind ja auch wunderbar geeignet, den Klimawandelleugnern Munition zu geben. So hat Senator Inhofe, einer der größten Klimawandelleugner im US Senat, in Washington D.C. vor dem Kongreß ein Iglu gebaut mit der Aufschrift "Al Gore`s new home".

Nun gut, der kann anscheinend Wetter und Klima nicht auseinander halten, aber auch andere sind verunsichert durch die teils sehr massive Kritik an den Berichten des IPCC und dem IPCC selbst. Ob der britische Guardian, der Spiegel, das ZDF oder das russische Staatsfernsehen - überall klingt die Frage durch: Ist der Klimawandel möglicherweise gar nicht real?

Dabei ist es keinesfalls der durch den Menschen maßgeblich beeinflusste Klimawandel der in Frage steht, vielmehr macht sich die Kritik am IPCC an Teilen der Ergebnisse der Arbeitsgruppe II (Auswirkungen des Klimawandels) fest. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe I über die Grundlagen des Klimawandels stehen nicht in Frage. Man muss deshalb in der derzeitigen Debatte die Kritik an Details der IPCC-Berichte trennen von den Versuchen, Zweifel am Klimawandel insgesamt zu säen. Andererseits darf man nicht den Fehler machen und alle Kritik einfach abbügeln.

Denn die wissenschaftliche Kritik an einigen Teilergebnissen der Arbeitsgruppe II ist berechtigt. Insbesondere die Passage zum Schwund der Gletscher im Himalaya enthält offensichtlich Fehler. Diese Fehler sind nicht zuletzt auf die Verwendung von Literatur ohne entsprechenden "Peer-Review" zurückzuführen, in diesem Fall auf den Bericht einer Umweltorganisation ohne wissenschaftliche Grundlage.

Dazu kam noch ein Zahlendreher, der aus dem Jahr 2350 das Jahr 2035 machte. Des weiteren wurde in dem Bericht der Anteil der unterhalb des Meeresspiegels gelegenen Fläche Hollands mit 55 Prozent angegeben, richtig sind 26 Prozent (hier muss man allerdings betonen, dass diese Angaben von der holländischen Behörde selbst übermittelt wurden, die jetzt eine Korrektur veröffentlicht hat. Auch die Aussagen zur Wasserknappheit und Ernterückgängen in Afrika sind wohl nur dem Bericht einer Umweltorganisation entnommen, der sich zudem nur auf drei nordafrikanische Länder bezog (mehr dazu im Interview mit Prof. Fischlin hier bei den Klimarettern).

Muss es nochmals betont werden? Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler bestreitet die Realität des Klimawandels und seine Ursache - dass nämlich der Mensch seit der Industrialisierung große Mengen an klimawirksamen Gasen in die Atmosphäre geblasen hat, die die Albedo der Erde verändern, also das Maß in dem Sonnenstrahlen reflektiert oder absorbiert werden. Dass wir deshalb weltweit eine Erwärmung um circa  0,8°C beobachten und dass eine Erwärmung um mehr als 6°C bis 2100 nicht auszuschließen ist - was die Erde in einem Maße verändern würde die wir uns nicht vorstellen können (zum Vergleich: der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Temperatur in Deutschland heute und der Eiszeit betrug lediglich um die 5°C).

Die derzeitige Debatte soll ablenken. Statt über die Politik und die geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels nachzudenken, wird über die wissenschaftliche Basis diskutiert. Diese Diskussionen um den IPCC sind nicht neu, aber in ihrer Heftigkeit und Konzentration bisher ohne Beispiel. Der Grund dafür ist nicht primär die Entdeckung dass einige falsche Zahlen verwendet worden sind, das gab es vorher auch schon. Nein, es besteht der begründete Verdacht für die Annahme, dass die Klimawandelleugner mit frischem Geld aus interessierten Quellen die Glaubwürdigkeit des IPCC ein für alle Mal erledigen wollen. Das macht die gegenwärtigen Angriffe so brisant, denn das Vertrauen in die Seriosität des IPCC ist die Grundlage für alle Maßnahmen zum Schutz des Klimas.

Wenn die Diskreditierung des IPCC gelingt - und in den USA scheint das bedauerlicherweise schon der Fall zu sein - dann ist der Klimapolitik eine wichtige Grundlage entzogen. Das heißt nicht, dass dann keine Klimapolitik mehr stattfindet, aber sie wird später kommen, schwächer ansetzen und eher auf Freiwilligkeit als auf staatliche Regelung bauen. Mit einem Wort: Die Klimapolitik würde zahnlos werden und den Klimawandel nicht stoppen können. Deshalb ist es extrem wichtig, allen Leugnern des Klimawandels entschlossen entgegenzutreten. Und auch den bedenkenlosen Nachplapperern, die sich nicht die Mühe machen, selber nachzulesen oder aus Sensationslust und Geldgier die falsche Debatte anheizen. Eine sehr gute Basis bietet die Webseite http://www.realclimate.org, auf der Klimawissenschaftler die Angriffe analysieren und auch debattieren – der letzte Eintrag zu diesen Angriffen verzeichnet über 500 Kommentare.

Der IPCC muss sich nun dringend reformieren und auch wieder ein Stück „entpolitisieren“, damit Politik glaubhaft handeln kann.

Und Al Gore wird nicht ins Iglu ziehen müssen, der Schnee in Washington schmilzt bereits. Beim nächsten überdurchschnittlich heißen Sommer wird Senator Inhofe verkünden, diese habe es ja schon immer gegeben und das habe nichts mit dem Klimawandel zu tun. Wetten?

 

Dr. Hermann E. Ott war Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie -  und ist jetzt Bundestagsabgeordneter der Bündnisgünen


Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]

Werbung

Werbung

Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde

Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]


Aktion des Monats

US-Waldgesetz retten

In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr]

Durban 2011

Klimakonferenz Durban

Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen.  [mehr]

Neue Klimaretter-Serie 
Die Gesetze der Energiewende

Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit  Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.


Lexikon

Das ABC der Klimaretter

Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr]

In eigener Sache

Klimaretter abonnieren!

Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...]

Werbung

Fritz Vahrenholt (RWE): Kalter Kaffee zur Sonne

Der kommende Montag wird die Welt erschüttern, zumindest die der Klimaforschung. Das verheißt jedenfalls eine aktuelle Verlagsankündigung: Donnerwetter! Tausende IPCC-Wissenschaftler sind komplette Versager!! Der Klimawandel ist längst gestoppt!!! Die Ozeane und die Sonne waren schuld daran!!!! Puh, da hat die[…] [mehr...]

Klimaretter-Dossiers

Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs

Klimakonferenz-Specials

Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13


Werbung


Ressorts

Politik


EU gegenüber China vorerst hart

Alternativ zu Emissionshandel bietet Kommission aber "Ausgleichsmaßnahmen" an [mehr...]
Wirtschaft


18.000 neue erneuerbare Jobs

Studie: Offshore-Branche werde 2021 mindestens 33.000 Menschen beschäftigen [mehr...]
Mobilität


Kalifornien erzwingt mehr saubere Autos

Neue Abgasregeln sollen CO2-Ausstoß im Verkehr bis 2025 um 52 Millionen Tonnen senken [mehr...]
Forschung

mann3_cr
Rechtshilfefonds für US-Klimaforscher

Organisation will Wissenschaftler wie Michael Mann beim Kampf gegen juristische Angriffe von "Klimaskeptikern" unterstützen [mehr...]
Wohnen


Heizkosten kosten nach Verbrauch

Urteil des Bundesgerichtshof: Eine pauschale Abrechnung ist "ungerecht" - und deshalb verboten [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar


Keine Blackout-Angst

Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.
Ein Kommentar von Joachim Wille
[mehr...]
Standpunkte


Biogas: unverzichtbar für die Energiewende

Die pauschale Kritik an der "Vermaisung" der Landschaft ist falsch, meint der Geschäftsführer des Fachverband Biogas, Claudius da Costa Gomez, in einem Gastbeitrag. Zukünftig würden auch alternative Energiepflanzen wie Rüben für die Stromerzeugung verwendet werden. Auch auf den Humus-Haushalt habe der Biomasseanbau keine negativen Auswirkungen. Teil fünf unserer Debattenserie zu den Folgen des Atomausstiegs.
Von Claudius da Costa Gomez
[mehr...]
Rezension


Ruht der Wind sich jemals aus?

Warum sind die Wolken flauschig? Wieso ist die Erde nicht tiefgefroren? Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf präsentiert Wetter und Klima als Abenteuer für Kinder.
Eine Rezension
von Toralf Staud
[mehr...]
Kolumnen

nick3
Noch nicht einmal 50 von 2.000

Der Ausbau der Offshore-Windkraft stockt - trotz üpiger Fördererhöhung durch die Bundesregierung. Schuld sind natürlich die Behörden, klagt RWE. Echt? Lesen Sie mal! [mehr...]
Überraschung der Woche


Transparenz, EEG und die Ananas des Herrn Großmann

Kalenderwoche 5: Was steckt hinter dem Solarbashing des Wirtschaftsministers?, fragt sich Matthias Willenbacher, Gründer des Unternehmens juwi und Mit-Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]