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Kalte Sonne, kaltes Herz

Ott Macht Politik

hermannMan muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird. Zu klar erschien die Intention von Fritz Vahrenholt mit seinem Buch "Die kalte Sonne". Ein RWE-Manager der Entwarnung gibt beim Klimawandel. Da würde jede Reaktion den Autor nur unangemessen aufwerten. Doch mittlerweile wird das Buch von bestimmten Medien so gepusht, dass eine Reaktion wichtig erscheint. Selbst in den Charts eines großen Online-Buchhändlers ist es mittlerweile in den Top50. Dabei lohnt sich die Lektüre nicht, denn Vahrenholt und Lüning servieren uns nur kalten Kaffee mit Rosinen.

Kalten Kaffee weil viele der Argumente die gebracht werden längst widerlegt sind. Und Rosinen, weil in dem Buch ganz selektiv Studien und Meßzeiträume genannt werden und andere weggelassen werden. "Rosinenpickerei" nennt das der Klimaforscher Stefan Rahmstorf seit Jahren, denn dabei handelt es sich um eine beliebte Methode der Klimaskeptiker. Alleine die grundlegende Behauptung des Buches, seit 12 Jahren gäbe es schon keine Klimaerwärmung mehr ist dreist. Ihre Wiederholung in bestimmten Medien (die daraus gleich eine Serie machen) macht sie nicht richtiger. Doch Vahrenholt und Co. bedienen sich für ihre Aussagen eines statistischen Tricks. Sie nehmen als Basisjahr für ihren Berechnung ein Jahr, das ganz besonders war, nämlich 1998. In diesem Jahr trat im Pazifik das stärkste El-Nino Ereignis der vergangenen Jahrzehnte auf, es fiel also statistisch aus der Reihe. Die globale Temperatur war deutlich erhöht und die Wahl dieses Jahres als Ausgangsjahr soll dann das Ergebnis so beeinflussen das die globale Erwärmung in den letzten 12 Jahren angeblich zum Stillstand gekommen sei (was nicht funktioniert, denn selbst dann ist ein Erwärmungstrend noch erkennbar).

Die Zeiträume die betrachtet werden müssen um verläßliche Aussagen zu bekommen sind allerdings deutlich länger als ein Jahrzehnt. Die letzten 30 Jahre zeigen einen Erwärmungstrend von 0,16 bis 0,18 Grad  Celsius Erwärmung pro Jahrzehnt, wobei die Jahre 2005 und 2010 die wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert waren. Deshalb ist es in der Klimawissenschaft so wichtig, lange Zeiträume zu betrachten. Und dass ein kalter Winter in Europa sehr gut zusammen passt mit der Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur hat der Winter 2010 bewiesen: In Europa war es lange sehr kalt, global gesehen war es aber das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. 

Die langen Zeiträume in denen sich der Klimawandel schleppend bemerkbar macht (und keinesfalls linear verläuft) ist wohl auch der Grund, warum solche Thesen wie die von Vahrenholt so viel Niederschlag finden, denn die immer gleiche Schlagzeile "Klimawandel schreitet voran" ist kaum dazu geeignet die Auflage zu steigern. Dabei ist die Intention von Vahrenholt & Co so simpel wie durchschaubar - es ist die grundlegenden Strategie der Klimawandelskeptiker und der nicht selten hinter ihnen stehende Industrie: Zweifel sähen. Und diese angeblichen Zweifel fallen deshalb auf so nahrhaften Boden, weil die Folgen komplex und zum Teil kontra-intuitiv sind und die Herausforderungen so gravierend. Da ist es immer einfacher zu sagen: Moment mal, vielleicht stimmt das alles nicht, vielleicht sind die Maßnahmen alle nicht nötig. Und es ist jetzt schon absehbar, dass die Gegenreden zum Buch als Angriff auf die Meinungsfreiheit gedeutet werden, frei nach dem Motto "Man wird in Deutschland doch noch sagen dürfen".

Tausende Klimawissenschaftler, eine Verschwörung

Dass es in der Wissenschaft Diskussionen darüber gibt, wie sich der Klimawandel konkret auswirkt und wie stark er wo ausfällt ist richtig und wichtig und solche Diskussionen (in Fachjournalen!) sind ja gerade ein Merkmal von Wissenschaft, das zeichnet sie aus. Dass beim Klimawandel aber die diskutierten Unsicherheiten in den meisten Fällen in den verstärkenden Faktoren des Klimawandels liegen (also der Einfluss von Faktoren oder Ereignissen, die durch die zunehmende Erwärmung immer wichtiger werden und ihrerseits das Klima beeinflussen wie z.B. das Schmelzen des arktischen Eises) lässt berfürchten, dass es auch noch schlimmer kommen kann, als bisher vorhergesagt. Zumindest scheint dies wahrscheinlicher als die natürlich grundsätzlich ebenso mögliche Entwicklung, dass der Klimawandel weniger stark ausfällt.

Klimawandelskeptiker wie Vahrenholt sind natürlich nur an letzterer Aussage interessiert. Nach Vahrenholts Meinung haben sich tausende Klimawissenschaftler des IPCC zu einer Verschwörung zusammengetan, den Klimawandel zu übertreiben und anderslautende Studien zu unterdrücken. Über diese Verschwörung gibt es seit Jahrzehnten Stillschweigen und obwohl ein Wissenschaftler der nachweisen könnte, dass es mit dem Klimawandel nicht weit her ist und Kohlendioxid wenig Einfluss hat, zweifelsohne Preise und Anerkennung gewinnen würde, scheint keiner der tausenden Wissenschaftler des IPCC Interesse daran zu haben (siehe auch Interview mit Prof. Marotzke: "Und dann soll mir jemand erzählen, dass ein Forscher sich eine solche Gelegenheit entgehen lässt. Das halte ich für absurd, diese ganzen Verschwörungstheorien"  )

Seine Intentionen nennt er dabei erfreulich klar und deutlich. In einem Interview zu seinem Buch erklärt er "wir werden noch in den nächsten 50 Jahren konventionelle Kraftwerke brauchen" und "neue fossile Kraftwerke sind der ideale Partner der Erneuerbaren" und "wir müssen hierzulande in diesem Jahrzehnt nicht unser ganzes Energiesystem hysterisch unter Zeitdruck umbauen" . Da sieht ein RWE-Manager seine Felle davon schwimmen. Doch ganz so plump wie einige Klimawandelleugner geht Vahrenholt nicht vor. Denn er bestreitet in seinem Buch nicht, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, doch falle der eben nicht so schlimm aus und wir hätten genug Zeit uns darauf einzurichten.

Man darf annehmen, dass das Buch in Bangladesch oder den Malediven nicht erscheinen wird. Dort kann man nämlich bereits heute sehen, wie sich der Klimawandel auswirkt. Insofern handeln Vahrenholt und Co zynisch wenn gesagt wird, mit einer geringen Erwärmung könnten wir in Deutschland gut leben. Wir können es nicht, und die Welt kann es schon gar nicht – und Vahrenholt nimmt mit seinem leichtfertigen Gerede den Tod und das Elend von vielen Millionen Menschen in Kauf. Vahrenholt hat ein kaltes Herz.

Hermann E. Ott ist Bundestagsabgeordneter der Bündnisgrünen, ihr klimapolitischer Sprecher und nunmehr Mitglieder der Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlastand, Lebensqualität". Zuvor war er Wissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

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