Diplomatischer Ungeist bei der UNO
Otts Wissen schafft
Es ist ein eingespieltes Ritual der Klimadiplomatie, dass nach jeder Verhandlungsrunde das Gejammer anhebt, wie wenig bei der gerade beendeten Verhandlungsrunde erreicht worden sei. Diese ritualisierte Klage mag den Betrachter nerven. Doch sollte uns das nicht von der Tatsache ablenken, dass sie trotzdem berechtigt ist: Diese Verhandlungen sind eine Schande!
Bereits seit dem Klimagipfel auf Bali Ende 2007 sollte ernsthaft über ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll verhandelt werden. 15 Monate später sollten die Verhandlungen in Bonn konkret werden. Doch konnte in Bonn in den letzten zwei Wochen außer atmosphärischen Verbesserungen nicht der geringste Fortschritt erzielt werden. Und nicht einmal diese atmosphärischen Verbesserungen waren Verdienst der Klima-Diplomaten. Sie waren verursacht durch die neue Nettigkeit der US-Verhandler.
Woran der Stillstand liegt? Jedenfalls nicht an den Schwellen- und Entwicklungsländern. Im Gegenteil - von diesen wurden sogar sehr konstruktive Vorschläge für die Ausgestaltung einer Post-Kyoto-Vereinbarung gemacht (zum Beispiel von Mexiko oder Südafrika).
Die Schuld liegt bei den großen Industriestaaten. Wie kann es denn sein, dass es immer noch kein klares Bekenntnis zu den eigenen Reduktionspflichten nach 2012 gibt? Die Lage laut dem (schon wieder überholten) vierten Bericht des IPCC ist eindeutig: Zwischen 2015 und 2020 müssen die globalen Emissionen anfangen zu sinken, wenn eine gewisse Chance bestehen soll, den sich selbst verstärkenden Klimawandel aufzuhalten. Und sie müssen in den Industriestaaten bis 2020 schon ziemlich drastisch sinken, nämlich zwischen 25 und 40 Prozent. Besser im oberen Bereich, um auf der sicheren Seite zu sein.
Aber von den Industriestaaten liegt kein Angebot, keine Zahl auf dem Tisch.
Und wie kann es denn sein, dass noch immer keine Zahlen vorliegen (auch nicht von der EU), wie viel Geld die reichen Staaten denn zu geben bereit sind - um im Süden die Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen und ihnen den Weg in das solare Zeitalter zu erleichtern? Wie schnell und massiv solche Hilfen ausfallen können hat die Finanz- und Wirtschaftskrise sehr deutlich gemacht. Aber wo bleiben die Angebote?
Diese Versäumnisse sind einer überholten Verhandlungslogik geschuldet, die darauf abzielt, die "Karten nicht auf den Tisch zu legen" um "möglichst viel für die eigene Seite rauszuholen". Dass wir es mit einer völlig neuen Herausforderung zu tun haben, in der entweder beide "Seiten" gewinnen oder aber beide verlieren, das ist in den Hirnen der Diplomaten noch nicht angekommen. Die würden selbst dann noch zu schachern versuchen, wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Wenn diese Metapher hier erlaubt ist...
Dr. Hermann E. Ott ist Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
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