Klimaschutz hilft auch gegen die Finanzkrise
Wie in Zeitlupe entwickelt sich die Krise des weltweiten Finanzsystems. Es herrscht nackte Angst vor der „Kernschmelze“ des Systems – vielleicht ist es schon bezeichnend, dass ein Begriff aus dem ökologischen Horrorkabinett zur Bezeichnung des Unausdenkbaren benutzt wird. Schleichend macht sich ein lähmendes Entsetzen breit – so ähnlich mögen auch hellsichtige Beobachter in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts empfunden haben angesichts der furchtbaren Größe und Unausweichlichkeit des Verhängnisses damals.
Und schon melden sich die ersten Stimmen mit der Forderung, in Zeiten der Finanzkrise sei die Bekämpfung des Klimawandels nicht auch noch zu stemmen – zum Beispiel verlangten konservative EU-Parlamentarier eine Abmilderung des Klimapakets. Dabei ist genau das Gegenteil richtig: Finanz- und Klimakrise hängen nicht nur zusammen, sondern lassen sich nur miteinander lösen.
Zum Ersten: Die Finanzkrise ist auch ein Ergebnis der gestiegenen Rohstoffpreise – viele Amerikaner konnten die Kreditraten für ihre Häuser nicht mehr zahlen, weil die Kosten für die Fahrten mit dem Auto zu Arbeit und Einkauf drastisch gestiegen waren. Das unökologische Auswuchern der US-Städte ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr hat sich gerächt - der hohe Ölpreis könnte die unterste Karte aus dem amerikanischen Finanz-Kartenhaus gezogen haben.
Zum Zweiten: Klimaschutz hilft, indem sehr konkret durch grüne Energien, Energiesparen und Effizienz die Abhängigkeit von Rohstoffen (und deren hohe Kosten) vermindert werden. Klimaschutz hilft, weil die Abwendung einer globalen Katastrophe massive Investitionen in die Realwirtschaft verlangt, nicht in die Kasinowirtschaft der Finanzmärkte. Und Klimaschutz hilft, weil die Rettung des Klimasystems eine grundlegende Umgestaltung unserer Wirtschaft erfordert.
Denn zur Bekämpfung des Klimawandels muss die Plünderung der fossilen und anderen Ressourcen gestoppt, muss die Ideologie des ständigen wirtschaftlichen Wachstums ersetzt werden durch eine nachhaltige, maßvolle Ökonomie. Eine nachhaltige, zukunftsfähige Politik erfordert auch eine Neugestaltung der globalen Finanzarchitektur.
Dabei darf es jedoch nicht bei kurzfristigen Maßnahmen zur Stützung des nicht zukunftsfähigen Systems bleiben. Erforderlich ist, in aller Kürze, eine Neu- und Höherbewertung des Naturkapitals, denn ohne dies ist alles Nichts. Ganz nebenbei würde ein ernsthafter Klima- und Ressourcenschutz auch Finanzkrisen wie die jetzige zumindest sehr viel unwahrscheinlicher machen. Was ja auch nicht schlecht wäre.
Dr. Hermann E. Ott ist Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
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