Paris: Klimamarsch mit leeren Schuhen

BildWeltweit gehen heute, einen Tag vor Beginn des Klimagipfels, Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße. In Paris aber wurde die Demo nach den Terroranschlägen abgesagt. Klimaschützer setzen trotzdem ein Zeichen – mit Tausenden Paar Schuhen auf der Place de la République. Teil 15 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Aus Paris Benjamin von Brackel und Susanne Götze

Die bislang größte Demo für das Klima soll er werden, der heutige Global Climate March. Weltweit wollen Demonstranten Druck auf die Staats- und Regierungschefs ausüben, beim Klimagipfel in Paris einen verbindlichen und gerechten Vertrag für den Klimaschutz auszuhandeln. 2.000 Aktionen sollen stattfinden, darunter auch 50 große Protestmärsche unter anderem in London, Tokio, Kopenhagen und Amsterdam. In Paris hingegen wurden aufgrund der Attentate vor zwei Wochen alle Demonstrationen untersagt, auch der groß angekündigte Klima-Marsch. Doch die Organisatoren ließen sich viele kleinere Aktionen einfallen, um ihrer Stimme Gehör zu verleihen.

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Am Sonntag auf der Place de la République: Schuhe stehen für die verhinderten Klimamarschierer. (Foto: Susanne Götze)

Auf dem großen Platz der Republik im Zentrum der Stadt verteilt die Kampagnenorganisation Avaaz Tausende Paar Schuhe auf dem Boden, Sneakers und Chucks standen neben Lackschuhen und Damen-Pumps. Selbst ein Repräsentant des Papstes hat ein Paar schwarze Lederschuhe hinterlassen. Sie symbolisieren den verhinderten Klimamarsch und all jene Menschen, die demonstrieren wollten, so ein freiwilliger Helfer von Avaaz.

Durch das Schuh-Meer wandelt eine Gruppe in Engelskostüme gekleideter Frauen. Sie tragen Schilder mit Aufschriften wie "Klimagerechtigkeit – keine Entschuldigungen" oder "Kohle tötet". Nur ein paar Meter weiter am Monument liegen Blumen, Kerzen und Fotos in Gedenken an den Anschlag vom 13. November.

Klimakonferenz: "Eine Maskerade"

"Diese Klimakonferenz ist eine Maskerade", sagt Savannah Anselme. "Unsere Regierung hat nichts dafür getan, die Klimaerwärmung zu stoppen." All die Ankündigungen zum Klimaschutz würden die eigentliche Politik verschleiern. Die Pariserin trägt ein großes Schild am Rücken und eines vor der Brust: "Die Meinung der Menschen vor der Meinung der Politiker."

Was sollte die Regierung in Sachen Klimaschutz tun? Beziehungen mit Ölkonzernen wie Shell oder Total ändern und sie stärker belasten, sagt Anselme. Angst hierher zu kommen hatte sie keine. "Ich habe größere Angst vor unserer Zukunft." Außerdem will sie ein Zeichen setzen, das Demonstrationsverbot auszuhebeln, und sich selbst aus dem Ausnahmezustand befreien.

Ein paar Meter weiter steht Gretchen und versucht ein Plakat zu entwirren. Sie ist aus Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania angereist, um für die Zukunft ihrer Kinder zu demonstrieren. "Kinder sind vom Klimawandel am meisten beeinträchtigt." Auch sie fürchtet sich nicht, hierher zu kommen. "Als Mutter ist das das Wichtigste, was ich tun kann", sagt sie.

Menschenkette und Trauerzug

Gegen Mittag werden die Schuhe schon wieder vom Platz geräumt, dafür formt sich gleich hinter dem Place de la République eine lange Menschenkette. Die Aktion ist nur deshalb erlaubt, weil die Teilnehmer auf den Bürgersteigen stehen – auf der Straße wäre es eine öffentliche Veranstaltung und somit verboten.

"Wir haben kein Vertrauen in die Klimadiplomatie – alle versuchen sich in diesen Verhandlungen nur gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben", meint der Pariser Student Jérôme, der ganz am Anfang der Menschenkette am Platz der Republik steht. "Wir müssen versuchen, mehr Vielfalt in unser Leben und unsere Demokratie zu bringen, statt immer mehr zu konsumieren". Angst zu protestieren haben auch Jérôme und seine Freundin Glandine nicht. Gerade jetzt müsse man Gesicht zeigen.

Vom Place de la République zieht sich die Menschenkette über drei Kilometer bis zum Place de la Nation im Osten der Stadt. "Das Klima ist in Gefahr", skandiert ein Gruppe immer wieder. Die Stimmung ist entspannt. Ein paar Straßen weiter zieht ein Trauerzug mit Orchester an der Konzerthalle Bataclan vorbei, wo wieder überall Blumen und Fotos von den Opfern des Anschlags ausgelegt sind.

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Demonstrationen hat die Regierung verboten, aber die Klimaaktivisten lassen sich etwas einfallen. (Foto: Susanne Götze)

Am Ende der Menschenkette, am Place de la Nation stehen die beiden Freundinnen Beatrice und Catherine. Catherine ist Rentnerin und hat für die internationalen Verhandlungen nur ein müdes Schulterzucken übrig: "Die großen Wirtschafts- und Finanzinteressen verhindern eine vernünftige Klimapolitik", ist sie überzeugt. Hoffnung gebe es vor allem durch die Menschen jenseits von Politik und Wirtschaft, die mit vielen kreativen Ideen versuchten, die Welt jeden Tag etwas besser zu machen.
 

BildCountdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde
Teil 4: Wie es mit der Klimabewegung weitergeht
Teil 5: So funktioniert eine Klimakonferenz
Teil 6: Neue Dirigenten auf dem Klimaparkett
Teil 7: REDD: Die Wälder werden trotzdem brennen
Teil 8: Klimakonferenz: Ohne Geld kein Vertrag
Teil 9: Wie Moore die Klimaziele verwässern
Teil 10:
 Neue Dramaturgie, alte Konflikte
Teil 11: Zehn Jahre "Cap and Trade"
Teil 12: Polen zwischen Kohle und Klima
Teil 13:
Die Tabus der Klimaverhandlungen
Teil 14:
Dem Sonderzug aufs Dach gestiegen
Teil 15: Paris: Klimamarsch mit leeren Schuhen

[Erklärung]  
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