Dem Sonderzug aufs Dach gestiegen

BildBerlin Hauptbahnhof, 9 Uhr: Bundesumweltministerin Hendricks und ihr deutsches Verhandlungsteam – die Klimadiplomaten – steigen in den Zug nach Paris. Fünf Stunden später ist in Frankfurt am Main Schluss. Klimaaktivisten blockieren die Weiterfahrt. Ein Vorgeschmack auf zwei Wochen Paris-Gipfel. Teil 14 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Aus dem "Train to Paris" Susanne Götze, Nick Reimer und Sandra Kirchner

"Sänk ju for trävelling wis Deutsche Bahn", hallt es auch aus den Lautsprechern des Sonderzugs, keine zehn Minuten hinter Berlin. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) persönlich wünscht ihren Mitreisenden – darunter Wirtschaftsvertreter, NGOler und Journalisten – eine gute Fahrt zur COP 21 nach Paris. 

Bild
Aktivisten von "Free the T(h)ree" seilen sich gegen 13:40 Uhr auf den Ministerzug ab. (Foto: S. Götze)

Die Ministerin ist zum Scherzen aufgelegt und der Ex-CDU-Politiker und heutige Bahn-Vorstand Ronald Pofalla verkündet stolz, dass "deutsche Teilnehmer CO2-neutral nach Paris reisen". Dazu passend gibt es ein doppelt und dreifach verpacktes Bio-Frühstück und Cola in erdölfreien Plastikbechern – selbstverständlich alles (theoretisch) kompostierbar. Die gute Stimmung hält bis Frankfurt am Main. Dort seilen sich am frühen Nachmittag drei Aktivisten der Gruppe "Free the T(h)ree" im Bahnhof auf den Zug ab – eine halsbrecherische Aktion, bei der nur durch ein Wunder keiner der Drei verletzt wird.

"Das Klima ist nicht mit Klimadiplomatie zu retten", skandieren sie und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift "Klimaschutz statt Stellvertreter-Spektakel". Anschließend ketten sich weitere Aktivisten an die Schienen und blockieren die Weiterreise der COP-21-Delegation um mehr als zwei Stunden. 

Hendricks versucht mit den Aktivisten zu sprechen

Viele Mitreisende haben dafür kaum Verständnis, auch nicht unter den Nichtregierungsorganisationen: "Das ist kollektive Geiselhaft", schimpft Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Ziviler Protest wird durch solche sinnlosen Aktionen diskreditiert." Barabara Hendricks versucht auf dem Bahnsteig mit den Klimaaktivisten ins Gespräch zu kommen, was damit endet, dass diese die Ministerin zum Rücktritt aufforderten. 

"Diese Aktion war lebensgefährlich", erklärt ein Bahnsprecher gegenüber klimaretter.info: Die Aktivisten hätten sich so nah an der Oberleitung abgeseilt, "dass durchaus ein Lichtbogen möglich gewesen wäre". Das bedeutet: Die Stromstärke in der Bahn-Oberleitung ist so groß, dass allein die Nähe ausreicht, um mittels dieses "Lichtbogens" einen tödlichen Stromschlag abzubekommen.

Bild
Zugfahrt als groß angelegte PR-Aktion für Regierung und Bahn AG: Die deutsche Delegation mit Chefunterhändler Karsten Sach (hinten), Umweltministerin Barbara Hendricks (Mitte) und den Staatssekretären Rita Schwarzelühr-Sutter und Jochen Flasbarth (außen) am Berliner Hauptbahnhof kurz vor der Abfahrt. (Foto: S. Götze)

Zuvor hat die Ministerin im Zug erklärt, was sie sich von den Verhandlungen der nächsten zwei Wochen wünscht. "Wir müssen die eckigen Klammern wegverhandeln", so Hendricks. Damit gemeint sind die vielen noch offenen Optionen im aktuellen Textentwurf des Verhandlungspapiers. Nach Angaben des deutschen Chefunterhändlers Karsten Sach sind das 1.500 Klammern, also 1.500 offene Optionen. Allerdings könnte es auch sein, dass neue Klammern hinzukommen, warnte die Ministerin.

Den Erfolg eines Abkommens macht die Ministerin an drei Punkten fest: "Erstens müssen sich alle Staaten darauf einigen, alles in ihrem Ermessen zu tun, um zu verhindern, dass die Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts zwei Grad übersteigt", so Hendricks. Zweitens müsse ein Überprüfungsmechnismus beschlossen werden, der alle fünf Jahre die abgegebenen Ziele der Staaten kontrolliert und bei Bedarf erhöht.

Und drittens müsse sichergestellt werden, dass "eine Tonne CO2 überall auf der Welt auch eine Tonne CO2 ist". Gemeint ist damit eine einheitliche Berechnungsgrundlage für die Einhaltung der beim UN-Klimasekretariat abgegebenen nationalen Klimapläne, der sogenannten INDCs. Viele Staaten, vor allem Entwicklungsländer, hatten in diesem Jahr das erste Mal überhaupt einen solchen Klimaplan vorgelegt. 

Hendricks selbst will am Montagabend zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wieder nach Berlin fahren und am 7. Dezember zum Beginn des Ministersegments nach Paris zurückkehren. Ihr Verhandlungsteam – darunter Karsten Sach, Nicole Wilke und Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth – bleibe natürlich zwei Wochen lang "dran". 

"Dekarbonisierung" oder "Klimaneutralität"?

Der Zug Richtung Paris rollt nach Angaben der Bahn klimaneutral. Doch unklar ist, ob sich die Staatengemeinschaft in dem neuen Abkommen auf eine Dekarbonisierung einigen kann. Sicher ist, dass etliche Entwicklungsländer zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf die billige Kohle verzichten möchten. "Vor dem Wort Dekarbonisierung scheuen manche zurück", sagt Barbara Hendricks. So habe man sich mit Indien in einer gemeinsamen Klimaerklärung auf Klimaneutralität geeinigt. "Sollte Klimaneutralität es in das Abkommen schaffen, sind wir sehr zufrieden."

Bislang kreist die Diskussion um die Dekarbonisierung nach Ansicht von Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik noch zu sehr um die Wirtschaft. Die Aussage stößt bei der Wirtschaft, die mit im Zug sitzt, auf offene Ohren. Unternehmen wie Siemens, Otto und Schüco wollen auch in Paris ihre Interessen vertreten.

Bild
Ministerin Hendricks heute morgen am Berliner Hauptbahnhof: Die eckigen Klammern müssen weg! – Dass hinter den Optionen im Vertragsentwurf harte politische und ökonomische Interessen stehen, sagt sie nicht. (Foto: Susanne Götze)

Noch setzen die nationalen Selbstverpflichtungen der Staaten vor allem beim Energiesektor an, allerdings werden mit den INDCs nur 30 Prozent dessen erreicht, was für die Einhaltung des Zwei-Grad-Limits notwendig wäre. "Die Emissionen aus der Landwirtschaft und aus den urbanen Siedlungsstrukturen finden keine Berücksichtigung", klagt Messner. Trotzdem ist der Sozialwissenschaftler optimistisch. Während vor einigen Jahren die Idee der Dekarbonisierung noch auf Ablehnung stieß, mehren sich die Anzeichen für einen Wandel: Wer zu viel emittiert, bekomme mittlerweile ein Legitimationsproblem.

Das dürften die Aktivisten von Free the T(h)ree anders sehen. Nachdem die Polizei die Protestler vom Dach des ICE "entfernt" hat, kann auch der Strom im Zug wieder angeschaltet werden und das Programm des Train to Paris weitergehen. Die Klimaaktivisten sind zwar mit heiler Haut davongekommen, ihnen droht jedoch nun eine Anklage wegen "gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr".
 

BildCountdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde
Teil 4: Wie es mit der Klimabewegung weitergeht
Teil 5: So funktioniert eine Klimakonferenz
Teil 6: Neue Dirigenten auf dem Klimaparkett
Teil 7: REDD: Die Wälder werden trotzdem brennen
Teil 8: Klimakonferenz: Ohne Geld kein Vertrag
Teil 9: Wie Moore die Klimaziele verwässern
Teil 10:
 Neue Dramaturgie, alte Konflikte
Teil 11: Zehn Jahre "Cap and Trade"
Teil 12: Polen zwischen Kohle und Klima
Teil 13:
Die Tabus der Klimaverhandlungen
Teil 14:
Dem Sonderzug aufs Dach gestiegen

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen