"Die treibende Kraft sind die Opfer"

BildIm anderen Teil der Welt ist der Klimawandel Schulhofgespräch, Aufmacher der großen Zeitungen, politischer Dauerbrenner auf allen Ebenen. Dürren, Meeresspiegelanstieg und immer stärkere Stürme bedrohen Heimat und Existenz von Millionen. Aber kaum ein Industrieland will seine Verantwortung für solche Schäden und Verluste tragen, sagt Sabine Minninger von Brot für die Welt. Teil 15 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.
 

Bildklimaretter.info: Frau Minninger, der Klimawandel ist zerstörerisch, selbst wenn wir ab sofort Meister im Klimaschutz werden. Lange wurde diskutiert, ob diese Schäden und Verluste – "Loss and Damage" im Klimakonferenzjargon – überhaupt ein eigenes Thema jenseits der Klimaanpassung sind. Wo stehen wir vor dem Pariser Gipfel?

Sabine Minninger: Es gibt noch Uneinigkeit. Ein Beispiel sind Inselbewohner, die von ihren untergehenden Inseln umgesiedelt werden. Manche Industrieländer sagen, dass diese Menschen sich ganz einfach an den Klimawandel angepasst hätten. Ein Schaden sei demnach gar nicht entstanden. Klingt das nicht absurd? Die haben doch ihren ganzen Staat verloren!

Die Unterscheidung ist wichtig. Es geht darum, wie wir auch den verletzlichsten Staaten und ihren Bewohnern ein Leben in Würde garantieren können und wie die Welt die Last gerecht verteilt. Die derzeitigen Flüchtlingsströme hier in Europa geben nur einen Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn der Klimawandel ungebremst weitergeht. Mittlerweile sagt immerhin kein Land mehr laut: Ist mir egal.

Woher kommt der Sinneswandel?

Der kommt wahrscheinlich daher, dass das Weltklimaabkommen, das die Konferenz in Paris hervorbringen soll, sonst nicht viel zu bieten haben wird: Die Industrieländer bekommen das Geld nicht zusammen, das sie ärmeren Ländern für Anpassung und Klimaschutz versprochen haben. Ihre Klimaziele sind so schwach, dass wir die globale Erwärmung nicht auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten begrenzen.

Könnte das Abkommen also einen Durchbruch bei "Loss and Damage" bringen?

So weit würde ich nicht gehen. Die treibende Kraft bei dem Thema sind immer noch die Opfer, also die afrikanischen Staaten, die kleinen Inselstaaten und die ärmsten Länder. Bei denen geht es ums Überleben. Industriestaaten wie die USA, Kanada, Japan, Norwegen und Australien fahren dagegen einen sehr zurückhaltenden Kurs.

Und die Europäische Union?

Vor dem Paris-Gipfel hat die EU-Delegation noch keine offizielle Position bekanntgegeben. In vergangenen Verhandlungen zeigte sich die EU aber sehr progressiv. Das hat unter anderem einen ganz pragmatischen Grund: Europa braucht die Entwicklungsländer als Verbündete auf den Klimakonferenzen.

BildVerluste und Schäden: Die philippinische Stadt Tacloban nach dem Taifun "Haiyan" vor zwei Jahren. (Foto: Eoghan Rice-Trocaire/Wikimedia Commons)

Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist die EU als Staatenbund eben eher ambitioniert, was Klimaschutz angeht – nicht nur bei den Schäden und Verlusten. Wenn die Entwicklungsländer an der richtigen Stelle die Hand heben sollen, muss die EU sie natürlich auch unterstützen.

Wo liegen denn die Konfliktlinien?

Im Sommer haben wir zum Beispiel ein trauriges Geschacher um Formulierungen im Vertragstext erlebt. Ursprünglich hatten die Gruppen der afrikanischen Länder, der kleinen Inselstaaten und der 50 ärmsten Länder die "Kompensation" ihrer Schäden und Verluste gefordert. Ihnen geht es durch den Klimawandel an den Kragen, sie verursachen aber kaum Treibhausgasemissionen. Die Forderung haben sie mittlerweile aufgegeben.

Warum?

Darin schwingt mit, dass die Industrieländer am Klimawandel schuld sind und deshalb andere entschädigen müssen. Wörter wie "Schuld" oder "Verantwortung" wollen sie aber auf keinen Fall in einem verbindlichen Abkommen haben, denn das könnte teuer werden.

Was hat eine größere Aussicht auf Erfolg?

Statt von "Verantwortung" wollen die Industrieländer lieber von "Solidarität" sprechen. Das heißt in diesem Zusammenhang leider überhaupt nichts. Nur: "Ich fühle mit dir, habe aber keine Verpflichtungen."

Ist das "Paris-Abkommen" gescheitert, wenn es den Umgang mit Schäden und Verlusten nicht regelt?

Das ist eine gute Frage. Es gibt auf einer Klimakonferenz nämlich auch Beschlüsse, die unverbindlich festgehalten werden. Auf die kann sich zwar kein Gericht berufen, die Zivilgesellschaft aber sehr wohl. Starke Aussagen in diesen Dokumenten können unter Umständen sogar mehr nützen als verbindliche, aber hohle Phrasen. Allerdings muss ich das Ganze dann nicht hochtrabend "Weltklimaabkommen" nennen, das ist dann Ringelpietz ohne Anfassen.

Sabine Minninger ist Klimaexpertin bei der evangelischen Entwicklungsorganisation Brot für die Welt

Interview: Susanne Schwarz
 

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Countdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde
Teil 4: Wie es mit der Klimabewegung weitergeht
Teil 5: So funktioniert eine Klimakonferenz
Teil 6: Neue Dirigenten auf dem Klimaparkett
Teil 7: REDD: Die Wälder werden trotzdem brennen
Teil 8: Klimakonferenz: Ohne Geld kein Vertrag
Teil 9: Wie Moore die Klimaziele verwässern
Teil 10:
 Neue Dramaturgie, alte Konflikte
Teil 11: Zehn Jahre "Cap and Trade"
Teil 12: Polen zwischen Kohle und Klima
Teil 13: Die Tabus der Klimaverhandlungen
Teil 14: Dem Sonderzug aufs Dach gestiegen
Teil 15: "Die treibende Kraft sind die Opfer"

[Erklärung]  
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