Wie Moore die Klimaziele verwässern

BildManche Länder berücksichtigen sie, manche nicht: Die Treibhausgas-Emissionen aus der Landnutzung, zum Beispiel aus trockengelegten Mooren. Umweltschützer fordern eigene Klimaziele für den Landnutzungsektor. Denn der bietet ein Schlupfloch, das ein Klimaabkommen aushebeln könnte. Teil 9 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Von Friederike Meier

"Wer etwas über Kohlenstoff wissen will, muss auf die Moore schauen", sagt Jürgen Augustin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit Mooren und ihrer Wirkung auf das Klima. Ein ungestörtes Moor ist etwa klimaneutral – und speichert riesige Mengen an Kohlenstoff: Weil Mikroorganismen und Regenwürmer im nassen Moor nicht genug Sauerstoff zum Atmen bekommen, können sie Blätter und abgestorbene Pflanzenteile nicht richtig abbauen. Die Schicht aus tiefschwarzem organischem Material wächst deshalb Jahr für Jahr – Torf entsteht.

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Die Emissionen aus der Landwirtschaft sind extrem schwer zu berechnen. Sie unter den Tisch fallen zu lassen wäre aber ein schwerer Fehler. (Foto: Nick Reimer)

In Deutschland werden allerdings inzwischen 95 Prozent der ehemaligen Moorflächen als Acker genutzt – das ist nur möglich, weil sie vorher trockengelegt wurden. Sobald die Mikroorganismen dadurch Sauerstoff bekommen, stürzen sie sich auf die organische Substanz und bauen sie ab: CO2 wird freigesetzt. In Deutschland stammen fast die gesamten Treibhausgasemissionen landwirtschaftlich genutzter Böden aus trockengelegten Mooren. Weltweit sind Moore auf diese Weise für fast fünf Prozent der anthropogenen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Aber nicht nur in Mooren, auch in allen anderen Böden ist Kohlenstoff gespeichert. Nach den Erkenntnissen des Weltklimarats IPCC speichern Böden sogar viermal so viel wie lebende Vegetation. Verwandelt der Mensch eine Wiese in einen Acker oder betoniert er Flächen für Parkplätze, Häuser und Einkaufszentren zu, wird ebenfalls Kohlendioxid emittiert.

Das Ausmaß dieser oft wenig beachteten Emissionen ist gewaltig: Der Fünfte Sachstandsbericht des Weltklimarats beziffert die jährlichen weltweiten Kohlendioxidemissionen aus solchen Landnutzungsänderungen mit durchschnittlich 900 Millionen Tonnen zwischen 2002 und 2011. Das ist in etwa so viel, wie Deutschland in einem Jahr zu verantworten hat.

LULUCF – extrem schwer zu berechnen

Die Emissionen aus Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft fassen die Klimadiplomaten mit dem Akronym LULUCF zusammen – für "Land use, land use change and forestry". Die Besonderheit dieses Sektors ist, dass er sowohl Quelle als auch Senke für Klimagase sein kann. Wälder sind im Allgemeinen ein Speicher, boreale Wälder können sogar eine CO2-Senke sein, also Kohlenstoff zusätzlich aufnehmen.

Daten zu den Auswirkungen von Landnutzungsänderungen sind allerdings nur schwer gewinnen: Bei den "Emissions-Messungen" liegt die Datenunsicherheit laut dem Öko-Institut Freiburg bei ungefähr 32 Prozent, bei dem durch Kraftstoffverbrauch verursachten CO2-Ausstoß ist es nur ein Prozent.

Obwohl Landnutzungsänderungen also für hohe Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, gibt es bisher keine verbindlichen Reduktionsziele. In der ersten Verpflichtungsphase des Kyoto-Protokolls zwischen 2008 und 2012 war es den Staaten selbst überlassen, ob sie die Emissionen aus LULUCF auf ihre Klimabilanz anrechnen – das hat kaum ein Staat gemacht.

Versuchte Ausflüchte bei der Anrechnung

Verwunderlich ist das nicht: Seit 1990 wandelte allein Deutschland so viel klimarelevante Fläche um, dass mindestens 80 Millionen Tonnen CO2 emittiert sein müssten. Würde das im Kyoto-Mechanismus angerechnet, läge der deutsche Ausstoß heute bei über eine Milliarde Tonnen. Die BRD hätte damit 3,5 Prozent mehr ausgestoßen, als durch den Kyoto-Vertrag erlaubt.

Für die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls von 2013 bis 2020 wurden auf der Klimakonferenz in Doha 2012 einige Änderungen bei der Anrechnung von LULUCF vorgenommen. Die Industrienationen hatten ein sogenanntes Referenz-Szenario vorgeschlagen: Damit würde eine Fläche festgelegt, die in einem bestimmten Zeitraum umgewandelt werden darf. Auf die Klimabilanz angerechnet würde nur, was darüber oder darunter liegt. Wenn Deutschland zum Beispiel eine sehr große Fläche als Referenz angäbe und dann etwa weniger Parkplätze bauen würde als angegeben, dürften dafür Kohlekraftwerke und Autos mehr Treibhausgase ausstoßen.

Durchgesetzt hat sich schließlich, dass die Differenz zu einer Business-as-usual-Projektion bis zum Jahr 2020 angerechnet wird. In Holzprodukten gespeicherter Kohlenstoff kann nun auch berücksichtigt werden – früher war man bei der Berechnung davon ausgegangen, dass der Kohlenstoff aus Bäumen, die gefällt werden, sofort emittiert wird. Außerdem gibt es nun die Möglichkeit, freiwillig die Trockenlegung oder Wiedervernässung von Feuchtgebieten und Mooren anzugeben.

Europäische Union: Intransparente Klimaziele

In den sogenannten INDCs – den freiwilligen Klimazielen, die die Staaten vor dem Klimagipfel in Paris beim UN-Klimasekretariat einreichten – wird ganz unterschiedlich mit den Landnutzungsänderungen umgegangen.

Die EU und Neuseeland zum Beispiel wollen den Landnutzungssektor berücksichtigen. "Aus den INDCs dieser Länder wird aber nicht klar, wie die Landnutzung genau berücksichtigt werden soll", sagt die Spezialistin für Klimapolitik Marcia Rocha vom Thinktank Climate Analytics. Wären die Regeln für die Anrechnung so ähnlich wie die des Kyoto-Protokolls, sei es wahrscheinlich, dass LULUCF in diesem Fall in den Reduktionszielen enthalten ist, im Basisjahr aber – dem Jahr, das für die Reduktionsziele als Grundlage genommen wird – wären sie nicht enthalten. Das würde die Daten schwerer nutzbar machen.

Viel transparenter wäre es, LULUCF vom Energiesektor zu trennen und separate Ziele für die beiden Sektoren zu formulieren, wie es zum Beispiel Chile mache, erklärt Rocha. Werden dagegen die Emissionen aus der Landnutzung mit denen aus dem Energiesektor in einen Topf geworfen, besteht die Gefahr, dass durch eingesparte Emissionen aus LULUCF die Emissionen im Energiesektor weniger stark reduziert werden. So hat wiederum das Öko-Institut herausgefunden, dass das Ziel der Europäischen Union, bis zum Jahr 2030 die Emissionen um 40 Prozent zu senken, durch den Einbezug von LULUCF auf 34 bis 37 Prozent gemindert wird.

"Ein idealer Vertrag trennt den Energie- und Landnutzungssektor"

Dass die EU die Landnutzungsänderungen anrechnen will, könne ebenso daran liegen, dass der LULUCF-Sektor in der EU auch ohne menschliches Zutun voraussichtlich bis 2030 eine Netto-Senke bleiben wird, vermutet der Greenpeace-Experte Christoph Thies. Ein idealer Vertrag müsste auch seiner Meinung nach die energiebezogenen Reduktionsziele vom Landsektor trennen – beide Branchen dürften nicht gegeneinander aufrechenbar sein. Auch dürften die beiden Sparten nicht in den gleichen Emissionshandel gelangen. Sonst drohe die Gefahr, dass die Klimaschutzziele verwässert werden.

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Torfmoor: Durch Wiedervernässung ehemaliger Moore kann der gespeicherte Kohlenstoff konserviert werden. (Foto: Corradox/Wikimedia Commons)

Im aktuellen Vertragsentwurf für Paris wird LULUCF unter dem Titel "Bilanzierung" (Accounting) zwar erwähnt, allerdings mit sehr vielen eckigen Klammern, die verschiedene Optionen kennzeichnen. "Es gibt noch sehr viele offene Fragen, deswegen wird LULUCF in diesem Jahr nicht in den Pariser Vertrag kommen", sagt Rocha. "Die Frage der Anrechnung von Landnutzungsänderungen wird 2015 aller Wahrscheinlichkeit nach offen bleiben."
  

Bild Countdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde
Teil 4: Wie es mit der Klimabewegung weitergeht
Teil 5: So funktioniert eine Klimakonferenz
Teil 6: Neue Dirigenten auf dem Klimaparkett
Teil 7: Die Wälder werden trotzdem brennen
Teil 8: Klimakonferenz: Ohne Geld kein Vertrag
Teil 9: Wie Moore die Klimaziele verwässern

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