Die Wälder werden trotzdem brennen

BildSeit einem Jahrzehnt diskutiert die Menschheit darüber, wie sie den Waldschutz international regeln soll. Das Ergebnis: der REDD-​Mechanismus. Mit dem neuen Weltklimavertrag könnte er im großen Stil umgesetzt werden. Die Schwächen des Instruments sind allerdings nicht zu leugnen. Teil 7 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Von Verena Kern

Selten hat eine Klimakonferenz so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie der bevorstehende Gipfel in Paris. Nicht nur Fachmagazine wie klimaretter.info bringen Vorberichte, diesmal mischen auch die Medien mit, die Klimaschutz sonst höchstens am Rand behandeln. Denn Paris steht für etwas Neues.

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Das "Paris-Abkommen" soll auch den Waldschutz regeln. (Foto: Nick Reimer)

Beschlossen werden soll ein neuer Weltklimavertrag, der erstmals nicht nur die Industriestaaten zum Kampf gegen die Erderwärmung verpflichtet, sondern alle Länder der Erde. Doch auch für den Waldschutz bedeutet Paris einen großen Schritt.

Zehn Jahre lang verhandelten die Klimadiplomaten über das Waldschutzinstrument der UN. Bei der Bonner Frühjahrskonferenz in Juni gelang der Durchbruch. REDD – die Abkürzung für "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation" (Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und Degradierung von Wäldern) – wird nun Teil des Pariser Klimaabkommens und kann dann in großem Stil umgesetzt werden.

Das ist auch dringend notwendig. Jahr für Jahr werden rund 13 Millionen Hektar Wald vernichtet. Der Kohlenstoff, der im Holz und in den Böden der Wälder gespeichert ist, gelangt als CO2 wieder in die Atmosphäre und trägt somit zum Klimawandel bei. Ohne Waldschutz, darin sind sich alle Experten einig, wird sich die Erderwärmung kaum auf zwei Grad Celsius begrenzen lassen – auf das Limit also, das die Klimawissenschaft als gerade noch beherrschbar ansieht.

Besondere Sorgen macht den Forschern der Zustand der globalen Regenwälder. Sie speichern um die Hälfte mehr Kohlenstoff als Bäume außerhalb der Tropen. Nicht umsonst nennt man sie die "grüne Lunge" des Planeten. Doch die Tropenwälder stehen "auf der Kippe", stellte der Club of Rome in seinem jüngsten Bericht fest. Schon die Hälfte ihrer Fläche ist weltweit "dem Hunger nach Land, Holz, Fleisch und anderen Agrarprodukten zum Opfer gefallen", notierte der Autor des Reports, der Schweizer Biologe Claude Martin.

Verantwortlich für zehn Prozent des Klimawandels

Der Amazonas-Regenwald etwa ist durch Abholzung bereits so weit geschädigt, dass sich die Auswirkungen klimatisch bemerkbar machen, ergab im vergangenen Jahr eine Metastudie des brasilianischen Centro de Ciência do Sistema Terrestre (CCST). Regenfälle bleiben aus, Trockenperioden werden länger, Wetterextreme wie die jahrelange Rekorddürre in Brasilien treten vermehrt auf, konstatierte der Autor der Studie Antonio Nobre.

Wird der Kahlschlag nicht eingedämmt, droht der Regenwald zu kippen, warnte Nobre. Die Tropenwälder würden ihre Fähigkeit verlieren, das globale Klima zu stabilisieren. Im schlimmsten Fall würden sie mehr Kohlenstoff abgeben als speichern. Der natürliche Kühleffekt, für den die Wälder derzeit noch sorgen, wäre dann perdu.

Wie stark die Entwaldung zum Treibhauseffekt beiträgt, lässt sich nur schätzen. Der Weltklimarat IPCC geht in seinem jüngsten Sachstandsbericht von 25 Prozent aus. Zwei Drittel davon würden aber durch Wiederaufforstung ausgeglichen, so der IPCC. Unterm Strich würde das einen Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen von rund zehn Prozent ergeben.

Allerdings sind in dieser Schätzung weder die Emissionen enthalten, die durch Waldbrände entstehen, noch die durch die Trockenlegung von Torfböden. Genau die nehmen aber rapide zu. Indonesiens CO2-Ausstoß beispielsweise ist in diesem Jahr auf Rekordhöhen angestiegen, seitdem dort ab August monatelang die Wälder brannten. Mit illegal gelegten Bränden sollte Platz geschaffen werden für neue Palmöl-Plantagen. Die bisherige Bilanz: 1,7 Milliarden zusätzliche Tonnen an CO2 – in etwa so viel, wie die weltweite Entwaldung jährlich verursacht.

IPCC ist vergleichsweise optimistisch

Jüngere Studien haben zudem nachgewiesen, dass das Abholzen der Regenwälder klimaschädlicher ist als in den Berechnungen des IPCC bislang angenommen. Eine Untersuchung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig ergab einen um 20 Prozent erhöhten Klimaeffekt. Der Grund: Bäume, die auf den Randflächen von Wäldern stehen, können deutlich weniger CO2 speichern. Als Randflächen gelten Streifen, die sich 100 Meter vom Rand ins Waldinnere ziehen. Werden Wälder also durch Abholzung in verschieden große Waldflächen zerstückelt ("Degradation"), vermindert dies ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern.

Genau hier soll REDD ansetzen. Nicht nur Kahlschlag und Brandrodung sollen ein Geschäft sein. Auch das Erhalten und Wiederaufforsten von Wäldern soll sich lohnen. Wer vom Wald leben kann, lautet die Prämisse, der wird ihn schützen. Immerhin gilt Waldschutz als der einfachste, billigste und schnellste Weg, um die Atmosphäre zu entlasten und etwas für den Klimaschutz zu tun – wenn es dafür einen Anreiz gibt.

Funktionieren soll REDD als ein Mechanismus, durch den Entwicklungsländer Ausgleichszahlungen erhalten können, wenn sie Verlust und Schädigung ihrer Wälder nachweislich reduzieren. Die Kosten sollen größtenteils die Industriestaaten übernehmen.

60 Länder sind beteiligt

Dass es REDD überhaupt gibt, ist den Waldstaaten Costa Rica und Papua-Neuguinea zu verdanken. Auf der Klimakonferenz 2005 in Montreal sorgten sie dafür, dass Waldschutz endlich auf die Agenda der Klimadiplomaten kommt. Seitdem wird auf Klimakonferenzen immer auch über REDD verhandelt. Es geht um komplizierte Fragen: Woher soll das Geld kommen, wie soll es verteilt werden und wie genau soll eigentlich gemessen werden, wie viel CO2-Einsparung welche Maßnahme bringt? Vorwärts kam man bislang nur in kleinen Schritten.

2007 einigte man sich in Indonesien im Rahmen des sogenannten "Fahrplans von Bali" (Bali Road Map) auf eine Erweiterung. Aus REDD wurde REDD+. Auch Aufforstung und Wiederaufforstung sollen nun honoriert werden können. Zum "Plus" gehören zudem die Verbesserung der Lebenssituation in den betroffenen Gebieten sowie die Berücksichtigung nicht geschützter Waldgebiete.

Im September 2008 nahm das UN-REDD-Programm seine Arbeit auf. Sitz ist Genf. Auf der Klimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancún wurden zudem sogenannte Safeguards beschlossen. Diese Garantien sollen negative ökologische oder soziale Auswirkungen von REDD+-Aktivitäten verhindern und die Rechte indigener Völker schützen, die mit und von den Wäldern leben.

Und man einigte sich auf einen Drei-Phasen-Ansatz für die Umsetzung von REDD. In der ersten Phase sollen Waldländer "Nationale REDD+-Strategien" entwickeln und für den Aufbau der notwendigen Kapazitäten – in der Klimadiplomatensprache "REDD readiness" genannt – sorgen. In Phase zwei sollen die Waldstaaten Demonstrationsprojekte durchführen, finanziert von Geberländern. Derzeit sind rund 60 Länder beteiligt.

REDD reicht nicht

Phase drei – die vollständige Umsetzung – kann beginnen, wenn REDD ausverhandelt und beschlossen ist. Genau das kann nun in Paris geschehen.

Auf der Frühjahrskonferenz der Klimadiplomaten im Juni in Bonn wurden die letzten noch strittigen Fragen geklärt. Erstens die nach der Finanzierung: Soll man möglichst viel "Markt" in REDD hineinbringen oder wird das Geld über einen Fonds aufgebracht? Geeinigt hat man sich darauf, dass beides möglich sein soll.

Zweitens drängten die afrikanischen Länder auf eine Ausweitung des REDD-Ansatzes: Durch den Waldschutz sollen nicht nur Emissionen gesenkt, sondern zwingend auch andere Vorteile erreicht werden, etwa der Schutz von Wasserscheiden. Die Bonner Einigung sieht vor, dass positive "Nebenwirkungen" zwar wünschenswert, aber nicht zwingend sind.

Drittens und am stärksten umstritten waren die "Safeguards": Wie genau sollen sie aussehen, wie zwingend sollen sie sein? Geberländer und Vertreter von Indigenen hätten gern mehr Verbindlichkeit gehabt. Geeinigt hat man sich aber lediglich auf ein Berichtswesen. Die Waldländer müssen regelmäßig erklären, was sie zum Schutz der Waldbewohner tun.

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Borneo: Hier musste der Wald dem Palmöl weichen. (Foto: Nick Reimer)

Gerettet ist der Wald mit alldem noch nicht. Das zuständige UN-REDD-Programm hat im Vorfeld von Paris seine bisherigen Erfahrungen mit der Erprobungsphase zusammengefasst und Lehren für die Zukunft formuliert. Eine davon lautet: REDD ist eine gute Sache, aber nicht ausreichend. Waldschutz muss, wenn er spürbaren Erfolg haben soll, Teil einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie sein.

Oder anders gesagt: Indonesiens Wälder werden durch REDD nicht einfach aufhören zu brennen.

Lesetipp: Der indigene Plan für den Waldschutz ist effektiver: REDD missachtet die Rechte indigener Völker – das Programm RIA zeigt, wie Wald-Klimaschutz fair und kosteneffizient geht
 

Bild Countdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde
Teil 4: Wie es mit der Klimabewegung weitergeht
Teil 5: So funktioniert eine Klimakonferenz
Teil 6: Neue Dirigenten auf dem Klimaparkett
Teil 7: Die Wälder werden trotzdem brennen

[Erklärung]  
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