Instabiles Eis und Atmosphären-Rekorde

BildWas gibt es Neues aus der Klimaforschung? Welche Folgen des Klimawandels sind schon jetzt sichtbar? Ein Überblick über die Forschung seit dem Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC. Teil 3 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Von Friederike Meier

Das bislang letzte Mal, dass die Menschheit Hoffnung hatte, einen neuen Welt-Klimavertrag abzuschließen, war 2009 in Kopenhagen. Zu der Zeit sah es so aus, als würde das Klima eine "Erwärmungspause" einlegen. Der Gipfel scheiterte allerdings nicht wegen eines Streits über die "Erwärmungspause", für die es bis heute keinen Beweis gibt. In diesem Jahr besteht nun wieder die Hoffnung auf ein bindendes Abkommen. Diesmal ist auch nichts mit "Pause" bei der Erderwärmung im Gespräch: 2014 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, 2015 ist auf gutem Weg, diesen Rekord nochmals zu brechen.

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2015 könnte erneut das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen werden. (Foto: Matthias Rietschel)

Die Atmosphäre hat sich um insgesamt ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. Zu diesem Ergebnis kam gerade erst das Met Office, der britische meteorologische Dienst. Das bedeutet: Der Spielraum bis zum Zwei-Grad-Limit wird kleiner. Die Folgen des Klimawandels sind auch schon überall auf der Welt zu spüren. Hier soll ein kurzer Überblick über den aktuellen Stand der Forschung seit dem Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC gegeben werden.

Die Antarktis: Instabiler als gedacht

"Vor ein paar Jahren dachten wir noch, der Westantarktische Eisschild sei stabil", sagt Michael Mann, einer der weltweit bekanntesten Klimaforscher, im klimaretter.info-Interview. Heute weiß man: Der Eisschild der westlichen Antarktis könnte zusammenbrechen, wenn das Eis im Amundsen-Becken weitere 60 Jahre schmilzt wie bisher. Das ergab eine Anfang November veröffentlichte Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). In diesem Fall kann sich der Meeresspiegel um etwa drei Meter erhöhen, schätzt der Leitautor Johannes Feldmann.

Doch auch das Schelfeis, das sich an den Küsten der Antarktis langsam aufs Meer schiebt, ist in Gefahr: Es wird einer Studie zufolge bis Ende des Jahrhunderts kollabieren, wenn kein Klimaschutz betrieben wird.

"Die Arktis erholt sich nicht"

Auch auf der anderen Seite des Globus macht sich der Klimawandel bereits bemerkbar: Die Meereis-Bedeckung in der Arktis ging in diesem Sommer auf ihren viertniedrigsten Stand seit Messbeginn zurück. Mitte September betrug sie nur noch 4,41 Millionen Quadratkilometer. Deutlich mehr Eis schmolz nur 2012, damals schrumpfte die Ausdehnung der Eisbedeckung rund um den Nordpol auf 3,67 Millionen Quadratkilometer.

Wissenschaftler widersprechen nun den Prognosen, nach denen sich das Arktiseis erholen könnte: "Das Eis erholt sich nicht", sagt Lars Kaleschke, Professor und Arktisexperte am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. Dadurch bestätige sich der generelle Abwärtstrend: In den 1970er und 1980er Jahren hatten die sommerlichen Minimumwerte noch bei sieben Millionen Quadratkilometern gelegen.

Auf der Insel Grönland schmelzen währenddessen die Gletscher: Der besonders warme Sommer 2015 sorgte nach Angaben des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation dafür, dass 100 bis 350 Milliarden Tonnen Eis verloren gingen. Durch die hohen Temperaturen bildeten sich Schmelzwasserseen und Flüsse, die an einigen Stellen die Eisdecke in gewaltigen Wasserfällen durchbrechen. Die Gletscher werden laut den Meteorologen zusätzlich durch das Wasser destabilisiert, das talwärts in den Ozean abfließt.

Atmosphärische Rekorde

Eine weitere Hiobsbotschaft kam diesen Monat vom Met Office: Das Jahr 2015 war bislang ein volles Grad wärmer als die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – also jene Zeit, die als "vorindustrielle Referenzperiode" in der Klimawissenschaft als Basis genommen wird. 2015 ist damit auf dem Weg, das wärmste Jahr zu werden, das seit Beginn der Wetteraufzeichnungen registriert wurde. Die Meteorologen machen einerseits El Niño für die neue Rekordmarke verantwortlich, andererseits die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre.

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Schmelzwasser am Schelfeis in der Antarktis. (Foto: Rainer Knust/Alfred-Wegener-Institut)

Dazu gesellt sich ein zweiter Rekord: Nach Daten der Welt-Meteorologie-Organisation stieg die CO2-Konzentration in der Atmosphäre in diesem Frühjahr erstmals auch im globalen Durchschnitt über 400 ppm. Um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, darf die Konzentration höchstens auf 450 ppm steigen.

Ist das Zwei-Grad-Ziel noch zu schaffen?

US-Klimawissenschaftler Michael Mann ist trotz all dieser Nachrichten "vorsichtig optimistisch", was die Klimakonferenz in Paris angeht: Es sei noch möglich, unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben: "Alle, die das Gegenteil behaupten, können sich dabei nicht auf physikalische Gründe berufen. Sie behaupten einfach, dass die Menschheit nicht den politischen und gesellschaftlichen Willen aufbringen wird, den Wandel weg von fossilen Energieträgern schnell genug zu schaffen." Jetzt zu sagen, zwei Grad seien nicht mehr erreichbar, sei gefährlich – weil es als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken würde", sagt Mann. Das liefere unwilligen Politikern nur eine willkommene Entschuldigung.
  

Bild Countdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr
Teil 3: Instabiles Eis und atmosphärische Rekorde

[Erklärung]  
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