Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr

BildWarum eigentlich das "Zwei-Grad-Ziel"? Was passiert mit der Welt, wenn wir die ersten Kipppunkte erreichen? Teil 2 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Von Nick Reimer

Die drei Meldungen kamen genau zum richtigen Zeitpunkt. Weniger als einen Monat vor Beginn des Weltklimagipfels in Paris erklärte der meteorologische Dienst Großbritanniens: Bis zum Ende des Jahres werde sich die Erde um ein Grad erwärmt haben – im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung. Zudem steuert die Welt auf das wärmste je gemessene Jahr zu. Und schließlich verkündete die Weltorganisation für Meteorologie WMO vergangene Woche, dass 2016 das erste Jahr sein werde, in dem die CO2-Konzentration in der Atmosphäre den Wert von 400 ppm (parts per million) im gesamten Jahresdurchschnitt überschreiten werde.

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Irgendwann ist der Kipppunkt erreicht und ein ganzer Regenwald stirbt. (Foto: David Ausserhofer)

Zum ersten Mal hatten Wissenschaftler des Observatoriums Mauna Loa auf Hawaii am 9. Mai 2013 eine Konzentration von 400 ppm gemessen. Mitte des 19. Jahrhunderts – das haben Eisbohrkern-Untersuchungen ergeben – lag die Treibhausgas-Konzentration noch bei 280 ppm. Als die Wissenschaftler 1958 auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa mit ihrer Messreihe begannen, war der Wert bereits auf 315 ppm gestiegen.

Kippelemente verselbstständigen die Erderwärmung

1992 kletterte die Konzentration auf 358 ppm. Es war das Jahr, in dem die UN-Klimarahmenkonvention beschlossen wurde. Mit ihr verpflichteten sich die mittlerweile 194 Vertragsstaaten, "die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, das eine gefährliche menschliche Beeinflussung des Klimasystems vermeidet". Damit wurde die Erderwärmung offiziell zur vordringlichsten Bedrohung der Menschheit erklärt.

Ab wann aber ist eine menschliche Beeinflussung gefährlich? Und: Warum? Damit kommen wir zum sogenannten Zwei-Grad-Limit, oft auch als Zwei-Grad-Ziel bezeichnet: Bei der globalen Durchschnittstemperatur verhält es sich wie bei der Körpertemperatur des Menschen: Zwei Grad markieren den Unterschied zwischen Alltag und Lebensgefahr. Verglichen mit dem Jahr 1850, ist die globale Oberflächentemperatur bereits um etwa ein Grad angestiegen. Steigt sie um mehr als durchschnittlich zwei Grad, werden sogenannte Kippelemente – im Englischen tipping points – ausgelöst, welche die Erderwärmung beschleunigen oder sogar verselbstständigen.

Die Permafrostböden sind so ein Kippelement. Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens, Nordkanadas und Alaskas ist milliardenfach Kohlenstoff eingesperrt. Taut der Boden auf, wird dieser Kohlenstoff zu einer Treibhausgasfracht aus Methan und Kohlendioxid, die vom Menschen nicht aufzuhalten ist. Über einen Zeitraum von 100 Jahren besitzt Methan ein etwa 30-fach höheres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid. Das bedeutet, dass Methan 30-mal stärker zur Erderwärmung beiträgt.

Einmal in die Luft entwichen, reichern sich die Wärmeblocker in der Atmosphäre an und treiben die Oberflächentemperatur des Planeten immer weiter nach oben. Würde der Mensch erst dann mit dem Klimaschutz beginnen, wäre es nutzlos. Der Prozess ist dann unumkehrbar und viel stärker als der menschliche Einfluss auf die Atmosphäre.

Wenn der Ozean Energie "schluckt"

Am Nordpol verläuft die Erderwärmung deutlich intensiver als am Äquator, eine um zwei Grad gestiegene Globaltemperatur bedeutet dort fünf bis sechs Grad mehr. Deshalb ist dort ein zweiter "Kipppunkt" zu befürchten. Durch die Erwärmung schmelzen die "schwimmenden Spiegel", das auf dem Nordpol schwimmende Eis. Die unbedeckte Wasseroberfläche reflektiert aber die Sonnenenergie kaum noch, das dunkle Meerwasser "schluckt" die Energie, speichert sie und beschleunigt so seine Erwärmung.

Jenseits von zwei Grad dürfte auch der Amazonas-Regenwald, einer der größten Kohlendioxidspeicher der Welt, schwer geschädigt werden. Das im Holz gebundene Treibhausgas wird dann frei und reichert die Konzentration in der Atmosphäre an. Bereits heute tauen außerdem große Stücke des Grönländischen Eisschildes. Geht der gesamte drei Kilometer dicke Eispanzer verloren, steigt der Meeresspiegel um bis zu sieben Meter.

Die Meere nehmen derzeit knapp ein Viertel der vom Menschen verursachten Treibhausgase auf und erwärmen und versauern dabei langsam. Das Tauen in der Arktis könnte den wichtigsten Wettermotor der Welt ins Stottern bringen, die atlantischen Meeresströmungen, die durch die Wassertemperatur und die Salzkonzentration gesteuert werden. Der indische Sommermonsun gerät jenseits von zwei Grad genauso in Gefahr wie sein westafrikanisches Pendant. Und weil das Klimasystem der Erde geprägt ist durch viele sich gegenseitig beeinflussende Prozesse, beginnt jenseits von zwei Grad das Chaos.

Verantwortungsloser Umgang mit dem Risiko

"Natürlich kommt es nicht bei 2,01 Grad zum Weltuntergang, schon gar nicht schlagartig", sagte der Physiker Hans Joachim Schellnhuber, als er die Bundesregierung als Vorsitzender des "Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" beriet. Es sei wichtig gewesen, "überhaupt eine quantitative Orientierung ins Spiel zu bringen, an der sich die Klimarahmenkonvention 1992 noch elegant vorbeigemogelt hat". Die Politik hätte gern klare Vorgaben, und eine einfache Zahl sei besser zu handhaben als ein komplexer Temperaturkorridor, sagte Schellnhuber.

Unverantwortlich nennt Andreas Fischlin dieses Zwei-Grad-Ziel. Der Schweizer Professor hatte Anfang der 1990er-Jahre und ab 2002 als Leitautor beim Weltklimarat IPCC am Vierten Sachstandsbericht mitgearbeitet und sich später als Mitglied der Schweizer Regierungsdelegation selbst mit in die Verhandlungen eingeschaltet. "Wir verstehen das Klimasystem keineswegs bis in jede Einzelheit, es verbleiben Unsicherheiten, zum Beispiel bei den Rückkopplungen in der Vegetation."

Deshalb sei die Wissenschaft eben nur zu rund 67 Prozent sicher, dass das atmosphärische Wettersystem eine Erwärmung um zwei Grad verträgt. Andersherum bedeute das, es bleibe mit der Zwei-Grad-Politik ein Risiko von 33 Prozent. Fischlin vergleicht das mit einem Bungeespringer: Würde der sich in die Tiefe stürzen, wenn die Gefahr, das Leben dabei zu verlieren, bei 33 Prozent liegt?

"Wer tauchen geht oder wer raucht – überall gibt es ein Risiko", sagt Fischlin. Vermutlich habe der Betroffene das Risiko reichlich kalkuliert, bevor er es eingeht. "Das Problem beim Klimawandel ist aber, dass wir als Gesellschaft anderen aufzwingen, welche Risiken sie eingehen sollen. Wenn man zehn Bungeespringer hat, die sagen, die ganze Gesellschaft soll hinterherspringen, dann glaube ich nicht, dass alle anderen sagen: 'Das ist kein Problem.' Aber genau das machen wir in der Klimadebatte."

Afrika und die Inselstaaten wollen ein 1,5-Grad-Ziel

Afrika, die kleinen Inselstaaten und weitere besonders bedrohte Länder fordern stattdessen eine 1,5-Grad-Politik. "Zwei Grad Erderwärmung bedeuten, dass wir unter Wasser stehen", sagt Anote Tong, Präsident des Inselstaates Kiribati. "Der höchste Punkt unserer Insel Tarawa erreicht beispielsweise kaum drei Meter. In Kombination mit dem Meeresspiegelanstieg könnte eine einzige Flutwelle den Lebensraum vernichten." Auf einige Debatten in den reichen Ländern reagiert Tong mit Unverständnis. "Manchmal geht es mehr um die Eisbären, und die Menschen werden vergessen."

Projektionen der Wissenschaft legen allerdings nahe, dass für ein 1,5-Grad-Ziel bereits heute zu viele Treibhausgase produziert worden sind. Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur, hält es sogar für "praktisch ausgeschlossen", den für das Zwei-Grad-Ziel notwendigen Emissionspfad zu erreichen. Einige Experten in Deutschland sehen das ähnlich und warnen vor Selbstbetrug.

Die Staaten beschlossen 2010 auf der Klimakonferenz im mexikanischen Cancún, dass 2015 überprüft werden soll, ob das Zwei-Grad-Ziel angemessen ist oder um ein halbes Grad abgesenkt werden soll. Diese Prüfung steht noch aus. Ganz andere Debatten führten wiederum am Wochenende die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer auf dem G20-Gipfel in Antalya. Nur mit Hängen und Würgen konnten sie sich nach einer langen Verhandlungsnacht überhaupt zum Zwei-Grad-Ziel durchringen.

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Die Folgen der arktischen Eisschmelze: Immer mehr "Löcher" nehmen immer mehr Energie auf – und heizen den Ozean weiter an. (Foto: NOAA)

Die Wissenschaft betrachtet eine Konzentration von 450 ppm als Obergrenze, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Im Mai 2013 ist die Schwelle von 400 ppm zum ersten Mal für einen Tag überschritten worden. "So hoch wie heute ist die Treibhausgas-Belastung der Atmosphäre zuletzt vor zwei Millionen Jahren gewesen", erklärte Pieter Tans von der US-Ozeanografiebehörde NOAA. "Damals war der Meeresspiegel zwischen zehn und 20 Metern höher als heute."

Trotzdem kommen derzeit jährlich zwei ppm hinzu.

 

BildCountdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt
Teil 2: Zwischen Normalzustand und Lebensgefahr

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