COP 21: Die Folgen der Sternstunde

Warum eigentlich gibt es Klimakonferenzen? BildWarum trifft sich die Welt Ende November ausgerechnet in Paris – nach den Anschlägen? Und warum soll ausgerechnet dieser Gipfel einen Durchbruch bringen? Teil 1 unseres Countdowns zur Klimakonferenz COP 21.

Von Nick Reimer

Ihre jüngste Sternstunde erlebte die Menschheit 1992. In Rio de Janeiro trafen sich gut 17.000 Experten und Politiker, Vordenker und Staatschefs, um den Zustand der Erde zu analysieren. 8.500 Journalisten schauten ihnen über die Schulter. Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen wurden Nichtregierungsorganisationen an den Verhandlungen offiziell beteiligt. Und obwohl viele Beobachter damals die Ergebnisse als viel zu unkonkret kritisierten, markierte der Erdgipfel in Rio de Janeiro eine historische Zäsur im Selbstverständnis der Spezies. In dieser Sternstunde änderte der Mensch seine Wahrnehmung gegenüber der Umwelt. Hatte er bis dahin seine Entfaltung, seinen Aufstieg der Natur abtrotzen müssen, so konstatierte er nun, dass er selbst zur limitierenden Kraft gegenüber der Umwelt geworden war.

Bild
Der Natur das menschliche Leben abtrotzen: Eine der ältesten Darstellungen von Jägern aus der Steinzeit im Matobo National Park in Simbabwe. (Foto: Reimer)

Zum ersten Mal machten die Staatenführer in Rio 1992 aktenkundig, dass der Mensch Akteur in der globalen Umwelt geworden war. Aus dem menschlichen Kampf ums Überleben in der Natur war ein Krieg des Menschen gegen die Natur geworden. "Die Staaten werden ... die Gesundheit und die Unversehrtheit des Ökosystems der Erde ... schützen und wiederherstellen", heißt es in der Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung.

François Mitterrand, Helmut Kohl, George Bush, Fidel Castro und Co beschlossen auf dem Erdgipfel weitreichende Verträge. Weil menschliche Entwicklung ohne die Lebensvielfalt anderer Arten unmöglich ist, unterschrieben sie die Convention on Biological Diversity, die Biodiversitätskonvention, mit der das weltweite Artensterben gestoppt werden soll. Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Nahrung. Um wenigstens die bestehende Ackerfläche zu erhalten, wurde eine Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung beschlossen. Der Weltgipfel verabschiedete eine Deklaration zum Schutz der Wälder sowie die Agenda 21, ein 360 Seiten starkes Nachhaltigkeits-Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert.

Industriestaaten übernehmen die "Schuld"

Die wichtigste Unterschrift in dieser Sternstunde setzten die Staatslenker unter die Klimarahmenkonvention, die United Nations Framework Convention on Climate Change, abgekürzt UNFCCC. Damit wurde die Erderwärmung offiziell zur akutesten Bedrohung der Menschheit erklärt. Die Vertragsstaaten verpflichteten sich in der Konvention, "die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, das gefährliche menschliche Beeinflussung des Klimasystems vermeidet".

Zur Schuld an dem Problem bekennen sich im Vertragstext die Industriestaaten, schließlich stammten damals 80 Prozent des menschengemachten Kohlendioxids aus ihren Schloten und Auspuffrohren. Deshalb verpflichten sie sich auch zur Buße: Armen Ländern soll Geld für den Kampf gegen die Erderwärmung überwiesen werden, zu Hause sollen die Industriestaaten eine nationale Klimaschutzpolitik entwickeln.

Im Artikel 7 wird eine "Konferenz der Vertragsstaaten" festgeschrieben – die Geburt der Klimakonferenzen. Seitdem wird mindestens zweimal im Jahr gegipfelt. Eine Frühlingssitzung bestimmt die Verhandlungsagenda bis zum Monat Dezember, in dem dann in der Regel die COP einberufen wird, die Conference of the Parties. Alle 196 Vertragsparteien der Klimarahmenkonvention schicken zu dieser Konferenz ihre zuständigen Minister, um Beschlüsse zu fassen.

Bild
Ziel des Kyoto-Protokolls war es, den Treibhausgas-Ausstoß der Industriestaaten bis 2012 um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Im südafrikanischen Durban wurde zwar eine zweite Verpflichtungsperiode beschlossen. Die reicht aber nicht, um die Atmosphäre zu entlasten. (Foto: Verena Kern)

Getreu der UN-Arithmetik "wandert" die Konferenz der Vertragsstaaten über den Planeten: Nach einem Industrieland aus Westeuropa oder Nordamerika richtet ein Staat aus Mittel- oder Südamerika den Klimagipfel aus, dann geht es nach Afrika, gefolgt von Asien, bevor ein osteuropäischer oder Nachfolgestaat der Sowjetunion Gipfelgastgeber wird. Im Westen beginnt der Zyklus dann von Neuem. Seit drei Jahren ist klar, dass Paris Austragungsort der COP 21 sein wird: Hier fanden viele Zwischenkonferenzen oder Treffen auf Ministerebene statt. Die gesamte Gipfelarchitektur ist auf "Paris" ausgerichtet – weshalb jetzt niemand ernsthaft auf die Idee kam, nach den Anschlägen in der französischen Hauptstadt die 21. Weltklimakonferenz zu verlegen. 

Zur ersten Klimakonferenz vor 20 Jahren hatten die Staaten 869 Diplomaten entsandt, im Jahr 2000 waren es schon 2.215. Neun Jahre später, zur wohl bekanntesten Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen, reisten 10.236 Delegierte an. Die Komplexität der Verhandlungen, ihr Umfang stiegen immer weiter an.

Die erste Klimakonferenz COP 1 endete im April 1995 in Berlin mit dem "Berliner Mandat", einem Verhandlungsauftrag für einen Weltklimavertrag. Auf der Vertragsstaatenkonferenz COP 3 war es 1997 im japanischen Kyoto dann so weit: Die Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention beschlossen das Kyoto-Protokoll. Allerdings musste dieser internationale Vertrag noch ratifiziert, also in nationales Recht umgesetzt werden – und zwar von mindestens 55 Prozent aller Vertragsstaaten, die mindestens 55 Prozent aller Treibhausgase zu verantworten haben. So dauerte es bis zur COP 11 im Jahr 2005 in Montreal, bis das Kyoto-Protokoll in Kraft treten konnte.

Die Angst vor den Kipp-Systemen

Bei der COP 13 auf der indonesischen Ferieninsel Bali 2007 beschlossen die Klimadiplomaten ein neues Verhandlungsmandat. Die Ad Hoc Working Group on Long-term Cooperative Action sollte das internationale Klimaregime nach Ende der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls – ab dem Jahr 2013 – regeln. Geplant war, dass COP 15 in Kopenhagen diesen Anschlussvertrag beschließt. Doch der völlig unzulängliche Copenhagen Accord scheiterte im Dezember 2009 unter anderem an den Delegierten einiger Inselstaaten und Entwicklungsländer. Sie verweigerten ihre Zustimmung, und weil auf den Klimakonferenzen das Konsens-Prinzip herrscht, wurde der "Accord" nur "zur Kenntnis genommen", was praktisch ohne Bedeutung blieb.

Immerhin beschlossen die Klimadiplomaten ein Jahr später auf der COP 16 im mexikanischen Cancún, das Zwei-Grad-Ziel zum Leitbild der internationalen Klimapolitik zu machen: Jenseits dieser Schwelle sind unbeherrschbare Verwerfungen im Wettersystem unausweichlich, hatte die Wissenschaft ermittelt und erklärt, dass sich dann die Erderwärmung wegen sogenannter Kipp-Punkte verselbständigt. Ein solcher "tipping point" sind etwa die Permafrostböden: Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens und Nordamerikas sind Millionen von Milliarden Kubikmeter Methan "eingesperrt", ein rund 30-mal so starkes Treibhausgas wie Kohlendioxid. Ab zwei Grad Erderwärmung taut dieser Boden auf. Klimaschutz wäre dann fast egal: Die globale Erwärmung würde sich unaufhaltsam steigern.

Schwelle von 400 ppm erstmals überschritten

Auf Drängen der Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS und vieler afrikanischer Staaten war auf der Klimakonferenz in Cancún 2010 ein Passus in den Beschluss eingefügt worden, dass bei der Klimakonferenz 2015 überprüft werden soll, ob es notwendig ist, die Erwärmung auf 1,5 Grad statt auf zwei Grad zu begrenzen. Denn die Klimawissenschaft ist sich nur zu 70 Prozent sicher, dass bei einem Zwei-Grad-Limit gefährliche Veränderungen im Weltklima ausgeschlossen werden können. Wirkliche Sicherheit gebe es nur bei einem 1,5-Grad-Ziel.

Allerdings hatten zuletzt Untersuchungen aus Großbritannien nahegelegt, dass das 1,5-Grad-Ziel im trägen Klimasystem kaum noch zu schaffen ist: Die Welt ist bereits ein volles Grad wärmer als in ihrer vorindustriellen Zeit. Dazu passt ein Bericht der Welt-Meteorologie-Organisation WMO, der Anfang November vor einer weiter steigenden Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre warnte. Nach WMO-Daten ist die CO2-Konzentration in diesem Frühjahr erstmals auch im globalen Durchschnitt über 400 ppm gestiegen. Der Treibhauseffekt hat der Organisation zufolge im Zeitraum von 1990 bis 2014 um 36 Prozent zugenommen.

Bild
Klimakonferenz
COP 17 in Durban : Hier wurde ein neues Verhandlungsmandat verabschiedet – das nun in Paris eingelöst werden muss. (Foto: IISD/ENB)

Schließlich verabschiedeten die Vertragsstaaten 2011 auf COP 17 im südafrikanischen Durban ein neues Verhandlungsmandat: Mit der Ad Hoc Working Group on the Durban Platform for Enhanced Actionkurz ADP – soll nun in Paris ein neuer Weltklimavertrag beschlossen werden. Die Schwierigkeit war dabei, dass das Verhandlungsmandat aus dem Jahr 2007 noch gültig war und erst noch abgearbeitet werden musste. Was auf der COP 18 im Wüstenstaat Katar geschah: Die Delegierten beschlossen 2012 eine zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls bis 2020. Damit war der Weg für Verhandlungen zum neuen Klimaregime frei: Erstmals sollen nun alle Staaten zum Klimaschutz beitragen.

Und der Norden will den Staaten des Südens bei der Anpassung helfen: Ab 2020 sollen jährlich 100 Milliarden Dollar aus den Industriestaaten in die Schwellen- und Entwicklungsländer transferiert werden. In Paris muss geklärt werden, wie diese Summe von den Staaten des Nordens aufgebracht wird.

 

BildCountdown zur Klimakonferenz COP 21:

Teil 1: Warum es Klimakonferenzen gibt

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen