Die Rettung der Welt. Und ihre Neuaufteilung

logo_countdown8a.pngNoch sieben Tage bis zum Beginn des Klimagipfels: In einer Serie erklärt wir-klimaretter.de die Knackpunkte des Gipfels. Heute: Worum geht es eigentlich in Kopenhagen? Während die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel immer beunruhigender werden, versuchen die Industrieländer ihre Macht global zu zementieren. Deshalb ist eine Einigung so schwierig

VON NICK REIMER

Zwanzig Stunden nach dem eigentlich geplanten Ende der Klimakonferenz auf Bali tagten die Weltklimadiplomaten immer noch. Saudi-Arabien erklärte an diesem 15. Dezember 2007, dem mühsam formulierten Kompromiss nicht zuzustimmen. Woraufhin US-Delegationsleiterin Paula Dobriansky das Wort ergriff und ebenfalls ankündigte, die letzten, von den G77-Staaten vorgeschlagenen Änderungen nicht mitzutragen. Das ganze Plenum buhte.

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Auf Bali kam es auf der Klimakonferenz zu Tumulten

Da ergriff Südafrika das Wort: Das unkooperative Verhalten der USA sei "absolut unerwünscht in diesem Raum". Minutenlanger Beifall. Bangladesh, Costa Rica, Pakistan und Niger folgen mit ähnlichen Statements. Der Delegationsleiter aus Papua Neuguinea hielt den USA schließlich vor: "Wenn Sie nicht die Führerschaft übernehmen: Gehen Sie uns aus dem Weg!" Eine halbe Stunde später erbat die Gesandte des damaligen Präsidenten George W. Bush erneut das Wort. "Wir sind nach Bali gekommen, um einen Prozess erfolgreich zu starten", sagte Dobriansky nun. "In diesem Interesse ziehen wir unsere Einwände zurück." Der ganze, riesige Saal im Tagungszentrum des Urlauberorts Nusa Dua brach in Jubel aus. Die "Bali Road Map" war damit angenommen.

"Wir haben jetzt die Straßenkarte, also können wir losfahren", kommentierte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel damals das Ergebnis von Bali. Klimaschützer in aller Welt waren erleichtert: Nun gab es einen klaren Beschluss, dass pünktlich zum Auslaufen des Kyoto-Protokolls Ende 2012 ein Folgeabkommen ausgehandelt sein müsse. Und es gab einen Termin: Im Dezember 2009 in Kopenhagen sollte der neue Vertrag beschlossen werden, denn andernfalls würde die Zeit sehr, sehr knapp werden, ihn in allen Unterzeichnerstaaten rechtzeitig ratifizieren zu lassen.

Doch heute, wenige Tage vor Beginn der Kopenhagen-Konferenz ist unsicherer denn je, ob der Beschluss von Bali umgesetzt wird. Von US-Präsident Barack Obama über EU-Ratspräsident Fredrik Reinfeldt bis zu den Staatschefs des Asien-Pazifik-Forums (APEC) - überall heißt es, in der dänischen Hauptstadt werde allenfalls eine neue politische Erklärung unterzeichnet. Nur einige Klimafachleute weisen das als "absurd" zurück: Es wäre schließlich der Bruch einer bindenden Entscheidung, betont ein Mitglied der dänischen Delegation gegenüber Wir-Klimaretter.de. Und das sei schwer vorstellbar.

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Yvo de Boer (Mitte), Chef des UNO-Klimasekretaiates, steht ein schwerer Job bevor. Hier bei einer Pressekonferenz in Poznan

Auf der COP 15 - so wird der Kopenhagen-Gipfel im Diplomatenjargon genannt - geht es jedenfalls um Alles oder Nichts. Natürlich, es geht um die Rettung der Welt: Die Wissenschaft warnt, dass innerhalb weniger Jahre eine Wende beim weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen geschafft werden müsse. Doch ganz nebenbei geht es in Kopenhagen auch um eine neue Weltordnung: Die Länder des Südens wollen mitbestimmen, die traditionellen Industriestaaten müssen Macht abgeben. Vor allem deshalb sind die Verhandlungen um das neue Klimaabkommen so kompliziert.

Selbst besonnene Klima-Experten beschleicht langsam Panik

Immer dramatischer sind vor dem Kopenhagen-Gipfel die Alarmrufe von Klimaforschern geworden. Der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen ist seit 1990 um mehr als 40 Prozent angestiegen - und trotz des Kyoto-Protokolls haben die Zuwachsraten nach dem Jahr 2000 sogar noch zugelegt. Lange Zeit nahm die Biosphäre große Teile des menschengemachten CO2 auf und pufferte so die Erderwärmung - doch damit ist wohl bald vorbei, die Ozeane beispielsweise scheinen kurz vor der Sättigung zu stehen. Passend dazu häufen sich aus aller Welt die Berichte, dass der Klimawandel bereits in vollem Gange ist: Zwar heizte sich - wohl wegen veränderter solarer Aktivitäten - die Erde in den letzten paar Jahren etwas weniger schnell auf; aber der langfristige Erwärmungstrend ist ungebrochen.

Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, unter Kollegen eher als besonnen und zurückhaltend bekannt, sagte in einem ZEIT-Interview, er möchte manchmal schreien". Gemeinsam mit 25 renommierten Kollegen aus aller Welt veröffentlichte Schellnhuber vergangene Woche eine "Kopenhagen-Diagnose": Seit dem letzten Bericht des Weltklimarats IPCC habe sich gezeigt, "dass sich das Klima schneller verändert und empfindlicher ist als wir angenommen haben". Die weltweiten Gletscher schmelzen noch rasanter als ohnehin befürchtet, ebenso das grönländische Festlandeis und der Eisschild der Antarktis.

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Die Protestbewegung ist natürlich auf jeder Konferenz dabei - hier in Bonn.

Auch der Anstieg der Meeresspiegel liege deutlich über den Schätzungen des IPCC. "Schon die Anpassung der Gletscher an das heutige Klima wird den Meeresspiegel voraussichtlich um 18 Zentimeter ansteigen lassen", warnt Georg Kaser, Glaziologe an der Universität Innsbruck. "Bei weiterer Erwärmung könnten sie bis zum Jahr 2100 mehr als einen halben Meter zum Anstieg beitragen." Fazit: Ohne deutliche Emissionsminderungen könne die globale Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts um sieben Grad Celsius ansteigen. Für halbwegs beherrschbar in seinen Folgen wird allgemein ein Anstieg um zwei Grad gehalten.

Die weltweiten Emissionen an Treibhausgasen, so die Forscher-Koryphäen, "müssten zwischen 2015 und 2020 ihre Höchstwerte erreichen und dann schnell abfallen, wenn die weltweite Erwärmung auf ein Maximum von 2 Grad C über vorindustriellen Werten eingeschränkt werden soll". Bis 2050 müssen in den Industriestaaten wie Deutschland ihren Ausstoß sogar um 80 bis 95 Prozent senken. Werden dazu in Kopenhagen keine Vereinbarungen getroffen, dann ist es zu spät. Innerhalb von fünf Jahren, rechnete auch der WWF kürzlich anhand ökonomischer Modelle vor, müsse die Wende geschafft sein. 

Kopenhagen wird zeigen, ob weltweite Machtverschiebungen ohne Gewalt möglich sind

"Kopenhagen ist die wichtigste Konferenz seit dem Zweiten Weltkrieg", sagt Sir Nicolas Stern, Ex-Weltbank-Ökonom und britischer Regierungsberater. Und das ist auch geopolitisch gemeint. Denn aller Klimaschutz ist nur die Folie, auf der die Neuaufteilung der Welt verhandelt wird. Es geht um Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik, um Wachstumsprozente, Handelsvorteile und Energielieferungen, nicht zuletzt um Steuermilliarden und wertvolle Patente.

Kopenhagen wird auch eine Antwort auf die Frage liefern, ob hegemoniale Verschiebungen in der Welt ohne Gewaltanwendung möglich sind. Seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation sorgte die strukturelle Gewalt von Weltbank, WTO, IWF & Co. für den Machterhalt der Industriestaaten. Doch die Klimakrise zwingt den reichen Ländern die Einsicht auf, dass sie nicht weitermachen können wie bisher.

Länder wie China, Brasilien, Indonesien, Mexiko, Indien, Südafrika oder Südkorea fordern von den klassischen Energieverschwendern wie den USA, Australien oder auch Deutschland, sich doch künftig zu bescheiden. Mit guten Argumenten übrigens: Die USA produzierten zwischen 1903 und dem Jahr 2000 mit 258 Milliarden Tonnen Kohlendioxid mehr als dreimal so viel wie China – das aber eine fast viermal so große Bevölkerung hat. Deutschland verursachte im gleichen Zeitraum fast soviel Treibhausgas wie das Reich der Mitte - zur Erinnerung: Hierzulande leben etwa 82 Millionen Menschen, in China dagegen 1,3 Milliarden.

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Nicole Wilke- hier bei der Vorbereitungskonferenz in Bangkok - leitet seit Jahren die deutsche Delegation. (Fotos: Reimer, Messina, UNFCC)

Washington bremst vor allem deshalb beim Klimaschutz, weil dort die Angst vor dem ökonomischen Abstieg grassiert. "Fünfzig Prozent der US-amerikanischen Klimaschutzpolitik betrifft China", urteilt denn auch der Leiter der Abteilung für Internationale Klimapolitik beim renommierten Worldwatch Institut, Alexander Ochs.

Europa und alle anderen Industriestaaten sei "für die USA in der Klimapolitik nicht so wichtig", stimmt ihm Joe Bluestein, Präsident des Beratungsunternehmens Energy and Environmental Analysis, zu. Wichtig sei nur, dass China und Indien an Bord eines neuen Klimaabkommens sind. Zynisch betrachtet habe Europa durch seinen Einstieg in den Klimaschutz bereits ein Druckmittel gegenüber den aufstrebenden Staaten aus der Hand gegeben; die USA dagegen wollen die aufstrebenden Schwellenländer zum Klimaschutz zwingen und so verhindern, dass sie durch niedrige Energiekosten langfristig Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt behalten.

Nicht nur die Republikaner, auch Teile von Obamas Demokraten stehen beim Klimaschutz auf der Bremse - das US-Militär scheint längst weiter. Das an die Marine angedockte Center for Naval Analyses untersucht vor allem Klimafolgen in Entwicklungsländern und deren Auswirkungen auf lokale Konflikte. Man müsse beispielsweise "fragen, was die Wasserknappheit in Kolumbien für Folgen hinsichtlich des Kampfs gegen die Farc-Rebellen hat", so Mitarbeiter David Catarious. Und hinsichtlich der Sicherheit im eigenen Land sei es etwa beunruhigend, so der Militärberater, wenn die USA weiterhin von Ölimporten aus instabilen Ländern wie Nigeria abhängig sind. Teile des Militärs machten deshalb Druck auf US-Politiker, sich für eine grüne Energiewende einzusetzen.

Die Entwicklungsländer fordern vom reichen Norden viel Geld - und Patente

Für die Mehrheit der Weltbevölkerung sind solche Überlegungen allerdings purer Luxus: Staaten wie den Malediven steht das Wasser bereits buchstäblich bis zum Hals. Auch für ganz Afrika geht es in Kopenhagen vor allem um Geld. Die Entwicklungsländer brauchen schon bald 75 bis 100 Milliarden Dollar, um sich an die geänderten Wetterbedingungen anzupassen - und zwar jährlich. Diese erschreckende Zahl stammt von der Weltbank, die einer Panikmache in Sachen Klimawandel garantiert unverdächtig ist.

Zudem verlangt die Zweite und Dritte Welt vom reichen Norden einen umfangreichen Technologie-Transfer. "Jahrzehntelang haben die Industriestaaten Kohle verbrannt. Und jetzt, wo wir so weit sind, unsere Kohle selbst zu nutzen, verlangen sie, dass wir stattdessen ihre Windräder importieren", erklärt ein südafrikanischer Klimadiplomat. Gern werde man Windräder auffstellen, "aber nicht, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern, sondern um Arbeitsplätze in Südafrika zu schaffen". Südafrika und die anderen Schwellen- und Entwicklungsländer verlangen deshalb, Staaten wie Deutschland müsse beispielsweise die Patente auf Windräder freigeben.

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Das letzte Treffen vor Kopenhagen: In Barcelona stellte die Kampagne Tck, Tck, Tck jede Menge Wecker auf. In der Mitte: de Boer

"Wer so etwas fordert, hat nicht begriffen, wie Kapitalismus funktioniert", wetterte der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel auf einem der letzten Klimagipfel barsch. Doch schon auf der letzten Vorbereitungskonferenz für Kopenhagen, Anfang November in Barcelona, demonstrierten die Afrikaner ihr gestiegenes Selbstbewusstsein: Ihre Unterhändler boykottierten kurzerhand die Verhandlungen. Im Gegenzug hat die EU im Vorfeld des Gipfels (auch auf deutsches Geheiß übrigens) jedes konkrete Geldangebot vermieden, um nicht vorzeitig Verhandlungstrümpfe auf den Tisch zu legen. Zwei Jahre lang wäre seit Bali Zeit gewesen, strittige Fragen zu klären. Aber offensichtlich bewegt sich auf klimadiplomatischem Parkett niemand ohne Zeitdruck. 

Im Dezember 2007 in Bali sagte Sigmar Gabriel: "Viele Autos werden auf der Road Map losfahren, damit wir sehen, welches am besten ankommt." In Kopenhagen müssen die Industriestaaten einwilligen, dass der Rest der Welt von den hinteren Plätzen im Fond nach vorn  aufrückt.

(Fotos: Reimer, UNFCCC)

 

logo_countdown8a.pngLesen Sie auch die bereits erschienenen Teile des Kopenhagen Countdown:
Teil 1: Warum Kopenhagen so wichtig ist
Teil 2: Anpassungsfonds

Teil 3: Clean Development Mechanismus
Teil 4: Technologietransfer

 

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