Kohlendioxid-Speicherung wird salonfähig

Es ist noch nicht lange her, dass die Energiewirtschaft eine neue Idee in die Debatte um den Klimaschutz gebracht hat, um ungehindert weiter Kohlekraftwerke betreiben zu können: Aus den Kohlekraftwerken soll das Kohlendioxid (CO2) abgeschieden und komprimiert im geologischen Untergrund langfristig gelagert werden. Weltweit ist diese Technologie sehr umstritten, doch jetzt machte sie Yvo de Boer, Chef des UN-Klimasekretariats, salonfähig: "Wir brauchen die CO2-Speicherung, wenn wir die vom UN-Klimarat definierten Klimaschutzziele erreichen wollen", sagte de Boer gestern auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Poznan.
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Als Zeichen des Protestes liegen/ stehen/ sitzen auf dem Konferenzgelände jede Menge Eisbären rum

Die Äußerung des UN-Klimachefs könnte weitreichende Konsequenzen haben, da die Kohleindustrie seit Jahren fordert, die CO2-Speicherung auch für den Kauf von Verschmutzungsrechten zuzulassen. Bislang werden mit den so genannten Clean Development Mechanism (CDM) vor allem Projekte aus den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien gefördert. 

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace befürchten nun, Poznan könne falsche Signale an die Energiewirtschaft senden: "Mit dem Argument, CO2-Speicherung werde von der UN als Klimaschutz anerkannt, können Energiekonzerne weiter klimaschädliche Kohlekraftwerke bauen. Doch was soll passieren, wenn die Versprechungen der Industrie als falsche Versprechungen erkannt werden? Daran will offensichtlich niemand denken", warnt Gabriela von Goerne, Energie-Expertin von Greenpeace.

Bei der EU in Brüssel arbeitet man ebenfalls mit Hochdruck daran, die vermeintlichen CO2-Einsparungen der neuen Technologie für den Handel mit Verschmutzungsrechten fit zu machen. "Auf EU-Ebene prüfen wir zur Zeit, was beim Handel mit CO2-Zertifikaten dieser Art beachtet werden muss," erklärt Artur Runge-Metzger, Leiter des Klimawandel-Referats in der EU-Kommission.

Derzeit befinden sich CO2-abscheidende Kraftwerke noch in der Entwicklung und könnten, glaubt man den Experten, frühestens in 15 bis 20 Jahren kommerziell zur Verfügung stehen. Ob und wann die Technologie überhaupt jemals in größerem Maßstab eingesetzt werden wird, ist noch völlig offen. Die Kosten sind immens, die Stromkosten von Kohlekraftwerken dieser Art könnten sich leicht verdoppeln.

Vattenfall errichtet derzeit eine kleine 30 Megawatt-Pilotanlage am Standort Schwarze Pumpe in Brandenburg. Wo das CO2 gespeichert werden soll, ist noch völlig unklar. RWE hat für 2014 den Bau eines 360 Megawatt-Kohlekraftwerks mit integrierter Kohlevergasung und CO2-Abscheidung angekündigt. Ende Februar 2007 begann das GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) in Potsdam erst mit den Bohrarbeiten für den ersten unterirdischen CO2-Testspeicher in Ketzin. Bis 2009 sollen hier 60.000 Tonnen CO2 in 700 Metern Tiefe gespeichert werden. Hierfür wird man aber noch kein Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken verwenden können. Das benötigte CO2 muss für den Forschungszweck eigens in Labors erzeugt werden. Henner Weithöner 

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