Eine Klimaversicherung für die Armen

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AUS POZNAN NICK REIMER

Im April 2005 initiierte die Münchner Rück die "Munich Climate Insurance Initiative"- kurz MCII , um Versicherungslösungen für die zunehmenden Schäden durch wetterbedingte Extremereignisse zu entwickeln. Dass diese steigen, belegen alle Daten. Die Zahl schwerer Fluten und Erdrutsche ist von 1980 bis 2007 nach jüngsten Daten der Münchener Rück auf das 3,5-Fache gestiegen. Die der schweren Stürme hat sich mehr als verdoppelt. Dagegen stieg die Zahl schwerer Erdbeben nur um 50 Prozent.

Nun legte die MCII in Poznan ein Ergebnis vor: "Wir schlagen einen Fonds vor, der zur Rückversicherung ärmerer Länder unter dem Dach der UNO aufgelegt wird", erläutert Christph Bals von Germanwatch, der gleichzeitig MCII-Vorstand ist. Dies würde den Wiederaufbau besonders in armen Ländern unabhängiger vom Spendenwillen der reichen Industriestaaten machen.

Die Experten erläuterten dies in Poznan so: Realität ist, dass nach einer Unwetter-Katastrophe besonders viel Spendengeld dorthin fließt, wo viele Touristen Urlaub machen. Anders gesprochen: Wo es keine Touristen gibt, dahin geht fast kein Spendengeld. Dies soll der Fonds nun ändern. "Er könnte ein Teil des Kopenhagener-Protokolls werden und den Entwicklungsländern beim so genannten Anpassungsregime entgegen kommen", erklärt Sven Harmeling von Germanwatch. 

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Gekoppelt werden sollte der Fonds allerdings an Anreize zur Katastrophenvorsorge: Nur wer in Anpassungsmaßnahmen investiert, soll profitieren. Und der Fonds sollte nicht ausschließlich auf Staatsebene zur Ausschüttung kommen, sondern auch Mikroversicherungen finanzieren. "Es gibt für Entwicklungsländer schon passende Produkte, zum Beispiel Kleinstversicherungen, mit denen sich ein Landwirt gegen Unwetterschäden versichern kann", erläutert Ernst Rauch, Leiter des Corporate Climate Centre der Münchner Rück.

Praktisch stellt MCII den Delegierten ein Risikomanagement-Modul zur Förderung der Anpassung an den Klimawandel vor, das auf zwei Säulen ruht. Prävention heißt die eine, Versicherung die Andere.

Säule 1 – Prävention: Mit diesem Geld sollen Anreize geschaffen werden, um die Anfälligkeit von Gesellschaften gegen Naturkatastrophen zu vermindern. Anders ausgedrückt: Menschen sollen in die Lage versetzt werden, sich an die veränderte Risikosituation anzupassen.

 Säule 2 – Versicherung: besteht wiederum aus zwei Ebenen. Die erste Ebene besteht aus einem "Climate Insurance Pool" der mit 3,2 bis 5 Milliarden US-Dollar gespeist werden sollte, die für die Prämien des Pools notwendig sind. Finanziert werden soll dies zum größten Teil von den Industrieländern durch den Anpassunsfonds. Die zweite Ebene der Versicherungssäule, die Climate Insurance Assisatance Facility, würde gezielt Öffentlich-Private Partnerschaften und private Klima-Versicherungen fördern, um auch geringere Schadensereignisse – etwa Unwetterereignisse, die alle 50 Jahre auftreten – abdecken zu können. Die Kosten der zweiten Ebene werden mit 3 Milliarden US-Dollar angegeben, die Gesamtkosten des Vorschlags auf etwa 10 Milliarden pro Jahr.

vorschau_erdrutsch.jpegZur Finanzierung denkbar wäre auch eine Abgabe aus dem Emissionshandel oder eine Steuer von 20 Cent auf jede emittierte Tonne Kohlendioxid. Dagegen allerdings dürften sich die Industriestaaten sträuben. Sven Harmelingvon Germanwatch glaubt, dass in diesem Falle allerdings nicht die USA das größte Problem haben. "Anpassungsfonds, so wie sie bislang von den Klimakonferenzen auf den Weg gebracht wurden, sind möglicherweise in den USA nicht verfassungskonform. Anpassung über Versicherungen zu finanzieren ist dagegen nach unseren Untersuchungen durch die US-Verfassung gedeckt". 

 "Um das Thema fest im Kopenhagener Abkommen zu verankern, ist es jetzt notwendig, dass der Poznaner Gipfel über einen Risiko-Management-Mechanismus entscheidet", erklärte Peter Höppe, Leiter der GeoRisiken Forschung der Münchener Rück.

Das sieht offenbar auch Yvo de Boer, der Chef des UN-Klimasekretariates so. Vergangene Woche hatten die Vorschläge der MCII auf dem Verhandlungsparkett eine größere Rolle gespielt. Am Montag erklärte de Boer: "Ein wichtiges Ergebnis von Poznan wäre, wenn am Ende der Verhandlung eine neue Expertengruppe beschlossen würde". Nur so wäre es möglich, diese solle dann die Vorschläge konkretisieren. Ein Versicherungssystem sei eine Voraussetzung, um Anreize für Anpassungsprojekte an den Klimawandel und wirtschaftliche Investitionen zu geben, sagte de Boer.

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"Versicherungen können nicht die Alternative zu Anpassungsstrategien sein", warnte dagegen Adrew Torrance, CEO der britischen Allianz-Gruppe und Vorstand der ClimateWise-Initiative. Diese hatte Prince Charles im September letzten Jahres ins Leben gerufen mit dem Ziel, dass sich die Wirtschaft mehr Klimaschutz und konsequentere Bewertung der wirtschaftlichen Risiken des Klimawandels als Unternehmensprinzipien festschreibt. Torrance erklärte: "Anpassungsstrategien sind aber eine Notwendigkeit, damit Versicherungen eine wichtige Rolle spielen können". Auch der Brite sieht im Thema "eine zentrale Komponente des Kopenhagener Deals".

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