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LULUCF: "Eines der größten Schlupflöcher"

ingrid_nestle2-kl_chr.jpgLULUCF – dieses Kürzel steht für Treibhausgas-Emissionen, die aus Änderungen in der Land- und Waldnutzung entstehen. Alle sprechen darüber – doch kaum jemand blickt noch durch. Die grüne Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle befürchtet, dass LULUCF in einem neuen Klimaabkommen zum großen Schlupfloch werden könnte, mit dem die Industrieländer ihre Emissionsbudgets aufbessern, ohne wirklichen Klimaschutz zu betreiben

wir-klimaretter.de: Frau Nestle, der Begriff LULUCF scheint das Lieblingswort der Klimadiplomatie zu sein. Was wird da diskutiert?

Ingrid Nestle: LULUCF steht für "land use, land use change and forestry". Dahinter verbirgt sich die Frage, wie im Klimaabkommen die Kohlenstoffbildung in der Vegetation angerechnet wird. Zum Beispiel bei Wäldern: Beim Aufforsten wird Kohlendioxid aufgenommen, beim Abholzen dagegen Kohlendioxid freigesetzt. Zu LULUCF gehört aber nicht nur die Waldnutzung, sondern auch die Frage, wie mit Böden umgegangen wird: Dort sind nämlich zwei Drittel der weltweiten Kohlenstoffvorräte gebunden.

Hört sich einfach an. Wo sind denn die Streitpunkte?

Die Frage ist, wie man die Kohlenstoffmengen berechnet und was man anrechnen darf. Es gibt schon jetzt verschiedene Berechnungsmethoden. Beispielsweise gibt es in der Landwirtschaft die Möglichkeit, anders zu pflügen, sodass weniger Kohlenstoff aus der Erde entweicht. Aber es ist schwer zu kontrollieren, wie sich solch eine Maßnahme genau auswirkt.

Wenn es aber um Wälder geht: Kann man da nicht ziemlich genau bestimmen, wie viel CO2 gebunden wird?

Bei Aufforstung und Abholzung ist es technisch tatsächlich relativ einfach. Aber dann bleibt immer noch die Frage: Wie definiere ich Wald? In der Regel wird gesagt, dass dafür ein bestimmter Anteil der Fläche mit Baumkronen bedeckt sein muss. Je nach Definition liegt der Mindestanteil zwischen 15 und 30 Prozent. Wenn man aber die 15 Prozent nimmt, kann Wald größtenteils abgeholzt werden – und bleibt trotzdem "Wald". Setzt man hingegen die Grenze bei 30 Prozent an, ergibt sich ein anderes Problem: Eine Fläche mit 29 Prozent Bedeckung gilt dann ohnehin nicht mehr als Wald – und wird vielleicht schneller komplett abgeholzt.

Welche Probleme bringt LULUCF denn sonst noch mit sich?

Sehr problematisch wird es, wenn sich Länder die Aufforstung anrechnen lassen, aber nicht die Abholzung. Österreich will zum Beispiel, dass sich jedes Land aussuchen kann, was ihm in den Kram passt.

Und der zweite Hammer ist: Viele Länder wollen sich ihre "Baselines" selbst setzen. Das heißt, sie entwerfen Szenarien für die Zukunft, nach dem Motto: "Wenn es kein Klimaschutzabkommen gäbe, würden wir in den nächsten Jahren so und so viel abholzen." Wird dann weniger abgeholzt beziehungsweise mehr aufgeforstet, kann das Land damit einen Teil seiner Emissionsreduktionen erfüllen.

Das heißt, die Baselines sehen wahrscheinlich so aus, dass nachher auf dem Papier möglichst viel CO2 eingespart werden kann ...

Deutschland hat zum Beispiel eine Baseline ins Gespräch gebracht. Wenn weiterhin so viel aufgeforstet wird wie im Zeitraum von 1990 bis 2007, dann gilt das demnach bereits als zusätzlicher Klimaschutz. Das heißt übersetzt: Deutschland kann seine Ziele erreichen, ohne tatsächlich Emissionen in dem Umfang zu reduzieren, zu dem es verpflichtet wäre. Deutschland könnte sich dadurch ganze sechs Prozentpunkte ersparen.

Wie sieht es weltweit aus?

Insgesamt geht es um zwei bis neun Prozent der Emissionen der Industrieländer. Wenn sich diese Länder nun auf Minderungen von 30 Prozent verpflichten, könnte also knapp ein Drittel davon lediglich "heiße Luft" sein; und andere Schlupflöcher kommen noch dazu. LULUCF gehört somit neben dem Clean Development Mechanism zu den großen Schlupflöchern.

Was müsste getan werden?

Es müsste klare Regelungen geben, wie Änderungen in der Land- und Waldnutzung angerechnet werden. Bisher ist noch Vieles offen. Das Problem ist, dass man das am Ende der Woche immer noch nicht wissen wird.

Aber Maßnahmen des Waldschutzes werden doch heute schon schon angerechnet!?

Bei der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls hat man sich auch nicht geeinigt, was LULUCF genau heißt. Die Staaten hatten ganz unterschiedliche Vorstellungen im Kopf. Die konnten sich nur einigen, weil es so unklar ist. Im Nachhinein hat man relativ willkürlich Obergrenzen für einzelne Staaten gesetzt, die eine Konkretisierung zum Teil ersetzt haben. Jetzt ist die Frage wieder offen.

Es gibt ja bereits Entwürfe für ein Nachfolgeabkommen. Wie sieht es da aus?

Bisher ist geplant, dass sich ein Land aussuchen kann, in welchen Bereichen die Änderungen angerechnet werden und in welchen nicht. Da nimmt man sich natürlich nur die heraus, in denen man Emissionen einspart. Außerdem gibt es einen Extra-Passus, wo es um höhere Gewalt geht. Da geht es um solche Sachen wie Waldbrände.

Die werden dann also nicht angerechnet?

Auch das wird noch verhandelt. Viele wollen da kein Riesenloch im Emissionsbudget haben. Aber man kann doch nicht sagen: Für den Brand konnte ich nichts – aber wenn dort wieder neue Bäume gepflanzt werden, rechnen wir es an.

Welche Position hat die Europäische Union zu LULUCF?

Leider ist die Europäische Union nicht wirklich sprechfähig, weil es sehr unterschiedliche Interessen gibt. Frankreich möchte nicht, dass sich jedes Land die Baseline selbst aussuchen darf. Österreich und skandinavische Länder wie Schweden und Finnland hingegen sind scharf darauf, ihr Emissionsbudget mit weichen LULUCF-Regeln aufzubessern.

Interview: Felix Werdermann

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