Pakistan: "Wir kommen nicht hinterher"

Tag zwei der Klimakonferenz in Durban: Binnen der letzten zwanzig Jahre wurden 710.000 Menschen Opfer von extremen Wetterereignissen. Den Klima-Risiko-Index 2010 von Germanwatch führt Pakistan mit den Fluten und Guatemala durch die Hurrikane an. Unter den zehn am stärksten geplagten Ländern befinden sich aber auch Polen, Portugal und Oman.

Aus Durban Nick Reimer

Die Bilder sind noch im Gedächtnis: Während in Osteuropa riesige Waldbrände wüteten, versank Pakistan im Sommer 2010 in bis dato unvorstellbaren Fluten. 1.891 Menschen ertranken in dem Land. In Russland fielen sogar 56.165 Menschen den Flammen zum Opfer.

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Flut in Pakistan: 2010 waren insgesamt 20 Millionen Menschen betroffen. (Foto: Thomas Schwarz/Care)

Nicht verwunderlich deshalb, dass die beiden Länder im Klima-Risiko-Index ganz vorne liegen, den die deutsche Entwicklungsorganisation Germanwatch heute auf der Klimakonferenz in Durban vorgelegt hat. Pakistan hatte 25,3 Milliarden US-Dollar volkswirtschaftlichen Schaden zu beklagen – Platz eins des Rankings.

Auf dem zweiten Platz folgt Guatemala, 229 Menschen kamen in dem relativ kleinen Land durch Hurrikane ums Leben, auf Platz drei landet Kolumbien, das unter starken Hochwassern mit 320 Toten und sieben Milliarden Dollar Schaden litt. Russland folgt auf Platz vier – der Schaden war hier mit 5,5 Milliarden im Vergleich zum gesamten Bruttoinlandsprodukt relativ gering.

"Natürlich hatten wir diese Länder im Ranking ganz vorn erwartet", sagte in Durban Sven Harmeling, der bei Germanwatch für den Index verantwortlich ist. "Dass aber auch Polen, Portugal und der Oman ganz vorn mit dabei sein würden – das hat mich überrascht."

In Oman – Platz sechs – hatte ein Hochwasser 1,3 Milliarden Dollar Schaden angerichtet. Das entspricht 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Polen auf Platz sieben hatte 2010 ebenfalls wochenlang schwere Fluten zu erleiden, 151 Menschen starben, Schäden in Höhe von 4,7 Milliarden Dollar entstanden. Portugal büßte nach heftigen Regenfällen 0,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung ein – Platz acht.


Stellen den Klima-Risiko-Index vor: Christoph Bals (links) und Sven Harmeling von germanwatch und Farukh Iqbal Khan, Mitglied der Regierungsdelegation Pakistans. (Foto: Reimer)

Fast schon traditionell unter den ersten zehn am stärksten von Extremwetterereignissen betroffenen Staaten rangiert China – in diesem Jahr mit 2.889 Toten und 33,4 Milliarden Dollar Schaden. Allerdings entspricht diese gewaltige Summe nur 0,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – Platz neun.

"Wir hatten in diesem Jahr schon wieder eine extreme Flut", erklärt in Durban Farukh Iqbal Khan, Mitglied der Regierungsdelegation Pakistans. Diesmal seien acht Millionen Menschen betroffen gewesen, es habe mehrere hundert Tote gegeben. Zudem mache Pakistan das Problem der Gletscherschmelze zu schaffen: Mehrere Millionen Menschen sind vom Trinkwasser der von Gletschern gespeisten Flüsse abhängig. Versiegt dieser Strom, ist den Menschen die Lebensgrundlage entzogen.

"Natürlich versuchen wir, Vorsorge gegen die Wetterextreme zu treffen", sagte Farukh Iqbal Khan und verwies auf den "National Disaster Management Plan", der in der kommenden Woche auf der Klimakonferenz in Durban vorgestellt werden soll. "Das Wetter ändert sich aber bei uns so schnell, dass wir mit unserer nationalen Anpassungsstrategie gar nicht mehr nachkommen."

Gezinkte Würfel und zu viele Sechser

Deshalb fordert der Regierungsvertreter auch mehr internationale Unterstützung für sein Land. "Aus dem Anpassungsfonds des Kyoto-Protokolls haben wir beispielsweise noch keinen einzigen Cent bekommen", so Farukh Iqbal Khan. Allein aber könne sein Land mit den Folgen der Erderwärmung kaum fertigwerden.

Germanwatch erstellt den Klima-Risiko-Index auf Basis von Daten der Münchener Rückversicherung. Genutzt wird hierfür die weltweit anerkannte Datenbank Natcatservice. "In unsere Arbeit fließen zusätzlich demografische und volkswirtschaftliche Daten ein", erklärt Christoph Bals, Politikchef von Germanwatch.

Zwar könne kein eineindeutiger, direkter Zusammenhang zwischen Erderwärmung und einer Zunahme von Wetterextremen hergestellt werden. Aber dies sei wie mit dem gezinkten Würfel: "Einmal eine Sechs gewürfelt, lässt sich nicht feststellen, dass der Würfel gezinkt ist. Kommen aber statistisch wesentlich häufiger Sechser zustande, als das statistisch normal wäre, muss der Würfel gezinkt sein."


2010 kam die Flut über Pakistan – und verschluckte mehr als ein Fünftel des Landes. (Foto: US Army)

Gezinkt oder nicht: Sven Harmeling rät dringend, mehr für die Anpassung an den Klimawandel zu tun. "Bangladesch zum Beispiel, das früher häufig ganz vorn im Ranking lag, hat viel investiert. Das zeigte Wirkung". Beispielsweise ließ die Regierung Hochbunker gegen die verheerenden Zyklone bauen, die immer wieder über das Land fegen. 156.287 Tote forderten die Stürme in den letzten zwanzig Jahren, das Land liegt damit im Langzeitvergleich auf Platz ein. Im vergangenen Jahr aber kosteten die Stürme "nur" 122 Menschenleben – Platz 22. 

Traditionell legt Germanwatch mit seinem Index auch eine Langzeitbeobachtung vor. Von 1991 bis 2010 gab es demnach insgesamt 14.000 extreme Wetterereignisse, bei denen rund 710.000 Menschen ums Leben kamen. In den letzten 19 Jahren seien die Staaten Bangladesch, Myanmar (Burma) und Honduras am häufigsten von extremen Wetterereignissen heimgesucht worden. Alle zehn in dieser Periode am stärksten betroffenen Länder sind Entwicklungsländer.

In Afrika sind 32 Millionen Menschen betroffen

Gut stehen erstaunlicherweise die Länder Afrikas da – wo es doch immer heißt, Afrika leide besonders unter den Folgen der Erderwärmung. Benin steht 2010 auf Platz 14, Madagaskar auf 27, Uganda auf 29, gefolgt von Ghana auf 34. "Ab wann eine Dürre ein Extremwetter ist, das ist nicht so ganz einfach zu ermitteln", sagt Harmeling dazu. Zudem gebe es in Afrika oft extreme Unwetter in lokalem Ausmaß. Harmeling: "Die Schäden sind nicht weniger dramatisch – aber eben lokal begrenzt."

Allerdings, so die Germanwatch-Untersuchung, sind insgesamt 32 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent von Wetterextremen betroffen – "tatsächlich mehr als auf anderen Kontinenten", so der Experte.

Deutschland übrigens hat im 20-Jahres-Rückblick mehr als 40 Milliarden US-Dollar Schäden zu beklagen. Nur sechs Länder hat es ärger getroffen. Zudem sind über 9.500 Tote zu beklagen, "Allein dem Hitzesommer 2003 fielen 8.000 Deutsche zum Opfer", so Harmeling. Weil die Schadenssumme aber nur 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung in dieser Zeit ausmacht, rangiert Deutschland insgesamt auf Platz 32. 

 

Alle Beiträge zur COP 17 in Südafrika auf einen Blick finden Sie in unserem Durban-Dossier

 

 

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