"Klimakonvention braucht eiserne Zähne"

Der Klimaforscher Professor Hans Joachim Schellnhuber hält es noch für möglich, das Zwei-Grad-Limit der globalen Erwärmung einzuhalten. Der Hauptantrieb dafür werde aber nicht von Klimagipfeln, sondern von "fortschrittlichen nationalen Energiestrategien" der Vorreiterländer kommen. Die UN sollten aber weiter eine Rolle im Klimaschutz-Prozess spielen. "Sie müssen so etwas wie die globale Traumfabrik sein, ähnlich wie auf ganz andere Weise Hollywood."

Aus Durban Joachim Wille

"Die wirkliche Dynamik für den Klimaschutz entsteht aus der Transformation der fossilen Energiesysteme", sagte Schellnhuber. "Diese wird sowieso kommen, aber wir müssen sie um 50, 100 Jahre vorziehen, wenn wir gefährlichen Klimawandel vermeiden wollen."

Schellnhuber, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung ist, warnte jetzt im Interview mit der Frankfurter Rundschau davor, die UN-Klimagipfel ganz aufzugeben. "Die Vereinten Nationen werden immer eine Rolle im Klimaschutz-Prozess spielen. Sie müssen so etwas wie die globale Traumfabrik sein, ähnlich wie auf ganz andere Weise Hollywood. Sie können 'die große Geschichte' erzählen und daran erinnern, dass wir auf diesem Planeten gemeinsam wie in einem Schiff auf hoher See sitzen." Das Ziel, die Erderwärmung unter dem Zwei-Grad-Limit zu halten, sei immerhin durch diesen UN-Prozess zustande gekommen. Es sei aber denkbar, die Gipfel zu verkleinern. "Vielleicht könnte man es verkleinern. Möglicherweise würden weniger Teilnehmer ausreichen - und weniger Tage, um auszusprechen, was auszusprechen ist."

Laut dem Experten wäre eine Wende bei den CO2-Emissionen bis 2015 am günstigsten, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Das sei aber unrealistisch. "2020 ist vielleicht noch zu schaffen, wenn wir uns darauf konzentrieren, die 'große Transformation' einzuleiten. Haben die erneuerbaren Energien im Markt weltweit erst einmal 15 bis 20 Prozent erreicht, dann kippt das ganze System sehr schnell und sie werden zum Selbstläufer."

Schellnhuber sagte voraus, dass es in Deutschland bald soweit sei. "Die traditionellen Stromversorger investieren heute bereits vornehmlich in erneuerbare Energien. Außerdem steigen immer mehr Einzelpersonen und Genossenschaften in die Erzeugung ein. Die Erneuerbaren machen das möglich, denn sie sind praktisch jedem Menschen zugänglich – das ist die Demokratisierung der Energieversorgung." 


Ohne Traumfabrik geht es nicht. (Foto: flickr/loop_oh)

Schellnhuber forderte weiter, die Weltklimakonvention von 1992 zu überarbeiten. Sie müsse konkretisiert werden. Bisher verpflichtet die Konvention die Weltgemeinschaft nur darauf, eine "gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern". Das sei zu allgemein, sagte der Experte. "Die Konvention muss stählerne Zähne bekommen – insbesondere eine Marschtabelle für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft."

Diese Verschärfung werde aber wohl nicht vor 2015 geschehen, wenn der nächste große Report des UN-Klimarats IPCC erschienen ist. Dann aber werde "die Dramatik der Welt-Lage unmissverständlich klar sein." Es könnte dann "ein – allerdings gut vorbereiteter - Sonder-Klimagipfel sinnvoll erscheinen, bei dem die Staats- und Regierungschefs die globale Wende einleiten. Das, was in Kopenhagen nicht funktioniert hat."

Alle Beiträge zur COP17 in Südafrika auf einen Blick finden Sie in unserem Durban-Dossier

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