REDD ohne Abkommen ist wie Duschen ohne Wasser

Kommt in Durban ein rechtlich verbindendes Abkommen zur Emissionsreduktion zustande? Für ein neues Klimaschutzinstrument wie REDD+ ist diese Frage von alles entscheidender Bedeutung. Denn ohne einen wirkungsvollen Anreiz kann der Waldschutzmechanismus nicht funktionieren.

Aus Durban Verena Kern

Eigentlich, sagt Johannes Förster, sind die Verhandlungen zu REDD+ bislang "relativ erfolgreich" gelaufen. "Es gibt Fortschritte", sagt der Ökologe und Waldexperte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. In den vergangenen zehn, elf Tagen wurden in Durban die sogenannten Safeguards weiter ausformuliert, die Leitplanken, die letztes Jahr in Cancun festgelegt wurden. Um die Einhaltung dieser Grundsätze zu kontrollieren, wurde ein Safeguard Information System (SIS) beschlossen, und bei den Reference Levels, die für die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Waldschutzmaßnahmen wichtig sind, hat sich auch etwas getan. Aber damit hören die guten Nachrichten auch schon auf.


Hier war einmal ein Tropenwald: Rodung für Palmöl in Indonesien. (Foto: Robin Wood)

REDD+, das neue Klimaschutzinstrument mit dem umständlichen Namen Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation, wird die weltweite Rodung von tropischen Wäldern nicht aufhalten können - falls Durban keinen Durchbruch bringt. Da kann die für wissenschaftliche und technische Fragen zuständige SBSTA-Gruppe, die sich mit REDD+ befasst, noch so klare und weitsichtige Safeguards zum Waldschutz formulieren, wie etwa den "Respekt für das Wissen und die Rechte von indigenen Völkern und lokale Gemeinschaften" oder die "Übereinstimmung mit bereits bestehenden Waldprogrammen und internationalen Abkommen".

REDD+ ist ein Beispiel dafür, wie komplex und kompliziert Klimapolitik ist. Alles hängt mit allem zusammen. Und alles hängt an der Art von Anreiz, der gegeben wird - oder eben nicht. Einfach gesagt: Warum sollte irgendjemand in Waldschutzmaßnahmen investieren, wenn das Recht, Treibhausgase in die Atmosphäre zu pumpen, nicht stärker eingeschränkt wird als bislang? Wenn es gar nicht darauf ankommt? Nur ein bindendes Abkommen mit - wie es hier in Durban immer wieder heißt - "ambitionierten" Reduktionszielen wird einen starken Anreiz geben können, Wälder nicht zu roden.


Ökologe Johannes Förster, am letzten Verhandlungstag in Durban. (Foto: Kern)

Vor vier Jahren brachte die Weltklimakonferenz in Bali das neue Instrument REDD auf den Weg. Es sollte Mechanismen und Methoden entwickeln, um der rasanten Waldzerstörung entgegen zu wirken, um, wie Johannes Förster es formuliert, "den Druck auf die Wälder zu reduzieren", denn mittlerweile verursacht die weltweite Entwaldung mehr Treibhausgase als der gesamte Verkehrssektor. Inzwischen hat REDD noch ein + angehängt bekommen, um beispielsweise auch wirtschaftliche Aktivitäten im Waldumfeld zu erfassen. Aber wie genau sollen die Mechanismen aussehen?

Offen ist vor allem noch die Finanzierung. Konkret geht es darum, ob REDD im "Green Climate Fund" eine Finanzierung bekommen oder ob es in den Handel mit CO2-Zertifkaten einbezogen werden soll - und wenn ja, in welcher Form. Auch in Durban, soviel ist schon klar, wird es keine Antwort darauf geben, wie viel "Markt" man in REDD+ hineinbringen will. Klar ist nur, dass es irgendeine Form von Marktmechanismus geben soll, und damit wird die Frage nach den Anreizen fundamental. Denn warum soll  man sich um Kohlenstoffspeicherung bemühen, wenn das Nichtspeichern spottbillig ist?

Rund eine Milliarde Menschen leben direkt oder indirekt von den globalen Wäldern. Schon jetzt gibt es zwischen ihnen eine Konkurrenzsituation. Auf der einen Seite kleine Bauern, denen das Land, das sie bewirtschaften, oftmals nicht selbst gehört. Auf der anderen Seite Großgrundbesitzer und Konzerne, die vor allem Geld verdienen wollen, etwa durch die Umwandlung von Wald in Ackerland für den Anbau von Soja-, Palmöl, Eukalyptusplantagen. REDD+ versucht mit seinen Safeguards dieser Situation Rechnung zu tragen und beispielsweise eine nachhaltige Forst- und Landwirtschaft als Grundsatz für REDD-Maßnahmen zu verankern. Ohne eine starke internationale Emissionsreduktionsverpflichtung aber drohen die Kleinbauern in eine noch schlechtere Position zu geraten. 


Brandrodung in Mexiko, um landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. Ob REDD+ diese Art von Waldzerstörung in Zukunft verhindern kann, ist noch völlig offen. (Foto: Jami Dwyer / Wikimedia Commons)

Genau darauf haben in Durban Waldschützer, Kleinfarmer und Vertreter indigener Völker in einer kaum zu überschauenden Vielzahl von Veranstaltungen immer wieder hingewiesen. Kein Tag verging ohne Pressekonferenz, um auf die Rechte der "Kleinen" aufmerksam zu machen, kein Tag ohne Protestaktionen, Fototerminen, Happenings. REDD+, so der Tenor, wird beim jetzigen Stand der Dinge die Entwaldung nicht verhindern, sondern sogar fördern, der Wald wird zum Geschäft gemacht, zur Ware, zu einem Business. Wer soll verhindern, dass Wald abgeholzt und das Land stattdessen mit schnellwachsenden Eukalyptusplantagen bepflanzt wird, die die Böden auslaugen und den Grundwasserspiegel sinken lassen?

Zudem beinhaltet REDD einen Fehlanreiz, der sich kaum vermeiden lässt. Um Waldschutzmaßnahmen überhaupt messen und bewerten zu können, braucht man eine Referenzgröße. Bei REDD ist es die sogenannte historische Entwaldungsrate - also das Ausmaß an Entwaldung, das in einem Land oder Gebiet in der Vergangenheit stattgefunden hat. Tendenziell sind damit jene Länder im Vorteil, in denen schon viel gerodet wurde. Sie werden belohnt, wenn sie ihre Rodungen zurückfahren. 


Geld oder Wälder oder was? Eine der Protestaktionen in Durban. (Foto: Reimer)

Eigentlich müsste man noch viel grundsätzlicher ansetzen, wenn man wirkungsvoll gegen Entwaldung angehen will. Die EU beispielsweise müsste - eigentlich - beschließen, nur noch die Einfuhr von REDD-zertifizierten Produkten zuzulassen, von Produkten also, bei deren Herstellung Waldschutz berücksichtigt wurde. Um sicherzustellen, dass Waldschutz wirklich Vorrang hat. 

Dann aber wäre man plötzlich mit Handelsfragen beschäftigt, man würde sich auf dem Terrain der Welthandelsorganisation WTO bewegen, die sich gegen Einfuhrbeschränkungen jeder Art stark macht. Bis zu diesem Punkt hat sich die Klimapolitik noch nicht vorgewagt.

[Erklärung]  
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