CCS ab sofort Klimaretter

Die Verpressung von Kohlendioxid im Untergrund (CCS) wird in den CDM-Handel einbezogen. So sieht es jedenfalls das aktuelle Verhandlungsdokument in Durban vor. Beobachter rechnen nicht damit, dass es hier noch zu Veränderungen kommt. Die fossilen Industrien tragen den Sieg davon, das Risiko gravierender Schäden tragen die Entwicklungsländer.

Aus Durban Eva Mahnke

Der "Mechanismus für saubere Entwicklung", der sogenannte Clean Development Mechanism, wird immer schmutziger. Eine Arbeitsgruppe der Klimakonferenz hat dafür gesorgt, dass Projekte zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid (CCS) zukünftig als CDM-Projekte anerkannt werden könnten. So steht es zumindest im aktuellen Verhandlungsdokument, über das die Staatschefs und Minister noch bis morgen Abend als Gesamtpaket zu entscheiden haben.


Das deutsche CCS-Demonstrationsprojekt in Jänschwalde jedenfalls ist vorerst vom Tisch. Grund ist der jahrelange Streit um ein deutsches CCS-Gesetz. (Foto: Reimer)

Die Ölindustrie kämpft seit Jahren hart für die Aufnahme von CCS in den Clean Development Mechanismus, denn sie verfügt im Großen und Ganzen über die umstrittene Technologie. Cancún hat den Stein im vergangenen Jahr endgültig ins Rollen gebracht. Hier entschieden die Vertragsstaaten, CCS zuzulassen - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Der Kampf um die endgültige Entscheidung drehte sich in den vergangenen Monaten somit um Sicherheitsaspekte, mögliche Umweltauswirkungen, die Zuweisung von Verantwortlichkeiten für möglicherweise erst sehr langfristig auftretende Schäden und Versicherungsfragen.

"Für die Industrie ist es unheimlich wichtig, dass sie irgendwo unter Beweis stellen kann, dass ihre Technologie funktioniert", erklärt Iris Cheng, CCS-Expertin bei Greenpeace International. "In den Industrieländern bekommt sie momentan eher Gegenwind und braucht deshalb dringend Experimentierfelder." In den vergangenen zwölf Monaten musste die CCS-Industrie insgesamt zwölf Rückschläge hinnehmen, weil Vorhaben in verschiedenen Ländern durch Finanzierungsprobleme, ungeklärte Umweltfragen und den Widerstand der lokalen Bevölkerung festhängen oder gänzlich gescheitert sind.

Umso härter der Kampf der CCS-Verfechter vor Ort, die sich von der "Legalisierung" der Technologie durch den CDM-Stempel neuen Aufschwung erhoffen. Die Arbeitsgruppen in Durban, die das Thema in der vergangenen Woche vorverhandelten, dauerten jeweils bis in die frühen Morgenstunden an. Nur durch eine Sonderregelung kam am Wochenende überhaupt eine Entscheidung zustande. Die Verhandler konnten in kleiner Runde zusammenkommen und mussten die Kompromissfindung nicht der großen Runde im Unterorgan des Klimasekretariats "für wissenschaftliche und technologische Beratung" übergeben - mit vollem Erfolg für die CCS-freundlichen OPEC-Staaten und Australien.


Iris Cheng, CCS-Expertin bei Greenpeace International, auf der Klimakonferenz in Durban. (Foto: Mahnke)

"Die Entwicklungsländer - hierunter Grenada, Namibia, Sierra Leone, Uganda und Brasilien - haben zwar sehr viele kritische und bislang unbeantwortbare Fragen zur Erfüllbarkeit der Bedingungen gestellt, konnten sich aber am Ende mit ihrem Widerstand gegen CCS nicht durchsetzen", so Cheng. "Die Entwicklungsländer haben einen extrem schlechten Deal gemacht." Den sogenannten "Gastländern" bringen die CCS-Projekte fast nichts als Risiken. Sie sind es, die mit der Gefahr leben müssen, dass das im Untergrund verpresste Kohlendioxid eines Tages wieder an die Oberfläche gelangt oder das Grundwasser verseucht. Da sie in der Regel nicht selbst über Wissen im Umgang mit der CCS-Technologie verfügen, machen sie sich darüber hinaus auf Jahrzehnte von den CCS-Unternehmen abhängig, müssen aber - so sieht es der aktuelle Entwurf vor - 20 Jahre nach Abschluss des Handels mit den Zertifikaten - voll für eventuelle Schäden aufkommen.

"CCS-Projekte über den Clean Development Mechanism zu finanzieren, stellt ein Experiment dar, dass wir nicht akzeptieren dürfen", kritisiert auch der EU-Parlamentarier und Abgeordnete der Sozialisten Kriton Arsenis den Beschluss der Arbeitsgruppe. "Wir missbrauchen damit die Entwicklungsländer, die auf das Geld zur Klimafinanzierung angewiesen sind, um mit einer Technologie zu experimentieren, von der man noch nicht weiß, ob sie sicher und fehlerfrei funktioniert." Arsenis gehört zu einer Fraktionen übergreifenden Gruppe von EU-Parlamentariern, die versuchen, noch einmal Druck auf die Staatschefs und Minister auszuüben. Diese könnten das Verhandlungspaket an dieser Stelle noch einmal aufschnüren und den vorläufigen Text umwerfen.


CO2-Bomben - Bald könnten sie in Entwicklungsländern hochgehen. (Foto: Carsten Smid/Greenpeace)

"Damit ist aber nicht zu rechnen", so Iris Cheng. "Diese äußerst wichtige Entscheidung wird im gesamten Verhandlungspaket einfach mit durchrutschen, weil die Aufmerksamkeit der Entscheider auf dem Kyoto-Protokoll und dem Klimafonds liegt." Bleibt der Text der Arbeitsgruppe im Abschlussdokument tatsächlich so stehen, bedeutet dies die Fortschreibung der fossilen Energieinfrastruktur.

Momentan ist zwar noch nicht absehbar, wann die Technologie für den Kohlesektor überhaupt einsatzfähig sein wird. Selbst die einst sehr optimistische Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Prognosen in ihrem letzten Bericht drastisch heruntergeschraubt. Sie rechnet derzeit damit, dass 2020 maximal ein Prozent der fossilen Kraftwerke die Emissionen in den Untergrund verbannt. Die Erbauer von Kohlekraftwerken aber erhalten mit der Aufnahme von CCS-Projekten in den Clean Development Mechanismus den Segen der Klimakonferenz für ihre CO2-Schleudern, weil man diese potentiell nachrüsten könnte. Ein Kohlekraftwerk hat eine Lebensdauer von rund 40 Jahren.

"Ich bin sicher, dass die CCS-Lobby nach diesem Beschluss wieder kräftig die Werbetrommel rühren wird", prognostiziert Greenpeace-Expertin Cheng. "Die Profite werden sie jetzt machen, den CO2-Müll aber zukünftigen Generationen hinterlassen."

 

 

 

 

Alle Beiträge zur COP17 in Südafrika auf einen Blick finden Sie in unserem Durban-Dossier

 

 

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