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Arabien ist einfach nicht erneuerbar

Besiedelt, sicher, reich und technologisch in der Spitzengruppe: Es gibt kaum eine Region auf der Welt, die prädestinierter wäre, die Erneuerbaren – speziell die Sonnenkraft – voranzubringen. Jetzt zeigt ein Report der "International Renewable Energy Agency": Keine Region auf der Welt ist desinteressierter als die Arabische Halbinsel.

Aus Doha Nick Reimer

Es war einer seiner größten Träume: die Gründung einer internationalen Organisation für erneuerbare Energien. Hermann Scheer, Vordenker der grünen Energie-Revolution, hatte diesen Traum seit 1990 verfolgt. Und tatsächlich sollte er wahr werden. Am 26. Januar 2009 wurde in Bonn die "International Renewable Energy Agency" gegründet, abgekürzt IRENA.


"Dünnschicht-Photovoltaik" steht hier angeschrieben: Ein Testfeld in Katar für Solarpaneele, finanziert vom US-Ölmulti Chevron und 20 Solarfirmen. (Foto: Joachim Wille)

159 Staaten und die Europäische Union haben mittlerweile das Statut der Agentur unterschrieben, 100 Staaten haben es auch ratifiziert - also in nationales Recht umgesetzt. Hermann Scheer war ein bisschen sauer, dass nicht er zum IRENA-Chef gekürt wurde. Aber das Ziel, die Förderung der regenerativen Energie-Revolution, ließe sich am besten umsetzen, wenn die Agentur in der arabischen Welt ihren Sitz nimmt, lautete damals das Vergabeargument. Scheer aber seine Ämter in Deutschland nicht aufgeben. So wurde Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Sitz der Agentur und die Französin Hélène Pelosse ihre Chefin.

Hermann Scheer ist seit Oktober 2010 tot. Und könnte er wissen, was aus seinem Traum geworden ist, würde ihn das vermutlich die Grabesruhe kosten. Nach zähen Streitigkeiten um die Finanzen hatte Pelosse acht Tage nach Scheers Tod das Handtuch geworfen. Die Mitgliedstaaten hatten nicht einmal die Hälfte der zugesagten 13 Millionen US-Dollar zum Aufbau der Agentur eingezahlt. Ohne Geld keine Infrastruktur und ohne Infrastruktur keine erfolgreiche Arbeit. Pelosse zug die Konsequenzen.

Pelosses Nachfolger ist Adnan Z. Amin aus Kenia. Doch ausgerechnet seine Agentur, die IRENA, hat nun auf der Klimakonferenz in Katar eine Bestandsaufnahme vorgelegt, die zeigt, dass auch die Idee der Sitzvergabe längst gestorben ist. Das Interesse der arabischen Welt an erneuerbaren Energien liegt nahe Null. Zum Beispiel in dem Land, in dem die IRENA angesiedelt ist, in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Von den dort installierten 23.200 Megawatt Kraftwerksleistung sind gerade einmal zehn Megawatt erneuerbar.

Zwar bescheinigt die Agentur dem Land ein hohes Potenzial für Solarkraft und ein mittleres für die Stromerzeugung aus Wind und aus Biomasse. Die Emirate wollen aber in den nächsten 18 Jahren gerade einmal fünf Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen decken – so das offizielle Ausbauziel. Zum Vergleich: In Deutschland stieg die erneuerbare Kapazität binnen zehn Jahren um 20 Prozentpunkte.

Nur zehn Megawatt auf der ganzen Arabischen Halbinsel

Noch trüber sieht es in Katar, dem Gastgeberland der diesjährigen Weltklimakonferenz, aus. Von den 3.900 Megawatt Kraftwerkskapazität sind null Prozent erneuerbar. Zwar sieht IRENA auch in Katar große Potenziale für Sonnenenergie. Mit rund 360 Sonnentagen im Jahr und täglich durchschnittlich neun Sonnenstunden ist das Land geradezu prädestiniert für die Gewinnung von Solarstrom. Die Sonneneinstrahlung bringt mehr als doppelt so viel Energie wie in Mitteleuropa. Dennoch lagen der Agentur bis Mitte November keine katarischen Pläne für den Bau von Sonnenkraftwerken vor.

Auch in Bahrein: null Prozent – ebenso wie in Kuweit, dem Jemen, Saudi-Arabien oder dem Oman. Warum soll man auch hier, wo das Öl wohl noch viele Jahre reichlich sprudelt, in Erneuerbare investieren? In Katar kostet das Benzin derzeit umgerechnet 22 Cent, nicht weil der Staat den Treibstoff subventioniert, sondern weil der Rohstoff im Überfluss vorhanden ist.  

Ein bisschen anders sieht es nach der IRENA-Studie auf der anderen Seite des Arabischen Golfs aus. Im Iran sind 14 Prozent der Kraftwerkskapazitäten regenerativ, im Irak sind es sogar 27 Prozent. Hier liefern vor allem Wasserkraftwerke einen großen Anteil am Strombedarf. Insgesamt decken die Regenerativ-Kraftwerke 7,1 Prozent des Strombedarfes in Irak, im Iran sind es 3,4 Prozent.


Wasserkraft am Euphrat: Der Haditha-Staudamm beherbergt Iraks zweitgrößtes Wasserkraftwerk. (Foto: U.S. Army Corps of Engineers)

Allein am Fluss Karun sind im Iran vier Talsperren in Betrieb oder im Bau, am Fluss Bachtiari soll mit einer Staumauer von 315 Metern Höhe die größte Talsperre der Welt gebaut werden. Mit einer geplanten Generatorkapazität von 1.500 Megawatt, groß genug, um jährlich 200.000 Haushalte zu versorgen. Im Irak gibt es im Osten Anatoliens zahlreiche Staudämme, an denen Strom aus Wasserkraft gewonnen wird. Der Mosul-Staudamm am Tigris hat eine Leistung von 750 Megawatt, der Haditha-Damm treibt am Euphrat Turbinen mit 660 Megawatt Leistung an.

Im Nahen Osten wird für die Erneuerbaren nicht so viel getan wie in Iran und Irak, aber immer noch mehr als auf der Arabischen Halbinsel. Staaten wie Syrien, Libanon, Jordanien stehen in den Startlöchern. Jordanien will bis 2015 sieben Prozent seines Primärenergie-Verbrauchs erneuerbar decken, bisher sind es 1,8 Prozent. Die Agentur listet eine ganze Reihe von Projekten auf: 100 Megawatt Solarkapazität bis Ende nächsten Jahres, 100 Megawatt Windkraft bis 2014 oder fünf solarthermische Kraftwerke mit einer Kapazität von 150 Megawatt.

Der Krieg in Syrien stoppt die Windkraft

Der Libanon deckt sogar bereits 4,5 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen, zwölf Prozent sollen es bis 2020 werden, so der Regierungsplan. Syrien kann vor allem dank der Wasserkraft 4,3 Prozent seines Stroms kohlendioxid-frei produzieren. Außerdem hatte die Regierung den Bau von vier Windkraftprojekten mit einer Leistung von 340 Megawatt angekündigt – ein Projekt, das in der derzeitigen politischen Lage Syriens allerdings wohl noch lange auf seine Realisierung warten muss. 

Angekündigt hat auf der Klimakonferenz nun auch Katar eine "solare Revolution". Fahad Al-Attiyah, Chef des katarischen Organisationskomitees: "Wir werden ab 2014 ein Solarkraftwerk mit 800 Megawatt Leistung bauen." Dafür gibt es bereits ein Testfeld im "Science & Technology Park" in Doha. Solarpaneele sind in diesen Breitengraden ganz anderen Widrigkeiten ausgesetzt als etwa in Europa. Die hohe Luftfeuchtigkeit setzt den Zellen zu, ständige Sandstürme bringen Verschmutzung mit sich, der Wasseraufwand für den Reinigungsprozess ist enorm.

Und natürlich will Katar nicht einfach "Aufstellland" für Solarzellen aus China, den USA oder Europa werden. Eine Milliarde Dollar ist eingeplant, um selbst zum Zellenproduzenten aufzusteigen. "Wir wollen selbst zu Experten werden und unsere eigenen Kapazitäten aufbauen, finanziell und technologisch", zitiert Die Zeit Tidu Mani, Chef des Qatar Science & Technology Park.


Reinigungsprozedur: Im Qatar Science & Technology Park geht der Kampf gegen Wüstenstaub und Sand noch ganz konventionell vonstatten. (Foto: Joachim Wille)

Allerdings hatte es schon in der Vergangenheit nicht an ähnlich ambitionierten Ankündigungen gefehlt. So vermeldete die Fachzeitschrift Photon beispielsweise Ende 2009 "ernsthafte Gespräche mit ausländischen Investoren", die Katar für ein Sonnenkraftwerk führe. Doch aus den erhofften Investitionen im Wüstensand wurde nichts, stattdessen versandeten die Gespräche.

In ihrer Analyse nennt die IRENA die Gründe, warum dies so ist. Jene Länder, die Interesse an Erneuerbaren haben oder sogar schon eine regenerative Kraftwerksstruktur besitzen, liegen im Pro-Kopf-Einkommen genauso unter dem arabischen Durchschnitt wie beim Verbrauch von Energie. Die Staaten hingegen, die sich einen feuchten Kehricht um Solar, Biomasse, Wind und Co. scheren, verdienen pro Kopf zehnmal mehr als im arabischen Durchschnitt. Noch.


Alle Beiträge zur COP18 in Katar finden Sie in unserem Doha-Dossier

[Erklärung]  
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