Medien-Echo: kritisch, böse, gar nicht

National wie international kommentieren die Medien den Weltklimakipfel in Doha von skeptisch bis hämisch, entnervt bis empört – und ein einziges Mal ein bisschen positiv. Jedenfalls sind die Interpretationen der Medien eindeutig, wohl auch und gerade weil manche den Klimagipfel gar nicht kommentarwürdig finden.

Zusammengestellt von klimaretter.info

Die französische Zeitung Le Monde beklagt die Erstarrung der Weltklimakonferenzen und meint: "Und das können weder der Druck der Wissenschaftler ändern, die vor den Gefahren des Klimawandels warnen, noch zunehmende Trockenzeiten, Hitzeperioden, Überschwemmungen oder drängende Appelle notleidender Länder. Erneuerbare Energien erfordern weiterhin hohe Investitionen, während Kohle und Gas noch preiswert sind. Tatsächlich kann die Solarenergie nicht nur zu mehr Zusammenarbeit führen, sondern auch zu einem Handelskrieg zwischen Europa, den USA und China. Kein Land will die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft durch ehrgeizigere Ziele bei der Verringerung von Treibhausgasen gefährden."


Größer oder kleiner zwei Grad? Eigentlich war es das feste Ziel der Weltklimakonferenz, unter zwei Grad Erderwärmung zu bleiben, doch die katarischen Gastgeber hatten sich mit diesem Plakat vertan – oder sie waren prophetisch. Das ZIel wird kaum zu halten sein, meinen auch die Kommentatoren. (Foto: Reimer)

Die Frankfurter Rundschau kritisiert die Rolle der Europäischen Union: "Im vorigen Jahr in Durban hatte eine Allianz aus EU und den besonders vom Klimawandel betroffenen Entwicklungsländern ein Zeichen gesetzt. Doch diesmal fiel die Allianz auseinander. Schuld war die EU, die, gebeutelt von Euro-Krise und politischer Willensschwäche, die Vorreiter-Position aufgab. Vor allem die Weigerung, die Reduktion von CO2 für 2020 von 20 auf 30 Prozent anzuheben, signalisierte dem Rest der Welt: Die Europäer halten den Klimaschutz inzwischen für nebensächlich. Sie haben die 20er-Marke schon fast erreicht; sich im 20-Prozent-Turm einzumauern, kommt einem von oben verordneten Stillstand des Klimaschutzes gleich."

Die führende englischsprachige Tageszeitung für die Region Arab News enthält sich einer eigenen Meinung und stellt lediglich Einschätzungen der Nachrichtenagentur AFP auf ihre Website. Die Gulf Times aus dem Gastgeberland Katar tut nämliches mit einem Bericht der Agentur Reuters.

Die Badischen Neuesten Nachrichten sehen ein Komplettversagen – nicht nur der EU: "In der zweiten Hälfte der Verlängerung wurde ein Minimalkonsens beschlossen, der für die Umwelt wenig bringt, den Konferenzzirkus aber am Laufen hält. Nächstes Jahr im Dezember geht es in Polen weiter. Das Zwei-Prozent-Ziel ist zwar offiziell nicht aufgegeben worden, ist aber nicht mehr erreichbar. Die Konferenz in Doha war ein Meilenstein beim Versagen der internationalen Klimapolitik."

Die New York Times gibt den vielleicht ultimativen Kommentar ab, indem sie gar keinen Kommentar abgibt. Zwei Tage vor Konferenzende hatte sie auf ihrer Meinungsseite einen Text, vielfach verlinkt zu musikalischen Gassenhauern, unter dem Titel: "From Rio to Doha, 'They Just Talk, Talk, Talk, Talk, Talk'"


Gemischte Gefühle im Gesicht, ziemlich eindeutige Kommentare in den Zeitungen für den Auftritt von Bundesumweltminister Peter Altmaier in Doha. (Foto: Reimer)

Die Allgemeine Zeitung aus Mainz sieht heiße Luft auch beim bundesdeutschen Umweltminister: "Im Emirat wurde nicht nur um heiße Luft gerungen, es wurde auch viel heiße Luft produziert. Herausgekommen ist ein Kompromisschen, das den Klimaschutz nicht voranbringen wird, auch wenn Umweltminister Altmaier noch versucht, es schön zu reden.

Die englischsprachige Egypt Daily News ist innenpolitisch sehr beschäftigt und widmet dem Klimagipfel keinen Kommentar, meldet jedoch den Tsunami in Japan und den Taifun auf den Philippinen und übernimmt einen CNN-Beitrag über die Folgen des Klimawandels für die Inselstaaten – "Rising sea level puts island nations like Nauru at risk".

Die Süddeutsche Zeitung sieht den Zynismus der Alten Welt am Werk: "Wenn die Industriestaaten demnächst den Preis ihres Versagens im Klimaschutz berechnen wollen, dann müssen sie nur in den eigenen Beschlüssen nachschauen. In Doha haben sie erstmals den Entwicklungsländern einen Ausgleich für jene Schäden zugestanden, die dort durch den Klimawandel eintreten werden: durch Dürren, Überflutungen, verlorenes Land. 'Loss and damage' heißt das lapidar im Verhandlungsenglisch, da werden Verlust und Schaden beziffert. So enthüllen wenige Paragrafen den ganzen Zynismus der globalen Klimadebatte. Die alte Welt kauft sich frei."

Die englischsprachige Bankgkok Post kommentiert auf ihrer Online-Meinungsseite umweltzerstörende Fischerei-Methoden und die Gefahren von Landkauf durch multinationale Konzerne und Fonds, nicht jedoch die Ergebnisse der Weltklimakonferenz in Doha.


Für klimaretter.info berichteten und kommentierten aus Doha, von links nach rechts: Joachim Wille, Nick Reimer, Angelina Davydova, Christian Mihatsch. (Foto: Olga Dobrovidova)

Das Westfalen-Blatt aus Bielefeld meint: "Peter Altmaier sieht das Ergebnis von Doha als Meilenstein im Hinblick auf einen wirksamen Klimaschutz. Das ist seine ganz persönliche Ansicht. Denn eigentlich lügt sich der Bundesumweltminister selbst etwas in die Tasche. Im Protokoll steht zwar ein Ergebnis – das Wort Scheitern wäre ehrlicher gewesen. Dann wäre jedem bewusst, dass wieder einmal nur wenig erreicht wurde. Mit der Verlängerung des Kyoto-Protokolls werden Ziele festgeschrieben, die weitgehend erreicht sind. Vage Finanzzusagen für vom Klimawandel besonders betroffene Länder und ein Arbeitsplan für den ab 2020 geplanten Weltklimavertrag sind angeblich abgesegnet, geklärt ist damit nichts."

Die schwedische Zeitung Göteborgs Posten übt sich im Realismus: "Es ergibt wenig Sinn zu beklagen, was in Doha alles nicht erreicht wurde. Immerhin geht der Prozess weiter, und das Kyoto-Protokoll wurde erst einmal bis 2020 verlängert. Dieses umfasst nur einen Teil der Länder und der weltweiten Emissionen, aber es ist das einzige verpflichtende Abkommen, das es bislang gibt. Vor allem die wachsende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen erschwert derzeit die nun bevorstehenden Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen. Und damit dieser Prozess wirklich Erfolg hat, müssen noch mehr Länder begreifen, dass eine Reduzierung der CO2-Emissionen auch eine Maßnahme zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise ist."

 


Der Präsident des Klimagipfels, Abdullah Al-Attiyah, mit einer interpretationsfähigen Geste. (Foto: iisd)

Nur die Saarbrücker Zeitung sieht etwas Positives: "Fakt ist: Es geht voran bei der Rettung der Welt. In Mini-Mini-Schritten zwar, aber die Richtung stimmt. Am Schneckentempo wird sich erstmal nichts ändern. Denn Mutter Erde muss es noch deutlich schlechter gehen, bis die Menschen anfangen, sich ernsthaft um Heilung zu bemühen – bis Klimaschutz endlich zur Chefsache wird."

Die Berliner Zeitung hat da viel weniger Hoffnung: "Schön, dass wir geredet haben. Es war wie die Selbsttäuschung des Alkoholikers, der sagt: Nächste Woche höre ich auf. Und dann immer wieder die nächste Woche meint."

Alle Beiträge zur COP18 in Katar finden Sie in unserem Doha-Dossier. Nun auch mit Meinungen und Analysen in der Rubrik "Was Doha wert ist"

 
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