Drei Jahre für ein Momentum

DER KOMMENTAR:

Christian Mihatsch, Korrespondent von klimaretter.info, über die Perspektiven nach Doha:

Einer der Abschnitte im Klimadeal von Doha heißt "Gemeinsame Vision". Eigentlich sollte hier stehen, wann die globalen Emissionen ihren Höhepunkt erreichen. Aus Sicht der Klimawissenschaften müssen die Emissionen ab 2015 sinken, wenn das Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden soll. Doch die Länder wollten das einmal mehr nicht so genau wissen. Gleichzeitig haben sie nun mit der Arbeit an einem neuen Weltklimavertrag begonnen, der allen Staaten verbindliche Emissionsziele vorgibt. Dieser Vertrag soll im Jahr 2015 fertig sein. In Kraft tritt er dann aber erst fünf Jahre später. Kurz, es kommt darauf an, dass die Länder, alle Länder, von sich aus mehr machen.

Doch dafür fehlt derzeit das Momentum. Wegen des Misserfolgs bei der Klimakonferenz in Kopenhagen und der weltweiten Wirtschafts- und Fiskalkrise ist der Klimawandel nur noch ein Thema unter vielen. Selbst in der deutschen Regierung fehlt zum Teil das Verständnis für die Dringlichkeit der Klimakrise. Und auch die EU konnte wegen Polen ihr Emissionsziel für 2020 nicht von minus 20 auf minus 30 Prozent im Vergleich zu 1990 anheben, obwohl sie bereits jetzt bei minus 18 Prozent liegt. Dass sich eine Erwärmung von mehr als zwei Grad für Tausende von Jahren nicht rückgängig machen lässt, geht im vierjährig getakteten Politikbetrieb unter.

Neuen Schwung kann hier der nächste IPCC-Bericht bringen. In den kommenden beiden Jahren wird das Wissenschaftlergremium seinen fünften Klimabericht vorstellen.

Entscheidend ist aber, dass sich wieder die Staatschefs mit der Materie befassen, denn Klimapolitik ist zugleich Energie-, Wirtschafts- und – gemäß Pentagon und CIA – auch Sicherheitspolitik. Zumindest für die USA und China geht es zudem um Geostrategie. Diese Fragen lassen sich aber von den Umweltministern dieser Welt nicht allein beantworten. Aus diesem Grund hat UN-Chef Ban Ki-moon in Doha angekündigt, im Jahr 2014 die wichtigsten Regierungschefs der Welt zu einem Klimagipfel einzuberufen.

Bei dieser Gelegenheit müssen sich die "Führer der Welt" ehrlich machen. So übertrifft der Anteil der Entwicklungsländer an den Emissionen bald den Anteil der Industriestaaten. Aber auch die Pro-Kopf-Emissionen spielen eine Rolle. Die USA müssen einsehen, dass ihre 17 Tonnen pro Kopf sie zu einer besonders schnellen Emissionsreduktion zwingen. Aber auch China darf sich nicht länger verstecken. Ein Durchschnitts-Chinese emittiert fast so viel CO2 wie ein Europäer, außerdem steigen die Emissionen in China weiter an.

Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass ein guter Teil dieser Emissionen anschließend exportiert wird, nicht zuletzt nach Europa und in die USA. Und ehrlich muss man auch gegenüber den Energieexporteuren und den Betreibern von Kohlekraftwerken sein. Das meiste Öl darf nie gefördert und Kohlekraftwerke sollten noch vor Atomkraftwerken abgeschaltet werden.

Und schließlich kommen auch die Wähler und Konsumenten nicht ungeschoren davon: CO2-intensiver Konsum wird teurer.


Nachdenken genügt nicht, aber manche tun nicht einmal das: Doha, 2012. (Foto: Reimer)

Die Klimakrise hat ein Stadium erreicht, wo schnell und entschlossen gehandelt werden muss. Manche Experten fordern eine Mobilmachung aller Kräfte wie im Krieg. Die Klimaverhandlungen dienen dabei nur dazu, die Maßnahmen der einzelnen Länder international zu koordinieren. Wirklich beschleunigen können sie diese Maßnahmen aber nicht. Bis die "gemeinsame Vision" im Verhandlungstext der Dringlichkeit der Klimakrise entspricht, ist es zu spät. In drei Jahren muss die Trendwende geschafft sein – Zeit für die "Führer der Welt", historische Entscheidungen zu treffen.


Alle Beiträge zur COP18 in Katar finden Sie in unserem Doha-Dossier
Meinungen und Analysen in der Rubrik "
Was Doha wert ist" 

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