Deutschland steigt ab im Klimaschutz

Laut dem neuesten Klimaschutzindex von Germanwatch macht Dänemark weltweit die beste Politik gegen die Erderwärmung. Allerdings ist auch die beste Politik nicht gut genug, um dem Problem zu begegnen, weshalb die ersten drei Plätze frei bleiben. Die Bundesrepublik rutscht im Index auf Platz sechs ab, nicht zuletzt weil sich die Bundesregierung in der EU als "Dauerbremser" geriert.

Aus Doha Nick Reimer

Germanwatch lebt vor seiner Zeit: Die deutsche Umweltorganisation hat am heutigen Montag auf der Klimakonferenz in Doha den Klimaschutzindex 2013 veröffentlicht. Anders als der hellseherische Name besagt, liefert Germanwatch aber ein Länder-Ranking, das die Klimaschutz-Bemühungen von 58 Industrie- und Schwellenländern im Jahr 2012 bewertet. Sieger ist demnach in diesem Jahr: Dänemark.


Präsentierten auf der Klimakonferenz in Doha den Klimaschutz-Index: Jan Burck (l.) und Christoph Bals von Germanwatch. (Foto: Reimer)

Allerdings landen die Dänen nur auf Platz vier. "Kein von uns betrachtetes Land der Welt unternimmt genügend, um dem Problem gerecht zu werden, deshalb bleiben die ersten drei Plätze des Rankings frei", sagt Jan Burck, bei Germanwatch für die Klimapolitik verantwortlich und Mitautor des Klimaschutz-Index 2013. Bis 2007 war das noch nicht so. Damals landete Deutschland auf Platz zwei. Unter anderem eine Debatte auf klimaretter.info bewegte Germanwatch dann dazu, fortan die ersten Plätze frei zu lassen, um niemandem ein Siegerpodest für die eigene Öffentlichkeitsarbeit zu bieten.

Zum neuen Index erklärte Burck: "Dänemark hat verglichen mit anderen Ländern eine ambitionierte Klimapolitik vorgelegt." Die neue Regierung habe ehrgeizige Pläne annonciert und sich bereits an die Umsetzung gemacht. Im vergangenen Jahr – bevor Dänemarks konservativ-liberale Regierung durch eine Linkskoalition abgelöst wurde – war das Land noch acht Plätze schlechter. Die nationale Politik geht in die Bewertung des Index mit 20 Prozent ein. Zudem, so Germanwatch, habe Dänemark dank der breiten Anwendung der Kraft-Wärme-Kopplung eine gute Energieeffizienz und mit 20 Prozent einen hohen Anteil erneuerbarer Energien im Strommix. Beides geht mit je zehn Prozent in den Index ein. 

Zu je 30 Prozent schlagen die Pro-Kopf-Emissionen von CO2 und die Entwicklung dieser Emissionen zu Buche. Dänemark liegt dabei mit 8,4 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Kopf und Jahr beispielsweise deutlich vor Deutschland (10,5 Tonnen). Nicht nur das: "Auch die Entwicklung der Emissionen geht deutlich in die richtige Richtung", sagt Jan Burck. Ganz folgerichtig ist Dänemark in diesem Jahr das Maß aller Klimaschutz-Anstrengungen.

Portugal: Mit Erneuerbaren aus der Krise

Auf Platz fünf liegt unverändert Schweden, das Land ist also Zweitbester. Das ist das "Ergebnis einer guten Politik in den 90er Jahren", erklärt Burck. Dahinter folgt Portugal, das im vergangenen Jahr noch auf Rang 14 lag. "Portugal erreichte seinen Platz in erster Linie wegen der Wirtschaftskrise. Dadurch sind die Emissionen stark gesunken", sagt Burck. Allerdings lasse sich in Portugal, anders als in anderen Krisenstaaten der EU, auch eine engagierte Politik zum Ausbau der erneuerbaren Energien ausmachen. Burck: "Das unterscheidet Portugal von den anderen Krisenstaaten." Italien liegt auf Rang 21, Spanien auf Rang 27, Griechenland nur auf Platz 48.

Deutschland ist um zwei Plätze auf Platz acht zurückgefallen. "Ausschlaggebend ist die schlechte politische Performance", erläutert Burck. So habe sich die schwarz-gelbe Koalition zum Dauerbremser in Brüssel entwickelt, etwa bei den Auto-Grenzwerten oder auch der Energieeffizienz-Richtlinie. "Zudem gefährdet der Dauerstreit zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium das Fortkommen der Energiewende", erklärt Burck.

Brasilien ist binnen eines Jahres von Platz vier ganze 26 Ränge nach unten gefallen. Das zeigt aber auch die Schwächen des Indexes. Die bloße Ankündigung, ein Waldschutzgesetz beschließen zu wollen, hatte Brasilien 2011 nach oben katapultiert. Wie die angekündigte Gesetzgebung dann tatsächlich umgesetzt wurde, wissen wir heute. Das beschlossene Waldschutz-Gesetz muss eher als "Waldabholz-Gesetz" bezeichnet werden. Ergo schneidet Brasilien schlecht ab, obwohl die Ankündigung den Brasilianern im vergangenen Jahr den Spitzenplatz einbrachte. 

Weitere Schwächen offenbart der Klimaschutz-Index am Beispiel der USA. Seitdem die Vereinigten Staaten immer mehr Erdgas mit der äußerst umweltschädlichen Fracking-Technologie fördern, ist Erdgas billiger als Kohle geworden. In der Folge wurden Kohlekraftwerke stillgelegt und gegen Gaskapazitäten getauscht, ergo sanken die Kraftwerks-Emissionen. "Im Index messen wir nur die Verbrennungsseite, und Erdgas hat nun einmal einen deutlich geringeren Treibhausgas-Ausstoß zur Folge als Kohle", erklärt Burck. Das sorgt dafür, dass sich die USA im Index um neun Stellen auf Platz 43 verbessern. Allerdings ist das Fracking selbst sehr energieintensiv, weshalb die Technologie den Vorteil des Brennstoffs nahezu wieder wettmacht. "Ein Systemproblem, das der Index nicht erfassen kann", räumt Burck ein.


Vorreiter Dänemark: Auch Offshore-Windparks sind hier längst Realität. (Foto: Johanna Treblin)

Katar, der Gastgeber der Weltklimakonferenz, ist nicht im Ranking enthalten. "Einfach weil es keine validen Daten gibt", erklärt Burck. Aber er ist sich sicher: "Allein aufgrund des hohen Emissionsniveaus und wegen des kompletten Mangels an Energieeffizienz und an einer Klimaschutzpolitik würde der Gastgeber der Klimakonferenz abgeschlagen auf dem letzten Platz landen – noch hinter Saudi-Arabien." Vor dem Indexschlusslicht auf Platz 61 liegt der Iran, der seine Hauptstadt am Montag wegen Smog dichtmachen musste, dann Kasachstan, Kanada, die Türkei und auf Platz 56 Russland.


Alle Beiträge zur COP18 in Katar finden Sie in unserem Doha-Dossier

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