Schwerpunkte

G20 | E-Mobilität | Wahl

Wer die Welt in 15 Jahren koordiniert

Nächste Woche gehen die UN-Klimaverhandlungen in die nächste Runde. Der Streit um das neue Klimaregime zeigt auch, dass grenzübergreifende Probleme und Verschiebungen im globalen Machtgefüge die "global governance" vor neue Herausforderungen stellen.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Als die UNO gegründet wurde gab es noch keinen Klimawandel, und Indien war noch eine britische Kolonie. Trotzdem wurden die UN Strukturen seither nicht mehr angepasst. Dies ist nun überfällig. Auf dem Spiel steht dabei nicht weniger als die Fähigkeit der Welt globale Probleme gemeinsam zu lösen, die "Global Governance".

Sie war schon immer auch eine Bühne für Spinner und Despoten: die UNO Generalversammlung. Letzte Woche erst hat der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad wieder einmal diese Bühne genutzt, um sich als Anhänger von Verschwörungstheorien zu diskreditieren. Das tut der UN keinen Abbruch. Gefährlicher sind andere Entwicklungen, insbesondere die zunehmende Komplexität der Welt und ihrer Probleme sowie die Machtverschiebung von den westlichen Staaten zu den großen Schwellenländern in Asien und Lateinamerika.

Notlösung mit Mangel an Legitimität

Die Frage ist, ob und wie die bestehenden Institutionen zur Koordinierung der Welt auf diese Herausforderungen vorbereitet werden können. Wie könnte die "Global Governance" Struktur im Jahr 2025 aussehen? Um diese Frage zu beantworten haben zwei der wichtigsten staatlichen Think Tanks der Welt zum ersten Mal gemeinsam eine Studie verfasst, der amerikanische National Intelligence Council (NIC) und das europäische Institute for Security Studies (EUISS).

un-generalversammlung_unphoto_cr
UN-Generalversammlung im September 2010. (Foto: UN Photo)

Gobal Governance, also das gemeinsame Management gemeinsamer Probleme auf der internationalen Ebene, hat in den letzten beiden Jahren einen herausragenden Erfolg erzielt: Die G20 haben die Kernschmelze des internationalen Finanzsystems verhindern können. Diese Leistung offenbart aber auch die Schwäche der aktuellen Global Governance Struktur. Denn die G20 sind kein offizielles Forum wie die UNO sondern ein informelles Treffen von 20 Staatschefs – eine Notlösung mit einem Mangel an Legitimität. Durch die Globalisierung sind die Abhängigkeiten zwischen den Ländern immer größer geworden, die Wechselwirkungen zwischen den Politiken der verschiedenen Länder immer komplexer. Doch die Global Governance Struktur spiegelt immer noch die Welt der 50er Jahre wieder, als die UNO nur gut 50 Mitglieder hatte, weil ein großer Teil der Welt noch kolonisiert war.

"Zentrifugale Kräfte, die die Welt auseinanderrreißen"

Doch nicht nur die Zahl der Länder hat sich vervielfacht, sondern auch die Zahl der grenzübergreifenden Probleme. Klimawandel, Nahrungsmittelsicherheit, Wasserknappheit, Rohstoff- und Energieversorgung, Seuchen, Terror, Migration und moderne Technologien stellen die Weltgemeinschaft vor neue Herausforderungen für die noch keine angemessenen Lösungen bestehen. "Was mir Sorgen macht, ist, dass die Welt immer chaotischer wird und die USA weniger handlungsfähig. Es gibt zentrifugale Kräfte, die die Nationen der Welt auseinanderreissen. Der Rohstoffmangel wird riesige Folgen für die Weltgesellschaft haben. Der Kollaps steht kurz bevor", sagt der Vertreter eines amerikanischen Think Tanks in der oben erwähnten Studie.

Aber auch altbekannte Probleme wie das Konfliktmanagement, für deren Lösung die UNO eigentlich konzipiert wurde, könnten diese überwältigen. Besondere Sorge bereitet den Studienautoren hier der Kollaps eines großen Landes wie Äthiopien, Bangladesch, Pakistan oder Nigeria. UN Blauhelme sorgen heute in 40 Ländern für Frieden und Sicherheit. Für ein Land mit mehr als 100 Millionen Einwohnern fehlen aber die Kapazitäten.

Die vom Westen konzipierte Weltordnung wird in Frage gestellt

Es sind aber nicht nur neuartige Probleme oder nie dagewesene Dimensionen, die die Anpassung des internationalen Systems erschweren. Hinzu kommen die Verschiebungen im internationalen Machtgefüge, die Herausbildung einer multipolaren Weltordnung. Europa, Japan und die USA, kurz der Westen, verlieren an Einfluss und China, Indien, Brasilien, die Türkei, Indonesien, Mexiko, Südafrika gewinnen an Macht hinzu.

Diese Länder stellen die bestehende, vom Westen konzipierte Weltordnung zum Teil grundsätzlich in Frage. Sie fühlen sich in vielen Organisationen wie der Weltbank untervertreten und legen oftmals besonderes Gewicht auf die Souveränität von Staaten. So haben in den Jahren 2009 und 2010 92 Länder in mehr als zwei Dritteln aller Abstimmungen über Menschenrechtsfragen gegen die EU gestimmt. Vor zwei Jahren waren es gerade mal 16 Staaten, die Souveränität über Menschenrechte gestellt haben.

marktmacht
Die Grafik zeigt welchen Prozentsatz der weltweiten Macht (100 Prozent) basierend auf Bruttoinlandsprodukt, Ausgaben für die Verteidigung, Bevölkerung und Technologie auf einen einzelnen Staat entfällt. Lesebeispiel: Der Machtanteil der USA geht von rund 22 Prozent im Jahr 2010 auf rund 18 Prozent im Jahr 2025 zurück, während China, Indien und Brasilien zulegen.

Die bestehenden Global Governance Strukturen sind also weder thematisch auf die neuen Herausforderungen vorbereitet, noch spiegeln sie die neuen Kräfteverhältnisse angemessen wieder. Vor diesem Hintergrund ist es unmöglich die zukünftige Entwicklung der Global Governance Strukturen vorauszusagen. Die Autoren der Studie haben daher vier Szenarien entwickelt, um die Spannbreite der möglichen Entwicklungen aufzuzeigen:

1. Durchwursteln: Das wahrscheinlichste Szenario geht davon aus, dass sich keine Krise ereignet, die die Weltordnung zum Einsturz bringt. Ähnlich wie bei der Finanzkrise gelingt es immer wieder "Notlösungen" zu entwickeln, mit denen die verschiedenen Krisen gerade noch gemeistert werden können. Die internationalen Organisationen werden aber kaum reformiert und der Westen trägt wie schon heute die Hauptlast der Global Governance. Dieses Szenario ist allerdings nicht nachhaltig, da es davon ausgeht, dass keine Krise "zu groß" wird.

2. Fragmentierung: In diesem Szenario bilden sich Blöcke, die sich gegeneinander abschotten. Asien entwickelt eine wirtschaftlich selbsttragende, regionale Ordnung und Europa wird immer introvertierter, während es mit einem sinkenden Lebensstandard kämpft. Amerika hält sich besser, nicht zuletzt dank seiner weiter wachsenden Bevölkerung. Doch die transatlantische Kooperation leidet und Amerika fühlt sich zunehmend alleingelassen im Kampf um eine liberale Weltordnung.

3. Konzert der Nationen: In diesem Szenario zwingt eine Großkatastrophe die Länder zu vermehrter Kooperation und eine tiefgreifende Reform des globalen Systems wird möglich. Die USA teilen ihre Macht zunehmend mit China und Indien und auch Europa ist bereit eine wichtigere Rolle zu spielen. Für die Autoren ist dieses Szenario weniger wahrscheinlich als die ersten beiden, dafür stellt es das bestmögliche Resultat dar.

4. Konflikt statt Kooperation: Nationalistische Bewegungen werden stärker und erschweren internationale Kooperation. Ausgelöst durch den Kampf um Rohstoffe nehmen Spannungen zwischen den USA und China oder zwischen China, Indien und Russland zu. Ausserdem besteht wegen des iranischen Atomprogramms die Gefahr eines atomaren Rüstungswettlauf im Nahen Osten. Eine Reform der internationalen Organisationen ist unmöglich wie auch das gemeinsame Management der gemeinsamen Probleme. Dieses Szenario gilt als das unwahrscheinlichste.

Die Szenarien zeigen wie groß die Herausforderungen für die Global Governance Strukturen sind. Und sie zeigen, dass ein Scheitern bei der Reform dieser Strukturen, katastrophale Folgen haben könnte. Dem Westen kommt derweil eine besondere Verantwortung bei dieser Reform zu. Denn der Westen hat das bestehende System nicht nur entwickelt sondern ist in vielen Gremien auch übervertreten und muss den neuen Mächten Platz machen. Diese Verantwortung sollte der Westen annehmen. Denn es steht mehr auf dem Spiel als eine Bühne für Spinner und Despoten.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz vom 4. bis 9. Oktober 2010 in China im Tianjin-Dossier


[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen