Kein Big Bang fürs Klima

In China beginnt heute die nächste Runde der UN-Klimaverhandlungen. Und die Welt steht vor einem Dilemma: Fortschritte sind höchstens in kleinen Schritten möglich, während die Welt zielstrebig auf eine Erwärmung um vier Grad zusteuert.

Aus Tianjin Christian Mihatsch

Seit dem Minimalkompromiss in Kopenhagen ist das öffentliche Interesse an den Klimaverhandlungen deutlich zurückgegangen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verhandlungen weitergehen. Diese Woche treffen sich die Klimadiplomaten in Tianjin in der Nähe von Peking. Dort wollen sie die nächste große Klimakonferenz vorbereiten, die im Dezember in Cancun, Mexiko, stattfinden wird.

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Vom 4. bis 9. Oktober trifft sich die Klimadiplomatie in Tianjin. (Foto: Wikipedia

Als Einstieg hat die neue Chefin der Klimaverhandlungen Christiana Figueres vor einige Tagen erklärt, was in Kopenhagen schief gelaufen ist: "Ich glaube einer der Hauptfehler, den wir alle akzeptiert haben, weil wir alle ihn akzeptiert haben, war der Glaube an die Big Bang Theorie beim Klima", sagte Figureres. "Vielleicht wurde das Universum durch einen Big Bang erschaffen. Aber es ist klar, dass dieser Planet nicht durch ein Big Bang Abkommen gerettet werden wird - nicht in Kopenhagen, nicht dieses Jahr, nicht nächstes Jahr. Es ist unvernünftig zu erwarten, dass es ein umfassendes Akommen geben wird, das alle Probleme löst und das wie ein Wunder alles ändert, was wir für hundert Jahre getan haben."

"Ein neuer Vertrag ist auf keinen Fall das einzige Mass für Erfolg" bei den Verhandlungen, sagt denn auch Halldor Thorgeirsson vom UN Klimasekretariat. Für ihn sind die Verhandlungen in Cancun ein Erfolg wenn dort sieben Ziele erreicht werden:

  1. Formalisierung der unverbindlichen Zusagen aus der Kopenhagener Übereinkunft zur Reduktion von Treibhausgasen in den verschiedenen Ländern
  2. Verabschiedung eines globalen Ziels für die Emissionssenkungen
  3. Schaffung von Anreizen um die Abholzung der Regenwälder zu stoppen
  4. Entwicklung eines Systems, um Emissionsreduktionen zu messen, zu melden und zu überprüfen
  5. Schaffung eines Rahmens, um Länder zu unterstützen, die besonders vom Klimawandel betroffen sind
  6. Gründung eines Fonds, um Emissionsreduktionen in Entwicklungsländern zu fördern
  7. Schaffung eines Registers, das die verfügbaren Mittel mit Projekten zusammenbringt, die finanzielle Unterstützung benötigen

Wenn diese Ziele erreicht werden, sind für Thorgeirsson die Verhandlungen in Cancun ein Erfolg. Dass dieser Ansatz der Klimakrise nicht gerecht wird, ist für Figueres allerdings klar: "Dieses schrittweise Vorgehen ist möglicherweise ein vernünftiger Ansatz. Trotzdem steht es in einem krassen Gegensatz zur Dringlichkeit des Themas. Das ist das Problem: Wir können nur schrittweise vorgehen, aber die Sache ist sehr, sehr dringlich, insbesondere für tiefliegende Inselstaaten", beschreibt Figueres das Dilemma bei den Klimaverhandlungen. Und um die Zukunft dieser Staaten, etwa der Malediven, ist es tatsächlich schlecht bestellt: Die Kopenhagener Zusagen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen führen zu einer Erwärmung von vier Grad, wie climateinteractive.org ausgerechnet hat. Dabei gelten zwei Grad als oberste Grenze um katastrophale Auswirkungen der Klimaerwärmung zu vermeiden.

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Um das Dilemma zwischen dem politisch machbaren und dem physikalisch erfoderlichen dennoch zu schliessen, setzt Figueres auf eine Änderung der "Psychodynamik" der Verhandlungen: "Die Psychodynamik fokussiert derzeit auf die Kosten. Wer bezahlt wem was? Das ist eine wichtige Frage. Aber wir sollten uns auch darauf konzentrieren, was die Chancen sind. Dieser Teil fehlt bislang."

Die kommende Woche in Tianjin wird erste Hinweise geben, ob es Figueres gelingt die Chancen eines klimafreundlicheren Wirtschaftens in die Verhandlungen einzubringen. Den Inselstaaten wäre es zu wünschen.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz vom 4. bis 9. Oktober 2010 in China im Tianjin-Dossier

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