"Wettrennen alter Karren"

  aus Bonn SARAH MESSINA

Auf ein positives Signal der EU-Wirtschafts- und Finanzminister hatten nicht nur Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gehofft. Das Treffen in Luxemburg ging am vergangenen Dienstag jedoch erneut ohne wirklichen Fortschritt zuende. Im Gegenteil: „Die EU hat ihren eigenen Beratern eine Absage erteilt", sagt Joris de Blanken von Greenpeace. Ein Absatz, der die von EU-Experten berechnete nötige Summe zur Unterstützung der Entwicklungsländer von mindestens 100 Milliarden Euro befürwortet, wurde offenbar gestrichen. „Was offiziell als erfolgreiches Treffen verkauft wird, bleibt im Ergebnis wenig konkret", so de Blanken. Die EU setze weiter auf die Strategie: Verschieben.

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„Diesen Luxus können wir uns nicht leisten", sagt Augustine Njamski von Oxfam. Während in Bonn in gemächlichem Tempo äußerst zivilisiert, organisiert und höflich „verhandelt" würde, kämpfe Afrika bereits mit den Folgen des Klimawandels. „Wir sind mittlerweile nicht mehr sehr optimistisch", sagt Njamsk, „appellieren aber an die reichen Länder: Ihr müsst die Führungsrolle übernehmen!" Ohne konkrete Zusagen werden sich auch Schwellenländer wie China nicht zu eigenen Verpflichtungen bereit erklären. Die Finanzierung kristallisiere sich mehr und mehr als wesentliches Schlüsselelement für den Erfolg von Kopenhagen heraus. 

"Vor dem Ende des Klimagipfels in Bonn gibt es noch einige Lücken zu füllen", sagt auch Angela Anderson vom Climate Action Network USA. Der Klimazug auf dem Weg nach Kopenhagen steckt fest - und hängt an Zahlen. Neben der Finanzierungshife für Entwicklungsländer haben sich die Industrienationen auch nach wie vor nicht auf ein Reduktionsziel bis 2020 geeinigt. Sechs Monate vor der entscheidenden Konferenz im Dezember liegen etwa von Russland noch nicht einmal erste Zahlen auf dem Tisch.

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"Wie ein Wettrennen alter Karren", nennt Anderson das. Wann und ob jemand das Ziel erreicht, sei äußerst unklar. Und auch, ob alle im Rennen bleiben. Derzeit arbeiten sich die Arbeitsgruppen offenbar ein 200-Seiten starkes Verhandlungsdokument zusammen. Damit dieser Brocken nicht auch noch die Klimakonferenz in Bangkok lahmlegt, sondern in ein handlicheres Dokument überführt werden kann, müsse auch neben den offziellen Verhandlungen verstärkt an Streitpunkten gearbeitet werden: Im Rahmen des von US-Präsident Barack Obama wiederaufgenommenen Forum der Major Economies (MEF) oder dem kommenden G8-Gipfel.

Yvo de Boer, Chef des UN-Klimasekretariats, hält dabei auch den Ansatz des "Vieraugen-Gesprächs" für hilfreich, um mehr Klarheit über die Streitpunkte auf dem Weg nach Kopenhagen zu erlangen. Am Wochenende stattete etwa US-Chefklimaunterhändler Todd Stern der Regierung in Peking einen Besuch ab. Von den Ergebnissen des Treffens der beiden weltgrößten Treibhausgasemittenten drang jenseits von Beteuerungen zur Unterstützung des Verhandlungsprozesses für ein internationales Klimaabkommen jedoch kaum etwas nach außen. 

De Boers Ruf nach "Klarheit" zieht sich jedenfalls schon seit Monaten durch den Verhandlungsprozess. Eine Nuance ist in Bonn jedoch dazu gekommen: Über die Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung, so de Boer am Mittwoch, müsse "absolute Klarheit" herrschen. In der Sprache der Klimadiplomatie heißt das offenbar: Es brennt. 

FOTOS: MESSINA

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