Weltklima: Schlafende Delegierte

Vor allem die von Klimaveränderungen bedrohten Staaten sind bei den Klimakonferenzen im Nachteil, weil sie nicht genügend Vertreter entsenden können. Die wenigen Delegierten sind oft überlastet - und sprechen nicht genug Englisch. Anders als bei anderen UN-Konferenzen wird kaum übersetzt.  

Aus Bonn Martin Reeh

Die auf der Bonner Klimakonferenz vorgestellte Studie beginnt mit Entschuldigungen und Klarstellungen: In der ersten Auflage (hier noch online), schreiben die Autoren, habe ein Foto von schlafenden Delegierten auf einem Klimagipfel auf dem Titel geprangt. "Seitdem haben wir verstehen müssen, dass dies eine Beleidigung für die betroffenen Nationen dargestellt  haben könnte und es deshalb entfernt." Die Studie solle konstruktiv sein; auch die Rolle des UN-Klimarahmenkonventions-Sekretariats wolle man nicht kritisieren und auch nicht die Kompetenz der Delegierten aus Entwicklungsländern in Frage stellen.


Überlastet: Delegierte in Cancún.

"Levelling the Playing Field" heißt die Studie mehrerer Nichtregierungsorganisationen, darunter 350.org und Youth Climate, und sie untersucht das Ungleichgewicht bei den Klimaverhandlungen: Gerade die am unterentwickelsten und daher oft am meisten von Klimaveränderungen betroffenen Länder haben weniger Delegierte und weniger Ressourcen, um sich an den Verhandlungen zu beteiligen. Der kleine Pazifikinselstaat Vanuatu, gerade vom Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen auf Platz 1 beim Risiko für Naturkatastrophen gesetzt, hatte auf dem Klimagipfel von Cancún nur zwei Delegierte, Deutschland dagegen 80, die USA 155.

Ein Problem ist dies vor allem angesichts der zahlreichen parallel stattfindenden Arbeitskreise und stundenlangen Sitzungen, die mit so wenig Personal nicht ausreichend besetzt werden können - selbst bei den etwas umfangreicheren Delegationen nur mit Schlafmangel. Ein reines Nord-Süd-Ungleichgewicht ist dies allerdings nicht: Brasilien stellte mit 591 Delegierten das umfangreichste Kontingent in Cancún, Südafrika mit 199 das zweitgrößte.


Where is my mind? Zuviel Englisch für frankophone Delegierte bei Klimakonferenzen, wie hier in Cancún.

Hinzu kommt für viele Delegierte ein Sprachproblem. Die meisten Sitzungen finden nur auf Englisch statt und werden nicht in alle sechs UN-Sprachen (neben Englisch auch Französisch, Spanisch, Russisch, Arabisch und Chinesisch) übersetzt. Gleiches gilt für die Dokumente. Die Studie zitiert einen anonymen Delegierten zur Situation der afrikanischen Abgesandten: "Einige afrikanische Delegierte verstehen nur 60 Prozent von dem, was gesagt wird, und sind nicht in der Lage, ihre Ideen auf Englisch auszudrücken." Vor allem für die Abgesandten aus den frankophonen Staaten ist dies ein Problem: "Meine erste Sprache ist Französisch und ich habe niemals an einer UN-Sitzung teilgenommen, an der das Englische so privilegiert war wie hier", so Paul Abiziou Tchinguilou aus Togo. Dies sei vor allem bei juristischen Feinheiten ein Problem: "Das Wort ,should´ etwa hat in der Juristensprache eine spezielle Bedeutung, die nicht der von ,shall´ entspricht", so Tchinguilou.

Togo hat weniger Probleme zu den großen Klimagipfeln genügend Delegierte zu entsenden, wohl aber bei der Zwischenkonferenzen wie jetzt der gerade in Bonn zu Ende gegangenen. Obwohl dort die Tagesordnungen und wesentliche Inhalte der Gipfel festgezurrt werden, schickt das westafrikanische Land regelmäßig nur zwei Vertreter hin.

Zur Abhilfe schlagen die Studienautoren zwei zentrale Maßnahmen vor: die Simultanübersetzungen in alle UN-Sprachen sowie einen Fund, um die Teilnahme von mehr Delegierten aus kleinen oder ärmeren Staaten zu ermöglichen. Eine Begrenzung von Delegierten aus einzelnen Staaten befürworten sie nicht ausdrücklich, stellen sie aber zur Diskussion.

[Erklärung]  
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