Yvo De Boer: Das Kyoto-Protokoll ist tot

Der langjährige Leiter der UN-Klimasekretariats UNFCCC sieht das Ende einer Ära: Statt über Reduktionsverpflichtungen sollte lieber eine Art "Klima-WTO" geschaffen werden.

Aus Bonn Martin Reeh und aus Berlin Nick Reimer

"Raumschiff Bonn" wurde die frühere Bundeshauptstadt gerne verächtlich genannt, als der Bundestag noch hier tagte: ein Ort fernab der Realitäten der Republik. Das Raumschiff scheint wieder gelandet zu sein, ein wenig südlich des früheren Parlamentsviertels, im Hotel Maritim an der Godesberger Allee. Unten rattert die Straßenbahn unter dem Hotel durch, oben tagt derzeit die Klimakonferenz. Rechts durch den Sicherheitscheck durch, Tagungsräume auf zwei Stockwerken, Routine: Selbst die Bulletins der Nichtregierungsorganisationen lesen sich wie unverständliche Kommuniques einer Bürokratie, die sich längst selbst genügt; die Untergruppen der Tagung tragen so hübsche Abkürzungen wie SBSTA (Subsidiary Body for Schientific and Technological Advice) oder AWG-LCA (Ad-hoc Working Group on Long-term Cooperative Action). Zwischendurch trifft sich alles um den Springbrunnen auf der Terasse des Hotels, der Blick zur Straße davor ist durch Sichtblenden versperrt.


Ex-Klimachef Yvo de Boer zweifelt an positivem Ausgang der Verhandlungen. (Fotos: UNFCCC)

Jetzt hat einer die Sitzungsroutine gestört: "Wir müssen sehen, dass das Kyoto-Protokoll tot ist", sagte der langjährige Leiter der UN-Klimasekretariats UNFCCC, Yvo de Boer, gegenüber der tageszeitung. Es gebe "keinen politischen Willen, Kyoto mit Leben zu füllen". "Ein Klimaabkommen, das die USA, Russland, Japan und Kanada nicht bindet, ergibt keinen Sinn." Die verbleibenden Länder machten weniger als 20 Prozent der globalen Emissionen aus. "Als wir Kyoto ratifiziert haben, waren das 55 Prozent. Wir müssen den Leuten endlich sagen, dass das nicht so funktioniert, wie es geplant war", erklärte Yvo de Boer.

Dass de Boer Recht haben könnte, lässt sich derzeit in Bonn betrachten: Wieder sind mehr als 3.500 Diplomaten aus mehr als 190 Ländern an den Sitz des UN-Klimasekretariats gereist, um das Kyoto-Protokoll noch irgendwie zu retten. Die 34. Zusammenkunft der diplomatischen Arbeitsebene in Bonn hatte in der vergangenen Woche so angefangen, wie die 33. davor in Bangkok aufgehört hatte: Mit Streit um die Tagesordnung. Diesmal dauerte er fast vier Tage.


Die aktuelle Klimachefin ist Christiana Figueres.

Zwei Tage vor Abschluss der diesjährigen UN-Frühjahrstagung glaubt deshalb niemand auf dem Verhandlungsparkett im Maritim-Hotel an substanzielle Fortschritte. Klar ist nicht einmal, ob es vor der Klimakonferenz in Durban noch ein Arbeitstreffen geben soll: Kein Staat hat sich bislang angeboten, die Kosten zu übernehmen. Dem Vernehmen nach kosten solche Arbeitstreffen etwa fünf Millionen Euro.

"Der Geist des Kyoto-Protokolls ist verschwunden. Der Körper wird zwar noch künstlich am Leben erhalten, und vielleicht werden einige der Organe verpflanzt", sagte de Boer gegenüber der taz, der vier Jahre lang diese Verhandlungen geleitet hatte, bevor er im vergangenen Jahr zurücktrat. Jetzt ist er Berater des Wirtschaftsberatungsunternehmens KPMG.

Als Alternative zu Kyoto schlägt der ehemalige UN-Spitzenbeamte eine "Art Klima-WTO" vor, wo Klima-Vorreiter ihre Emissionen begrenzen und dafür wirtschaftliche Vorteile erhalten. "Die Märkte sollten eine viel wichtigere Rolle spielen", sagte de Boer, der heute für die Unternehmensberatungsfirma KPMG arbeitet.

 

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