"Wir verteidigen unsere Mutter"

 

 

Bei den Klimaverhandlungen in Bonn haben die Delegierten Bolivien eine Blockadehaltung vorgeworfen. Die Vertreter des südamerikanischen Landes hatten sich nicht auf die Tagesordnung einlassen wollen - sondern auch über das "Recht der Mutter Erde" diskutieren.

klimaretter.info sprach mit Indigenen-Vertreter Rafael Arcángel Quispe Flores darüber, was ein solches Recht bedeutet und wie es angewendet werden kann. 

 

 

klimaretter.info: Die Regierung von Bolivien, aber auch die Vertreter der bolivianischen Indigenen, fordern ein "Recht der Mutter Erde". Was ist darunter zu verstehen?

Rafael Arcángel Quispe Flores: Für uns Indigene ist die Erde viel mehr als nur ein bisschen Wald, der uns als Kohlendioxidsenke dient. Die Erde bedeutet für uns Artenvielfalt, Spiritualität, Leben und bewohnbares Territorium. Die UN-Deklaration der Rechte indigener Völker gewährt uns das Recht, unsere Umwelt und deren Ressourcen zu bewahren.

Im vergangenen Jahr hat Bolivien die Rechte der Mutter Erde in die Verfassung aufgenommen.

Ja, in unsere Verfassung und in ein Gesetz, das kurz vor der Verabschiedung steht. Auch im Indigenen-Zusammenschluss CONAMAQ in Bolivien arbeiten wir daran. Das Ganze ist ein längerer Prozess, jetzt sind wir gerade dabei, ein Sekretariat für das Recht der Mutter Erde einzurichten.

Und nun wollen Sie dieses Recht auch bei den internationalen Klimaverhandlungen diskutieren.

Bisher wird es nur in einem der technischeren Verhandlungsstränge behandelt. Wir wollen – also Bolivien will –, dass dieses Recht Teil des Kyoto-Protokolls wird, also langfristig verankert wird. Aber die anderen Staaten haben dagegengestimmt. Auch sonst passiert in Richtung einer zweiten Verhandlungsperiode zur Zeit gar nichts. Wir fürchten, dass die kapitalistischen Staaten ihre Verpflichtungen zur Emissionsreduktion nicht erfüllen. Wir fürchten, dass es in dieser Hinsicht hier in Bonn keine Fortschritte geben wird.

Das soll aber nicht heißen, dass die vergangene Woche eine verlorene war, nur weil so lange über die Agenda gestritten wurde.


Indigene in Bolivien fordern ein "Recht der Mutter Erde". (Foto: J. Treblin)

Wie ist die Idee eines Rechts der Mutter Erde zu verstehen?

Für uns ist die Erde ein Lebewesen. Und als solches hat sie auch Rechte. Aber nicht nur Rechte, die ihr auferlegt wurden, sondern inhärente Rechte.

Aber mal ganz praktisch: Die Erde selbst kann doch niemanden verklagen...

Wir sind ja auch Lebewesen. Wir sind die Kinder dieser Erde. Wenn deiner Mutter jemand etwas zu Leide tut, dann wirst du sie auch verteidigen, oder? Was wir also machen, ist, die Rechte unserer Mutter einklagen.

Für uns Indigene bedeutet die Forderung aber auch noch etwas anderes: Sie für uns ein Werkzeug, um andere Rechte zu erhalten. Allem voran: Mehr Autonomie für die indigenen Völker.

Interview: Johanna Treblin

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