Das Klima ist kaum noch zu retten

Heute starten in Bonn die Frühjahrstagung der Welt- Klimadiplomatie. Ein schnelles Handeln ist jetzt wichtiger denn je: Der globale Kohlendioxid-Ausstoß ist 2010 auf einen Rekordwert gestiegen. Doch die Chancen auf Erfolg schwinden scheinbar mit jedem Tag.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

Nachdem die globalen Kohlendioxid-Emissionen im Krisenjahr 2009 nur marginal gefallen sind, wuchsen sie im Jahr 2010 dafür umso stärker: um  Damit steuert die Welt auf vier Grad Erwärmung im Jahr 2100 zu und Italien wird Teil der Sahara. Die Klimaverhandlungen, die heute in Bonn beginnen, stehen damit unter keinem guten Stern.


Eingeweihte wissen: Ohne Erfolg bei den Klimaverhandlungen drohen ungeahnte Verwerfungen der Welt. (Foto: Oxfam)

Die Hoffnung, die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzen zu können, ist wohl nur noch "eine nette Utopie", sagt Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur IEA. Und er muss es wissen, denn die IEA publiziert anerkannte Schätzungen des globalen CO2-Ausstoßes. Was Birol so große Sorgen macht sind die neuesten Zahlen zu den Emissionen im Jahr 2010: Die Menschheit hat im vergangenen Jahr 30,6 Milliarden Tonnen Klimagift in die Atmosphäre gepumpt – mehr als je zuvor. Außerdem sind die Emissionen im Krisenjahr 2009 nur marginal gefallen. Die rezessionsbedingte Verschnaufpause für das Klima blieb also aus. Um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten dürfen die Emissionen bis 2020 aber nicht über 32 Milliarden Tonnen CO2 steigen. Doch dieser Wert könnte schon dieses Jahr erreicht werden. "Es wird extrem schwierig unter zwei Grad zu bleiben. Die Aussichten verfinstern sich. Das sagen die Zahlen", bedauert Fatih Birol gegenüber der britischen Zeitung The Guardian.

Ein schnelles Umsteuern ist zudem kaum möglich: 80 Prozent der Kraftwerke, die im Jahr 2020 laufen werden, sind schon gebaut oder im Bau. Diese machen ein Drittel der letztjährigen Emissionen aus. Hinzu kommt, dass Deutschland und die Schweiz aus der Atomenergie aussteigen und viele andere Länder ihre Neubaupläne für Atomkraftwerke überdenken. Die Deutsche Bank schätzt, dass allein wegen des deutschen Atomausstiegs bis 2020 insgesamt 370 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich ausgestoßen werden.

Und auch von den Klimaverhandlungen, die heute in Bonn wieder aufgenommen werden, ist kurzfristig keine Hilfe zu erwarten. Beim G8-Gipfel haben Kanada, Russland und Japan klargestellt, dass sie bei einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls nicht dabei sind. Und die USA haben bekräftigt, dass sie dem Abkommen nicht beitreten werden. Für Diskussionen dürften zudem die neuesten IEA-Zahlen sorgen: Diese zeigen, dass im vergangenen Jahr drei Viertel des Emissionswachstums von den Entwicklungsländern verursacht wurde. Beobachter erwarten denn auch keine klimarelevanten Fortschritte bei den Verhandlungen vor den US-Wahlen Ende 2012.

Damit liegen die weltweiten Emissionen ziemlich genau auf dem Wachstumspfad, den die Klimawissenschaftler vom IPCC als "Business As Usual" bezeichnen, also dem Wachstumspfad ohne nennenswerte Klimaschutzmaßnahmen. "Gemäß den IPCC-Berechnungen bedeutet dies, dass sich das Klima mit einer 50-prozentigen Chance um mehr als vier Grad bis 2100 erwärmt", sagt Nicolas Stern, der Autor des Stern-Reports über die Kosten des Klimawandels. Diese Erwärmung führt zu einem Anstieg des Meeresspiegels um fünf Meter. Italien, Spanien, Griechenland und die Türkei werden Teil der Sahara und in Zentraleuropa steigen die Temperaturen im Sommer auf bis zu 50 Grad Celsius.


Finaler Auftakt: In diesem Jahr muss den Klimadiplomaten - hier in Cancun - der Durchbruch gelingen. (Foto: Reimer)

"Man fragt sich, wie viele besorgniserregende Zahlen die Welt noch braucht", sagt EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard. Denn noch besteht zumindest theoretisch die Chance eine derartige Erwärmung abzuwenden: "Wenn wir kühne, entschiedene und schnelle Maßnahmen ergreifen, haben wir immer noch die Chance erfolgreich zu sein", sagt Birol. Bedauerlicherweise deuten die Erfahrungen aus den letzten 20 Jahren Klimapolitik aber nicht daraufhin, dass "kühne, entschiedene und schnelle Maßnahmen" in den nächsten zwei, drei Jahren eingeleitet werden. Schade eigentlich.

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