"Achtung, wir verfolgen Sie!"

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Aus Bangkok NICK REIMER

Ortstermin im Hotel der deutschen Delegation. Es ist 7:40 Uhr, aber trotzdem schon sehr schwül in Bangkok. Ole Seidenberg packt Laptop und Kamera aus, gleich wird er Nicole Wilke treffen, die Leiterin der deutschen Regierungsdelegation bei den Klimaverhandlungen. Seidenberg ist einer der „negotiator tracker“ aus aller Welt, die als Blogger immer in der Nähe ihrer jeweiligen Regierungsdlegationen bleiben, um jedes Wort, das in den Verhandlungen fällt, zu bewerten und zu verbreiten.

"Adopt a negotiator" ist ein Projekt der tcktcktck-Kampagne, die Kirchen, Handelsorganisationen und Umweltschützer vereint. Hunderte junger Aktivisten aus der ganzen Welt mischten am Rande der Klimakonferenz in Bangkok das Geschehen durch Aktionen und Proteste auf. Mit dabei: die "negotiator tracker", die als "Schatten" der Delegationen ihren Unterhändlern auf die Finger schauen wollen. 

Mag sein, dass Nicole Wilke das auf die Nerven geht, mag sein, dass sie mit ihrem Schatten sympatisiert – jedenfalls hat sie Seidenberg eingeladen. Um ihn kennen zu lernen. Und um ihn eine Kostprobe des harten Verhandlungsbrotes zu geben: Seidenberg darf der Strategie-Besprechung der Deutschen Delegation beiwohnen.

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"Wenig von dem, was auf den Verhandlungen passiert, dringt wirklich nach außen", sagt Seidenberg. Das sollen die zwölf "tracker" ändern:  Sie wollen einerseits die Entscheidungswege präsent machen, andererseits den Delegierten zeigen, dass der Prozess von der Öffentlichkeit verfolgt wird. "Viele Entscheidungen fallen jedoch nicht hier, sondern bereits zuhause", sagt Seidenberg. Deshalb wollen die "tracker" auch zwischen den UN-Verhandlungen die Fortschritte ihrer Regierungen in Sachen Klimapolitik verfolgen. 

Den Flug nach Bangkok bezahlt hat die tcktcktck-Kampagne. Seine "Brötchen" verdient der ausgebildete Soziologe in einer Web-Agentur, die sich auf soziale Projekte spezialisiert hat. „Diese Mischung aus sozialem Engagement und Journalismus – das ist es, was mich am Bloggen für die negotiator tracker so fasziniert.“ 

Der 26jährige Hamburger war im Frühjahr das erste mal als Blogger auf eine Klimakonferenz gefahren, „sozusagen auf eine Vorbereitungskonferenz zu dieser Vorbereitungskonferenz", im Juni in Bonn. Und natürlich wird Seidenberg auch zur nächsten Kopenhagen-Vorbereitungskonferenz fahren, die im November in Spanien stattfindet. 

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Kanada und Frankreich werden verfolgt (hier in Bonn): Von Zoe Caron und Florent Baarsh. (Fotos: Reimer, Messina)

Viel, das räumt er unumwunden ein, verstehe er nicht von diesem klimadiplomatischen Kauderwelsch. Warum es jetzt gut oder schlecht sein soll, sich für eine Aufnahme des REDD in den Emissionshandel einzusetzen – das kann ich schlecht beurteilen.“ Zum Glück gibt es ja aber genügen Lobbyisten aus Industrie oder Umweltbewegung, die man auf den Konferenzen befragen könne. Eines aber hat Seidenberg mit Sicherheit verstanden: „Das, was hier passiert, basiert nicht auf Wissenschaft - sondern auf Machtansprüchen“.

Am heutigen Freitag sollen die Klimagespräche zu Ende gehen.

 

Verfolgen Sie die Verfolger: Mehr zu Ole Seidenberg und den anderen "negotiator trackern" finden Sie HIER

 

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