Vorwärts in die Steinzeit

Aus Nusa Dua (auf Bali) NICK REIMER 

bali_kuseKolja Kuse will eine neue Steinzeit. "Das Frappierende an Granit ist, dass er die selbe spezifische Dichte besitzt wie Aluminium", sagt der 49-jährige Münchner. Bedeutet: Granit ist genauso leicht wie Aluminium. Andererseits aber ist der Stein härter und ähnlich druckstabil wie Stahl - und außerdem überall zu finden. "Warum also ersetzen wir nicht Stahl oder Zement auf der ganzen Welt durch Granit?" 

Was Kolja Kuse auf dem Klimagipfel zu suchen hat? Ganz einfach: Die Herstellung von Stahl, Leichtmetallen wie Alu oder von Zement sind extrem energieintensiv. Die drei Branchen sind zusammen für 60 Prozent der industriebedingten Kohlendioxid-Emissionen weltweit verantwortlich. "Die könnten wir uns größtenteils sparen", sagt Kuse und meint das wirklich ernst. 

Auf einem Messestand direkt neben dem Konferenzplenum wirbt er für seine Idee. Neben einer Stahlschiene liegt eine aus Granit. "Um ein Brechen der Granitschiene zu verhindern, haben wir Kunststofffasern aufgebracht", erklärt Kuse. Dann drückt er den Standbesuchern beide Schienen in die Hand. Die aus Stein ist deutlich leichter. "Das tragende Gerüst der Flugzeuge, Autokarossen, Bahnen, Fahrräder, Baustahl – man könnte alles aus Stein machen", sagt Kuse. Der Vorteil liege auf der Hand: Die Steinkonstruktionen wären so leicht wie die aus Alu und so stabil wie jene aus Stahl oder Stahlbeton. "Man bräuchte weniger Treibstoff. Und bei der Herstellung wird nur ein Bruchteil der Kohlendioxid-Menge frei, die der Herstellungsprozess von Stahl und Beton verursacht."

Ausprobiert hat Kuses Idee die  Schweizer Firma Zai: Sie baute einen Ski - das Modell "Spada" - aus Granit, Holz und Kohlenstofffasern. Natürlich war Kuse mit seinem Steinwerkstoff auch schon auf der Hannover-Messe. "Aber dort hat niemand einen Blick auf das Klimaproblem", sagt der Ingenieur. 

Hier in Bali dagegen hofft er, offene Ohren zu finden. Der Clou aber ist, dass Kuse mit seiner Idee Technologietransfer in Entwicklungsländer leisten will. "Wir vergeben die Lizensrechte an Entwicklungsländer.  Entwickelt ein Land daraus eine Produktidee und verkauft diese weiter, verlangen wir 20 Prozent der Lizenzgebühr." Dieses Geld soll dann einem Verein zu Gute kommen, der sich um Weiterentwicklung der Idee bemüht.

In München ist Kolja Kuse Chef der Firma Technocarbon. Die stellt zum Beispiel  drei Millimeter dicke Tischplatten aus Stein her. Zum Geschäftserfolg seiner Firma sagt Kuse: "Leider ist es im Moment hauptsächlich meine Frau, die die Familie ernährt." Kuse hat drei Kinder. Auf Bali wohnt er nicht im noblen Nusa Dua, sondern in einem kleinen, billigen Hotel 30 Kilometer vom Konferenzort entfernt. Und da will er sein Patent so einfach verschenken? "Gerade deshalb", sagt der gut genährte Bayer: "Ich habe den Eindruck, dass die Konferenz darüber streitet, wie sie zwei Prozent Treibhausgas in der Landwirtschaft, vier Prozent in der Industrie oder drei Prozent irgendwo sonst einsparen kann. Aber das hilft uns nicht weiter! Wir brauchen eine technische Revolution!" Also eine neue Steinzeit.  

Über mangelndes Interesse kann Kuse nicht klagen. Am Freitag zum Beispiel besuchte Rajendra Pachauri, der als Vorsitzender des Weltklimarates IPCC gerade den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte, Kuses Stand. "Wieviel können sie denn von diesem Werkstoff herstellen", fragte der Inder. Kuse antwortete: "Ich möchte das Indien sehr viel davon produziert!" Pachauri war begeistert: "Ich glaube, da kann ich Ihnen helfen!" NICK REIMER

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