So schlimm wie Amerika

Aus Nusa Dua NICK REIMER 

Der Präsident von Guyana hat auf der Weltklimakonferenz Großbritannien einen großzügigen Vorschlag unterbreitet: Die ehemalige Kolonialmacht dürfe den gesamten Regenwald des südamerikanischen Landes kaufen. "Wir wollen keine Almosen", sagte  Präsident Bharrat Jagdeo in der BBC. "Es ist ein Geschäft." Von dem auch noch die ganze Welt etwas hätte. Die Guyaner versprechen, den Wald zu pflegen und die Bäume nicht abzuholzen. Im Gegenzug wollen sie Entwicklungsgelder aus London. Der Vorteil für Großbritannien: Auf einen Schlag würde das Land für ein Jahr emissionsneutral. Denn der Regenwald von Guyana speichert so viel Kohlenstoff, wie Großbritannien jedes Jahr in Form von Kohlendioxid jährlich freisetzt. 

Jede Klimakonferenz hat ihren eigenen Fokus. In Kenia setzte vor Jahresfrist der Gastgeber alles daran, einen Anpassungsfonds zu beschließen. Dieser soll den ärmsten Ländern bei der Anpassung an die bereits heute spürbaren Folgen des Klimawandels  helfen. In Indonesien ist es nun das Thema Wald, das im Mittelpunkt steht: Brasilien ist das Land mit dem meisten Regenwald weltweit. Und auf diesen herrscht ein enormer Druck der Agrar- und Biomasse-Industrie. "Jährlich werden 13 Millionen Hektar entwaldet", sagt UN-Klimachef Yvo de Boer. wwf_waldbrand-canon__mark_edwards13 Millionen Hektar - das ist viermal die Fläche von  Belgien. 20 Prozent der jährlichen menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen weltweit entstammen aus dieser Rodung. Damit ist der Raubbau an den Wälder hinter der Energiewirtschaft zweitgrößter Treibhausgas-Produzent -- weit vor den Sektoren Landwirtschaft, Verkehr oder Industrie.  De Boer: "Wir müssen uns etwas einfallen lassen". Denn, darauf wies gestern eine WWF-Studie hin, beide Entwicklungen verstärken sich gegenseitig: Wenn durch Abholzungen der Treibhauseffekt voranschreitet, schwächt das den verbliebenen Regenwald, der dann noch schneller verschwindet. 

Nachgedacht wird schon seit der Klimakonferenz vor zwei Jahren in Montreal. Der Prozess firmiert im Konferenzsprech unter REDD  - "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation".  Weil sich aber die von den Europäern dominierte Klima-Debatte immer nur um "Reduzierung" und um das Post-Kyoto-Regime geht, kommt REDD einfach nicht vom Fleck. 

 

bali_papua

 

Barnabas Suebu, ein kleiner beleibter Mann, hat sich vor dem Eingang des Konferenzzentrums postiert. "Ich bin der Gouverneur von Papua", ruft er, "ich bin verantwortlich für die Bäume!" Irritiert bleiben eilige Delegierte stehen. "Ich bin zuständig für den Wald. Und für die Tiere, die in ihm leben", ruft Suebu, um den sich jetzt ein Kreis gebildet hat. "Wäre ich nur Gouverneur für die Menschen, wäre das ein einfacher Job. Aber ich bin auch für die Bäume Gouverneur. Ihr müsst mir helfen!"

In den letzten Jahren haben chinesische und indonesische Firmen Pläne vorgelegt, nach denen sie für mehrere Milliarden Dollar Palmölplantagen in Indonesien aufbauen wollen -- meist dort, wo derzeit Regenwald steht. Die Nachfrage nach Kraftstoffen aus Biomasse ist enorm. Papua befindet sich am Beginn seines ersten Investitionsrausches. "Natürlich braucht meine verarmte Provinz West-Papua einen Entwicklungsschub", sagt Suebu. "Aber doch nicht so!" Er möchte, dass der Regenwald Papuas in den Emissionshandel einbezogen wird. Pro Einheit Waldfläche sollen Zertifikate ausgegeben werden für die darin gebundene Menge co2. Diese Papiere könnte Papua dann an den Zertifikatshandelsbörsen in Geld umrubeln. Im Gegenzug verpflichtet sich West-Papua, die Wälder zu schützen. Per Satellit würde die Erfüllung der Vorgaben überprüft.

"Es gibt genug Firmen, die Verschmutzungsrechte brauchen. Und wir haben genug Regenwald", sagt Suebu. So wäre allen gedient, vor allem aber dem Klima. Andernfalls werden sich die Firmen durchsetzen: "Der wirtschaftliche Druck ist enorm". 

In der indonesischen Provinz Aceh, die genau wie West-Papua einen Autonomiestatus besitzt, hat die Regierung bereits ein Modellprojekt zum so genannten "Forest Based Carbon Trading" entwickelt. Allerdings ist weder Aceh noch West-Papua offiziell auf der Klimakonferenz vertreten. Gouverneur Barnabas Suebu kann bloß vor dem Konferenzgebäude stehen und schreien - und auch das nur, weil eine Umweltorganisation ihn in ihre Delegation aufgenommen hat. Entsprechend schwer sei es für ihn, seinen Vorschlag den Delegierten nahezubringen. "Ich weiß, dass sich Indonesien nicht viel aus dem Regenwald macht", sagt der 61-jährige Suebu. 

"Es werden in den REDD-Verhandlungen zwei Wege diskutiert: Erstens die Fonds-Lösung, zweitens die Zertifikatelösung", erklärt Nicole Wilke, bis zur Ankunft von Sigmar Gabriel kommende Woche Leiterin der deutschen Regierungsdelegation. Vor allem Brasilien unterstützt Modelle, wie sie der Präsident des Nachbarstaates Guyana vorschlägt: Regenwald einfach aufkaufen zu lassen. Völlig unklar ist allerdings, woher das Geld für einen solchen Fonds kommen soll. Müssen die Industrieländer bindend einzahlen? Basiert er auf Freiwilligkeit? Das von Aceh und West-Papua favorisierte Zertifikatemodell dagegen stößt zunehmend auf Ablehnung. Experten fürchten, dass der Kohlenstoffmarkt mit Waldzertifikaten überschüttet würde -- und so zusammenbricht, weil eine Einheit co2 zu billig würde, als das sich überhaupt noch andere Einsparinvestitionen lohnen. Ohnehin sind etwa in Europa derzeit mehr Zertifikate auf dem Markt als Emissionen da sind, der Preis für eine Tonne Kohlendioxid an der Leipziger Strombörse EEX liegt derzeit bei läppischen 3 Cent. Das wird sich erst Anfang 2008 ändern, wenn im EU-Emissionshandel eine neue Handelsperiode beginnt -- mit insgesamt weniger verfügbaren Verschmutzungsrechten. 

Suebu will sich deshalb nicht auf den Kyoto-Prozess verlassen und erwägt einen Papua-Fonds zu schaffen. US-amerikanische Firmen, die ohnehin nicht unter das Kyoto-Protokoll fallen, könnten so Aufforstungsprojekte finanzieren. Oftmals sei es so, dass diese Firmen aus PR-Gründen "kohlenstoff-neutral" werden oder sich schon jetzt freiwillig an die strengeren zukünftigen Regularien anpassen wollen. 

"Annäherung, um Handlung auszulösen" - unter dieser Tagesüberschrift traf sich heute die REDD-Verhandlungsgruppe. Allerdings rechnet niemand wirklich mit einem REDD-Durchbruch auf Bali. Nicole Wilke: "Wenn es uns gelingt, das Thema in den Zukunftsprozess einzubauen, wäre das ein schöner Erfolg."  Konkret bedeute dies, dass über Modellprojekte herausgefunden werden soll, welcher Weg der beste ist.

Die Entwaldung wird also auch in den nächsten Jahren für 20 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen sorgen. 20 Prozent, das ist genau so viel, wie die USA emittieren. Während aber regelmäßig auf die Bush-Administration ein geprügelt wird, kümmert sich um die Entwaldung kaum jemand ernsthaft. 

Großes Foto: Nick Reimer
Kleine Fotos (Regenwald in Brasilien): WWF/Canon Mark Edwards 

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen