Mit Sigmar Wieczorek-Zeul auf Bali

Tag 10 auf Bali: Der Bundesumweltminister ist angekommen – und hetzt durch ein Mammutprogramm.

Aus Nusa Dua Nick Reimer

"Heute sind hier alle für den Klimaschutz." Sigmar Gabriel kleidet an diesem Mittwoch ein schwarzer Anzug aus leichtem Stoff. Die Anzugsordnung ist Programm: Heute beginnt auf der Weltklimakonferenz das sogenannte "Ministersegment" – die große Politik. Zuerst hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Staatenführer der Welt an die alarmierenden Berichte des Weltklimarates IPCC erinnert. Dann haben die Ministerpräsidenten Indonesiens und Australiens die Delegierten zu Fortschritten aufgerufen. Jetzt reden die Minister oder Delegationsleiter aller Länder. 

bali_gabriel
Foto: Reimer

Morgens halb acht hatte sich die deutsche Delegation erstmals mit Gabriel zusammengefunden. Von dort eilte der Minister zum EU-Treffen, um Positionen, Vorgehensweise und Zeitpläne abzustimmen. Jetzt sitzt er im Plenum, hört zu, studiert Papiere, vergibt nebenbei Arbeitsaufträge an seine Mitarbeiter. Später wird er die Reden auf dem Podium so kommentieren: "Alle haben erklärt, wie wichtig es ist zu handeln. Aber leider vergessen das einige Minister, wenn sie dann selbst in den Verhandlungen sitzen." 

In der Mittagspause des Plenums steht Gabriels erster offizieller Auftritt der diesjährigen Weltklimakonferenz an: eine internationale Pressekonferenz. Vor ihm sitzt Ban Ki Moon auf dem Stuhl. "Es geht hier um eine Reise: Bali ist der Startpunkt, und ein neues Klimaregime für die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll ist das Ziel", sagt Gabriel. Das Kyoto-Protokoll läuft Ende 2012 aus. "Wir müssen verabreden, welche einzelnen Stationen wir auf dieser Reise ansteuern." Will heißen: wann welche Themen auf der Verhandlungsagenda – der sogenannten Bali-Roadmap – stehen.  

Gabriel erklärt vor etwa 75 Journalisten, dass Klimaschutz nur in Verbindung mit Armutsbekämpfung geht. Gabriel gibt bekannt, dass Deutschland jetzt jährlich eine Milliarde Euro für Klimaschutz in Entwicklungsländer geben wird. Gabriel sagt, dass nicht alle Industrieländer ihren CO2-Ausstoß um 30 Prozent bis 2020 senken werden können, weshalb Deutschland sich verpflichtet hat, 40 Prozent zu reduzieren. Gabriel erklärt, dass die Bundesregierung dafür auch gerade ein Maßnahmenpaket – Gesetze und Verordnungen – beschlossen habe. 

"Für uns ist der Klimawandel nicht nur Gefahr, sondern auch Chance." Damit eröffnet er die Frage-Runde. Washington wolle in der Bali-Roadmap keine konkreten Zielvorgaben festschreiben, so ein Journalist aus den USA: "Halten Sie das für sinnvoll?" – "Wer eine Roadmap, eine Straßenkarte, entwickelt, der muss sie einnorden", erklärt der Umweltminister. "Die Wissenschaft sagt, wir müssen 2020 zwischen 25 und 40 Prozent unter dem Emissionsniveau von 1990 liegen. Auch die USA können diesen Sachverstand nicht ignorieren." Was denn passiere, wenn die USA einem solchen Passus nicht zustimmen werden? "Wir brauchen kein Papier, das sagt: Wir treffen uns nächstes Jahr wieder. Die EU ist hier angetreten, um das Ziel festzuschreiben." 

Nächster Programmpunkt: Foto mit dem WWF. Die Zeit ist knapp, Gabriel nimmt gleich den Seitenausgang. Als der Minister die Tür öffnet, schlägt ihm eine Hitzewand entgegen. "Heiß hier", sagt Gabriel, muss sich aber schon wieder konzentrieren: Ein Umwelt-Aktivist hat sich an seine Fersen geheftet, um auf einen Knackpunkt der Verhandlungen hinzuweisen. "Ich werde das prüfen", sagt der Minister, als er vor der Konferenzhalle angekommen ist. Zwei Aktivisten in riesengroße Schneckenkostümen warten schon. Und ungefähr sechs Dutzend Fotojournalisten und Kamera-Teams.  

"Wir wollen wirklichen Klimaschutz! Wir brauchen einen Durchbruch", ruft WWF-Klimaexpertin Regine Günther, so laut, dass auch die Journalisten in der hintersten Reihe verstehen, worum es hier geht. "Das müssen Sie den Amerikanern sagen", antwortet Gabriel deutlich leiser. "Nicht nur", kontert Günther und übergibt dem Minister 5.000 Unterschriften eines Aufrufs: "Keine neuen Kohlekraftwerke in Deutschland!" Gabriel fragt artig: "Wo haben Sie die denn gesammelt?" Übers Internet und in unserer Geschäftsstelle, antwortet Günther. "Schön", sagt der Minister, er müsse aber leider weiter.   

Briefing der deutschsprachigen Presse. Gabriel zieht sich das Jackett aus, bevor er neben Heidemarie Wieczorek-Zeul Platz nimmt. Gabriels Sprecher begrüßt die 40 Journalisten und stellt "Sigmar Wieczorek-Zeul" vor. Am schnellsten reagiert die Bundesentwicklungsministerin: "Und Heidemarie Gabriel", kontert sie. Die allgemeine Heiterkeit steigert sich, als sich auch Gabriel in den Fauxpas einmischt: "Bitte keine Drohung, Frau Kollegin!"  

Dann aber wird es wieder ernst. Wieder geht es wieder um die Rolle der USA. "Man könnte verstehen, wenn die USA sagen: Vor den Wahlen reden wir nicht über Werkzeuge. Aber das wollen wir ja auch gar nicht. Hier geht es darum, einen Bauplan zu entwickeln." Also muss doch gesagt werden, was man eigentlich bauen will. Wie steht es mit Kanada? Mit Japan? "Beide Staaten kochen eine ganz unangenehme Suppe", sagt Gabriel. "Aber wir werden mit den Kanadiern und den Japanern reden und sie auf den Pfad von Heiligendamm zurückbringen. Auf dem G8-Gipfel hatten sich im Juni auch Kanada und Japan zu starken Reduktionszielen bekannt. Wie es jetzt weitergeht? "Die EU wird heute ihre fünf Unterhändler bestimmen", sagt der Umweltminister. Neben Portugal, Slowenien und Dänemark sehe es so aus, als werde auch Deutschland ein Mandat bekommen. 

"Wir haben noch Zeit für ein Interview", sagt Gabriels Sprecher. "Ich will aber vor meiner Rede eine Weile im Plenum sitzen", fordert der Minister. Akklimatisieren, Präsenz zeigen. "Ja ja", sagt sein Sprecher, "wir sind weit hinter dem Zeitplan." ZDF, RTL, N24 und ein österreichisches Team stehen an, um den Minister zu befragen. "Können wir das nicht zusammen machen?" Gabriel wirkt ein bisschen unruhig. Ja, zusammen geht auch.  

Dann sitzt er im Plenum und muss sich gedulden. Der Zeitplan ist deutlich aus dem Ruder gelaufen. Anrufe erreichen den Minister, die sein Eingreifen zu erfordern scheinen. Er berät sich kurz, springt auf und eilt aus dem Saal. Halb sechs, dann ist es so weit: Gabriel betritt die große Bühne. Gabriel spricht für Deutschland zur Welt: "Die Industrieländer müssen akzeptieren, dass von ihnen mehr als eine Langzeit-Verpflichtung verlangt wird. Nichts ist für einen Politiker einfacher als zu erklären, bis 2050 die Hälfte der Treibhausgase seines Landes reduzieren zu wollen. Denn das muss nicht er umsetzen, sondern seine Enkel. Wir brauchen deshalb mittelfristige Zusagen: 30 Prozent bis 2020."

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen