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Journalisten im Elfenbeinturm

Die Klima-Berichterstattung von Medien wie der Süddeutschen Zeitung ist ein Grund sich aufzuregen: Bedenken äußern ist okay – aber wehe, jemand stellt konkrete politische Forderungen und verlangt Konsequenzen. Dann wird er bestenfalls als Utopist geschmäht, schlimmer und öfter aber: ignoriert. Teil 3 der Serie 'Was Warschau wert ist'.

Von Daniel Boese

BildUnfassbar, wie man nach den digital verstärkten politischen Massenbewegungen von Occupy Wall Street und dem Arabischen Frühling noch so einen ratlosen und planlosen Leitartikel zum Klimagipfel schreiben kann wie Arne Perras am Samstag mit "Vor uns die Sintflut" in der Süddeutschen Zeitung. 196 Zeilen Ahnungslosigkeit. 

Rund um die Welt arbeiten längst Hunderttausende Menschen an Kampagnen, Aktionen und Strategien, um die Sintflut politisch zu stoppen. Die Klimabewegung wird und muss in den nächsten Jahren in der Größenordnung von Occupy und Arabellion Weltklimapolitik beeinflussen. Aber Arne Perras erwähnt nicht eine einzige konkrete politische Kampagne, sondern wägt über die ganze Strecke alle Stolperfallen der Klimapolitik ab (davon gibt es ja mehr als genug), um dann in dem sensationell hoffnungslosen und zynischen Fazit zu enden:

"Die Welt wird sich besser wappnen müssen gegen Stürme und Fluten. Das zumindest sollte möglich sein, selbst wenn die Staaten beim Klimapakt scheitern." 

Liebe "Süddeutsche", da erwarte ich echt mehr von euch. Der Leitartikel und der Politikteil der SZ sind Orte, an denen die Politik unserer Republik mit intellektuellem Anspruch und Blick auf soziale Gerechtigkeit diskutiert wird. Wenn die SZ sich schon keine Mühe macht, Perspektiven für eine schnelle politische Lösung des Klimawandels zu finden, wie sollen das denn die Politiker tun, die unter Dauerbeschuss von Auto-, Kohle-, Öl- oder Gas-Lobbyisten stehen? Oder ist das zu viel erwartet von einer Zeitung, die von doppelseitigen Autoanzeigen lebt – wie der von Audi direkt nach dem Klimaartikel?

Vergeudeter Platz

Ich erwarte noch keinen Aufruf zu Klimalichterketten von der SZ oder gar zu Blockaden vor den Werkstoren von Audi, BMW, Mercedes oder VW. Obwohl die Zeit dafür eigentlich längst gekommen ist – denn unsere deutschen Autokonzerne bauen zwar ein paar grüne Autos, haben es aber geschafft in Brüssel und Berlin die deutsche und auch gleich die europäische Klimapolitik zu zerstören. (Auch das ist lang und breit auf den Seiten der SZ dokumentiert).

Was ich dagegen erwarte, ist, dass ein Journalist so einen Leitartikel nicht verschwendet. Sondern ihn als Plattform und Bühne nutzt, um realistische Handlungsoptionen für einzelne Bürger, aber auch und als Allererstes für unsere Bundespolitik herauszuarbeiten: So können wir den Klimawandel aufhalten!

Warum mich das Versagen von Perras so aufregt? Weil der Teaser, der Perras’ Text auf der Titelseite ankündigt, den Kern eines spannenden, engagierten und sinnvollen Leitartikels enthält: "Nur die Sorge um Kinder und Enkel könnte den Klimawandel bremsen". Es sind ganze elf Zeilen, in denen Perras den Anfang eines Gedankens entwickelt:

"Viele werden sich also in Zynismus flüchten. Nach mir die Sintflut. Nur ein Argument könnte vielleicht der Vernunft zu ihrem Recht verhelfen: Das ist die Sorge um Kinder und Enkelkinder. Auch sie verdienen eine menschenwürdige Umwelt, und was heute versäumt wird, bekommen sie morgen und übermorgen zu spüren. Offenbar ist der Leidensdruck noch nicht groß genug, diesem Gedanken genügend Gewicht zu verleihen."

James Hansen, der bekannteste Klimawissenschaftler der USA, folgt genau diesem Gedanken, wenn er sich vor dem Weißen Haus mit 1.500 anderen Menschen verhaften lässt, um die Keystone-XL-Pipeline von Kanada nach Texas zu verhindern. Das war im Februar 2013 – die größte Aktion zivilen Ungehorsams in den USA seit Martin Luther King. Hat das kein Gewicht? Weiß Perras das nicht? Ist ihm das egal?

Hansen ist nur der bekannteste der Großväter, Großmütter, Väter und Mütter, die ihre wissenschaftliche und professionelle Reputation riskieren, um den Klimawandel aufzuhalten. Hansen erklärt und begründet seine politische Haltung unter anderem im Buch "Stürme meiner Enkelkinder". Die Reaktion von Klimajournalisten hinter vorgehaltener Hand: "Hansen spinnt doch."

Aufregende Kampagnen

Das ist der Kern des Problems von Perras’ Leitartikel und der Klimaberichterstattung generell: Bedenken äußern ist okay. Aber wehe, jemand wird konkret, stellt politische Forderungen und verlangt Konsequenzen. Dann wird er bestenfalls als Utopist geschmäht, schlimmer und öfter aber: ignoriert. 

Ich muss keine fünf Minuten nachdenken, um eine Liste der zehn aufregendsten Klimakampagnen, von denen man jetzt seinen Freunden erzählen muss, aufzustellen: 

Wenn Perras und die SZ sich nicht die Mühe machen, diese Kampagnen zu kennen, oder – schlimmer – sie trotzdem totschweigen, machen sie ihren Job nicht! Denn Kampagnen wie diese sind viel näher an Antworten und Lösungen für den Klimawandel als der SZ-Leitartikel.

Meine These war schon vor dem Gipfel von Kopenhagen 2009: Nur eine weltweite politische Bewegung kann und wird den Klimawandel aufhalten. Für ein Buch und einen Dokumentarfilm für das ZDF habe ich die Menschen gesucht, die diese Bewegung aufbauen. Heute, fünf Jahre später, sind wir schon viel weiter und auch viel präziser. Aber wir sind noch nicht weit genug, wir sind gerade an dem Punkt, an dem man uns nicht mehr ignorieren kann – in den USA zum Beispiel (siehe oben: Keystone XL und fossilfreie Unis).

Wenn die SZ aber trotz aller vorgeblichen Sorge um den Klimawandel diese Bewegungen und ihre Protagonisten nicht als politische Akteure wahrnimmt, analysiert und vorstellt, dann macht sie ihren Job nicht. Sie macht es sich stattdessen als Klimabedenkentroll im Elfenbeinturm gemütlich. (Und lässt sich von Audi die Füße kraulen). Wenn die SZ so konsequent über die Klimabewegung berichten würden, wie das der Guardian und Climate Progress tun, würde das die deutsche Klimapolitik um Jahre nach vorne bringen!

Was ist ein Klimabedenkentroll? Jemand der viel redet, prinzipiell aber nichts Konkretes tun will – genauer: jemand, der sich als Klimaschützer ausgibt und so argumentiert, aber tatsächlich auf der Seite der fossilen Lobby steht. Wenn jemand in einem Text nicht nur die Klimakonferenzen erwähnt, sondern auch "Sturmmonster", den "deutschen Barockdichter Andreas Gryphius", den "Katholizismus" und die "Strafe Gottes", und wenn er sich bei den handelnen Subjekten in "viele", "niemand", "menschliches Verhalten" und "Menschenkinder" flüchtet, statt Kohlefreunde wie Hannelore Kraft, Angela Merkel oder Sigmar Gabriel zu analysieren – dann ist er ein Bedenkentroll. Wenn Orte wie die deutschen Braunkohlehochburgen in der Lausitz und im Rheinischen Braunkohlerevier bei Köln verschwiegen werden: Vorsicht vor dem Bedenkentroll!

Was ich mich frage: Wie kommt so ein ärgerlicher Text zustande? Wie kann es sein, dass im Meinungs- und Politikressort der SZ ein Politikverständnis herrscht, bei dem Politik etwas ist, das irgendwo im Abstrakten passiert? Wo es tabu ist, Subjekte zu benennen, Orte sichtbar zu machen und Konsequenzen aufzuzeigen. Deutschlands schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kohle zu begründen, zu untermauern und zu fordern ist längst angebracht. Kampagnen wie AusgeCO2hlt für den sofortigen Braunkohleausstieg oder das Schwarzbuch Kohlepolitik von Greenpeace arbeiten seit Jahren daran. Schweigen bei der SZ.

Ahnungslose Medienprofis 

Die SZ liest sich großartig als die Heimat des linksliberalen Weltgeistes der Bundesrepublik. Diese Mischung aus Politik und Feuilleton, in der Foucault, Habermas, David Graeber und Occupy aufeinandertreffen und durch Reportagen und Analysen von Kreye, Kister, Patrick Illinger und Prantl geerdet werden – da stecken eigentlich kluge Köpfe dahinter. Ich bin nur immer wieder baff, dass jeder junge Klimaaktivist, der mit der britischen Jugendklimakoalition UKYCC oder SustainUS aus den USA zum ersten Mal in seinem Leben zwei Wochen auf einem Klimagipfel verbringt, hinterher eine präzise Theorie und Praxis des politischen Wandels für das globale wicked problem Klimawandel erlebt und erarbeitet hat. Die Vollprofis von der SZ haben die aber nicht. O weh.  

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Geht es ums Klima, schwebt die Süddeutsche gern über den Dingen. Wenn es drauf ankommt, kneifen die Redakteure oder haben keine Ahnung, meint Daniel Boese. (Foto: FelixRo/Wikimedia Commons)

Daniel Boese ist Journalist, Autor und Klimaaktivist. 2010 berichtete er für klimaretter.info vom Klimagipfel in Cancún. 2011 erschien von ihm das Klimabuch "Wir sind jung und brauchen die Welt". Er bloggt auf climatechaos.tumblr.com

 
Die klimaretter.info-Serie: Was Warschau wert ist

Teil 1 – Nick Reimer: Was im System eben machbar war
Teil 2 – Jan Kowalzig: Schlusstext weiter abgeschwächt

Alle Beiträge zur COP 19 in Polen finden Sie im 
klimaretter.info-Warschau-Dossier

[Erklärung]  
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