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Korolec, der Denker

Das Porträt: Einer von 10.000

In einer Serie stellt klimaretter.info Akteure der Weltklimakonferenz vor. Heute: Marcin Korolec (44), Präsident des 19. Klimagipfels in Warschau. Seine politische Zukunft ist ungewiss, trotz eines Durchbruchs in letzter Minute.

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Auf der Klimakonferenz ist es plötzlich ganz still. Es gibt Hunderte Mikrofone im Saal, das von Marcin Korolec leuchtet gerade rot. Bedeutet: Korolec' Mikrofon ist angeschaltet. Die anderen müssen schweigen.

Marcin Korolec sollte jetzt etwas sagen. Der Präsident der Klimakonferenz in Warschau ist Dreh- und Angelpunkt des Weltklimagipfels, und der ist gerade schwer ins Trudeln geraten: Die Entwicklungsländer sind mit dem Kompromiss nicht zufrieden, die ganze Konferenz droht zu scheitern.

Korolec müsste etwas unternehmen, einen Kompromiss vorschlagen, eine Kontaktgruppe anregen, jedenfalls wenigstens irgend etwas sagen.

Das geht aber nicht. Marcin Korolec denkt gerade. Der 44-Jährige zieht seine Stirn in Falten. Korolec denkt nach.

Marcin Korolec hat in Wien Recht und Verwaltung studiert und begann seine Karriere als Rechtsanwalt in einer Kanzlei. 1999 wurde er Berater von Jan Kułakowski, der für Polen damals die Verhandlungen zum EU-Beitritt managte. Von da an ging es steil bergauf: 2005 wurde Korolec Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der Regierung von Jarosław Kaczyński, danach Mitglied des Nationalen Rates für Umweltschutz und Wasserwirtschaft, 2011 schließlich Polens Umweltminister.

Im UN-Turnus ist die Neuaufteilung der Welt noch nicht angekommen:  Nach einer Klimakonferenz in Westeuropa folgt eine Klimakonferenz in einem amerikanischen Staat, als Nächstes eine Klimakonferenz auf afrikanischem Territorium, gefolgt von Asien, und dann kommt der "Ostblock" zu seinem Recht: 2012 gab es außer Polen aber keinen anderen Staat des ehemaligen Warschauer Pakts, der sich für die Ausrichtung des Klimagipfels bewarb. Zu teuer, zu wenig prestigeträchtig. Also wurde Polen nach 2008 zum zweiten Mal Gastgeber.

Polen reklamiert Erfolgsbilanz

Und Umweltminister Korolec wurde Konferenzpräsident. Kritiker werfen ihm den Kohlekurs seines Landes vor. "Wenn alle solche Erfolge hätten wie wir, wäre das Klimaproblem leicht zu lösen", sagt Marcin Korolec dazu. Abgesehen von Südafrika und der Mongolei gebe es kein anderes Land, das eine so kohleintensive Wirtschaft besitzt wie Polen. Trotzdem seien die Emissionen der 38,5 Millionen Polen seit 1990 um gut ein Viertel gesunken. "Gleichzeitig ist unser Bruttosozialprodukt aber um fast 90 Prozent gestiegen", sagt Korolec. Kein anderer Staat könne eine derartige Erfolgsbilanz für den Klimaschutz vorweisen. "Das zeigt: Polen ist ein Vorbild für die Welt!"

In diesem Moment hilft das der Klimakonferenz nicht weiter. Der gesamte Gipfel steht auf Messers Schneide. Marcin Korolec sollte dringend etwas sagen. Irgend etwas: einen Vorschlag machen, eine diplomatische Floskel gebrauchen, das peinliche Schweigen durchbrechen.

Aber das geht nicht. Marcin Korolec denkt nach. Immer noch.

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Denkt lieber etwas länger nach: Marcin Korolec als Konferenzpräsident beim Klimagipfel im Warschauer Nationalstadion. (Foto: Reimer)

Der rechtskonservative Premierminister Donald Tusk hatte just während der Klimakonferenz seinen Umweltminister Korolec entlassen. Konferenzpräsident Korolec, dem es schon zuvor schwergefallen war, der Konferenz Impulse zu geben, war seitdem noch mehr geschwächt. Aber jetzt, ganz am Schluss der Konferenz, jetzt scheint das Ergebnis des Nachdenkens den Weg zu Korolec' Lippen gefunden zu haben: "Ich schlage vor, 15 Minuten Konsultation in die Sache zu investieren." 

Damit siegt Korolec: Der Klimagipfel von Warschau ist gerettet. Ganz zum Schluss wird doch noch ein Kompromiss gefunden.

BildAufgezeichnet von Nick Reimer

Einige von 10.000 – Porträts vom Klimagipfel in Warschau 
Raju Pandit Chhetri, 32, Delegierter aus Nepal
Dipti Bhatnagar, 23, Umweltschützerin aus Mosambik
Jayanthi Natarajan, 59, Indiens Umweltministerin
Maria Theresa Nera-Lauron, 45, philippinische Delegierte
Vitumbiko Chinoko, 37, Agrarexperte aus Malawi
Kjell Kühne, 34, Aktivist aus Mexiko
Marcin Korolec (44), polnischer Klimagipfel-Präsident

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Alle Beiträge zur COP 19 in Polen
finden Sie in unserem Warschau-Dossier

 

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